Wie eigentlich immer in China startet dieser Artikel gleich wie immer: mit einer Zugfahrt. Wir holten uns Kaffee am Bahnhof, bestiegen den Zug und los ging es mit dem Ziel Lijiang. Pro Tag fährt genau ein direkter Zug nach Lijiang um 8:37 Uhr, und die Fahrt dauert ziemlich genau neun Stunden. Wir waren also auf eine lange Sitzpartie eingestellt. Wir assen Nudelsuppen, lasen Bücher und schauten Serien. Irgendwann, wir waren nur noch etwa 40 Minuten von Lijiang entfernt, bemerkte Eva plötzlich, dass dieser Zug nach Xianggelila, also Shangri-La, weiterfahren würde, was nach Lijiang unser nächstes Ziel sein sollte. Irgendwie kam diese Info bei Pascal nicht richtig an; es dauerte doch einige Minuten, bis die Informationen verarbeitet waren, und plötzlich wurde er hektisch, informierte sich über Hotels vor Ort und schlug vor, gleich bis nach Shangri-La durchzufahren. Wir fragten einen Ticketkontrolleur, wie wir es handhaben müssten, damit wir spontan weiterfahren könnten, und es erwies sich als nicht wirklich einfach. Scheinbar sind spontane Änderungen des eigentlichen Reiseplans nicht etwas Alltagliches, und nachdem sich das gesamte Zugpersonal zu unserem Fall beraten hatte – langsam waren wir unserem ursprünglichen Zielort schon sehr nahe –, empfahl man uns, einfach zusätzliche Tickets von Lijiang nach Xianggelila zu buchen. Das war aufgrund der Funklöcher auf der Strecke gar nicht so einfach, und da die Zahlung über eine ausländische Kreditkarte auch nicht immer zuverlässig funktioniert, konnten wir erst gerade, als wir in Lijiang einfuhren, die neuen Tickets auf unseren Smartphones bereithalten. Geschafft. Nach dem Verlassen des Zugs buchten wir gleich noch ein Hotel. Die Fahrt dauerte nochmals rund eineinhalb Stunden, aber somit hatten wir wenigstens gleich einen Reisetag, der die gesamte Strecke abdeckte, anstatt am nächsten Tag nochmals in den Zug zu steigen. Von Lijiang nach Xianggelila geht es stets bergauf; auch wenn Lijiang schon auf 2600 Metern über Meer liegt, sind es in Xianggelila nochmals 650 Meter mehr. Wir sind am Morgen in Chengdu auf ca. 500 m gestartet. Als wir aus dem Zug stiegen, kam uns schon kühle Luft entgegen. Ausser auf der Skipiste waren wir noch nie über 3000 Meter, und im ersten Moment war uns doch ein wenig schwindelig. Wir merkten, dass unser Atem schneller ging und wir extrem durstig waren. Wir checkten am Bahnhof aus und unser Pass funktionierte nicht. Wahrscheinlich hätten wir formhalber zuerst in Lijiang auschecken und danach wieder einchecken müssen, damit wir korrekterweise mit dem neuen Ticket nach Shangri-La «einreisen» dürfen. Aber der Sicherheitsbeamte gab irgendwann auf und wir kamen weiter. Es war schon langsam am Eindunkeln, wir kauften uns im Shop beim Bahnhof noch einige Flaschen Wasser und fuhren mit dem letzten Taxi, das dort wartete, in die Innenstadt. Langsam ging es uns besser; wir hatten zwar noch weiche Knie, aber der Schwindel war verflogen. Wir checkten im Hotel ein und bekamen gleich einen sehr süssen Tee, der scheinbar gegen die Höhenkrankheit helfen soll – er war so gut, dass wir immer wieder vorbeikommen werden, um nochmals einen Becher davon zu trinken. Ausserdem bekamen wir noch ein Upgrade: ein wunderschönes Zimmer mit freistehender Badewanne, separater Dusche, riesigem Bett und einem Glasdach, das man elektronisch auf- und zufahren konnte, um die Sterne zu beobachten. Und das Allerwichtigste: mit einer Heizdecke, damit wir nicht froren. Sobald wir alles verstaut hatten, gingen wir nochmals nach draussen, um etwas zu essen. Wir fanden ein kleines Lokal gleich um die Ecke, das von einer Familie geführt wurde, und wir assen uns gleich durch die ganze Speisekarte, probierten dies und das und alles war einfach nur gut. Wir waren glücklich, gut genährt und freuten uns, endlich in die Federn zu kommen. Wir schliefen schnell ein, hatten einen total tiefen Schlaf und erwachten am nächsten Morgen relativ spät.
Wir schlenderten durch die Altstadt von Shangri-La, die leider 2015 aufgrund eines Kabelbrands fast komplett abbrannte, aber sie wurde in grossen Teilen wieder aufgebaut, wobei Wert darauf gelegt wurde, dass die Häuser nach traditionellem Handwerk wieder errichtet werden. Die Altstadt war erstaunlich leer, Touristen hatte es nicht viele. Wir trafen im einzigen Café mit einer italienischen Kaffeemaschine einen Italiener, ansonsten hatte es einige Binnentouristen – erkennbar daran, dass sie Sauerstoffflaschen mit sich trugen –, aber grösstenteils war es ruhig und kalt. Die meisten Häuser hatten eine zentrale Heizquelle, einen Holzofen, und darum herum versammelten sich die Betreiber der Läden oder Restaurants. Auch im Restaurant, wo wir eine Art Yak-Pie zum Mittagessen hatten und dazu Yak-Buttertee tranken – es klingt zwar ein wenig gewöhnungsbedürftig, ist aber eigentlich ganz gut –, war es bitterkalt. Wir froren sogar in den fünf Lagen Kleidern, die wir schichteten. Wir merkten, dass uns langsam die Puste ausging und wir bei der Temperatur irgendwann zurück ins Hotel mussten, aber den zentralen Guishan-Tempel wollten wir noch erklimmen. Er steht mitten in der Stadt und ist von überall gut sichtbar auf einem kleinen Hügel gebaut, dem Schildkrötenhügel. Es sind nicht viele Stufen, die man bis zum Tempel erklimmen muss, aber wir mussten immer wieder innehalten und tief durchatmen, bevor wir weitergehen konnten. Oben angekommen, bietet sich ein wunderschöner Blick auf die Altstadt, und auf einem Vorsprung befindet sich die mit 21 Metern Höhe und 60 Tonnen Gewicht grösste Gebetsmühle der Welt. Wir liessen es uns nicht nehmen, auch mitzuhelfen, die Gebetsmühle einige Runden am Drehen zu halten. Den Abend verbrachten wir in einem Restaurant, in dem es Yak-Hotpot gab – übrigens eine Touristenattraktion, die es in der ganzen Stadt gibt.
Am zweiten Tag in Shangri-La mieteten wir für einige Pfennige einen Elektroroller, und nach ein bisschen «Einfahren» kamen wir ganz gut zurecht. Die maximale Geschwindigkeit war 40 km/h, also in etwa wie mit einem «grossen» E-Bike zu Hause. Zuerst düsten wir damit zum gleichen Café vom Tag zuvor, aber unser eigentliches Ziel war das Songzanlin-Kloster, das einige Fahrminuten ausserhalb der Altstadt liegt. Wir fuhren mit unserem Roller dahin, stellten ihn ab und kauften Tickets einschliesslich des Bustransfers zum Kloster. Den Bustransfer kann man sich aber sparen; man kann den Weg auch gut zu Fuss machen oder nach dem Entrichten einer kleinen Gebühr auch mit dem eigenen Fahrzeug, zum Beispiel mit unserem Roller, dorthin fahren. Das wurde uns aber leider zu spät bewusst. Das Songzanlin-Kloster thront über einem kleinen See und hat mit seinen weiss-roten Mauern und seinen goldenen Dächern frappante Ähnlichkeit zum bekannten Potala-Palast in Lhasa. Er wurde 1679 vom fünften Dalai Lama in Auftrag gegeben und ist der grösste tibetische Tempel in Yunnan. Wir gingen langsam und andächtig durch die Gebetsräume und besichtigten die zahlreichen Malereien und kunstvoll verzierten Säulen der verschiedenen Hallen. Nach der Besichtigung umrundeten wir noch zu Fuss den See. Bei strahlend blauem und wolkenlosem Himmel kamen wir gar nicht nach mit dem Fotoschiessen. Danach fuhren wir mit dem Bus wieder an den Eingang zurück und assen dort einige Nudeln, bevor wir uns mit dem Roller weiter zum Napahai-See aufmachten. Da der Roller nur 40 km/h auf die Strasse brachte und einige Überlandstrassen doch sehr stark und schnell befahren waren, tuckerten wir meist gemütlich auf dem Pannenstreifen in die richtige Richtung. Der See ist die Lebensader einer riesigen Grasslandschaft. Während der Schmelzperiode wächst der See und wird grösser und grösser. Als wir da waren, waren die meisten Felder, auf denen normalerweise Pferde und Yaks grasen, «überschwemmt». Im Winter, wenn es kalt genug ist, fliesst das Wasser ab, da kein neues Schmelzwasser dazukommt, und der See verwandelt sich in eine riesige Graslandschaft. Trotzdem sahen wir am Wegesrand immer noch einige Yaks im Schatten liegen und Pferde, die zum Teil bis zu den Knien im Wasser standen und grasten, was der See so hergab. Dass der offizielle Eingang des «Scenic Spot» unter Wasser stand, hat uns nicht im Geringsten gestört. Wir beobachteten fasziniert, wie die farbigen Gebetsfahnen im Wind wehten, und betrachteten interessiert die Konstruktionen der lokalen Bauern, um das Heu zum Trocknen über der Wasseroberfläche zu lagern. Natürlich verirrten sich an einige Stellen auch wieder Reisefotografen und verkleidete Reisende in tibetischen Gewändern, aber alles in allem war der Ort ein klein bisschen Magie – ein wenig davon, was wir vielleicht suchten, ohne genau zu wissen, wonach wir auf der Suche waren. Als es langsam eindunkelte, schwangen wir uns wieder auf unseren E-Roller und tuckerten langsam zurück in Richtung Stadt. Wir merkten, dass der Saft langsam weniger wurde, denn die kleine Maschine hatte ungeahnte Schwierigkeiten, die Hügelkuppe zu erklimmen, bevor es hinunter nach Shangri-La ging. Trotz Navi haben wir uns komplett verfahren. Zum Glück gab es eine kleine Einfahrt, die zu einem riesigen «Zelt» aus Gebetsfahnen führte, unter denen wir uns neu orten konnten, um eine neue Route nach Hause zu finden. Der Weg führte wiederum über einen anderen Hügel, und das kleine Gerät unter unseren Gesässen ächzte, als es die steile Strasse hinauffuhr; die Batterieanzeige blendete besorgniserregende Ladestände ein. Aber oben angekommen, konnten wir alles im Leerlauf bis fast direkt vor das Hotel fahren. Der Chef des Hotels strahlte über beide Ohren, als er uns erblickte; wir glauben, er hatte wohl schon Angst, dass uns etwas zugestossen sein könnte. Nach dem vollbepackten Tag waren wir hundemüde, und selbst ein Kaffee konnte uns keine Lebensgeister mehr einhauchen. Also schleppten wir uns nur gerade bis zum Restaurant, in dem wir am ersten Abend waren, und assen nochmals die knusprigen tibetischen Käsefladen, die man einfach probieren muss, wenn man dort ist – ein absolutes Muss.
Der letzte Tag in Shangri-La startete speziell. Wir hörten in unserem Zimmer, dass es überall knallte. Schnell schlossen wir Schüsse aus – es war sehr unwahrscheinlich, aber man kann ja nie wissen – und gingen nach draussen, um zu sehen, was los war. Überall im Quartier wurden kleine Feuerwerksraketen gezündet, kleine Knaller, die einen unglaublichen Lärm veranstalteten. Wir wurden dort gerade Zeuge einer in China und im tibetischen Buddhismus jahrtausendealten Tradition. Zur Hochzeit, aber auch zum Beispiel beim Fertigstellen eines Wohnhauses werden diese Ritual-Böller gezündet, welche negative Energien und böse Geister vertreiben sollen. Ansonsten stand der Tag komplett im Zeichen des Briefeschreibens. Wir bezogen Stellung in einem Café, welches bisher noch nie offen hatte, und schrieben Karten, was unser Kugelschreiber aushielt. Das führte auch dazu, dass auf der einen oder anderen Karte vielleicht eine Unterschrift oder eine Hausnummer fehlte. Soweit wir wissen, sind alle angekommen; wir entschuldigen uns aber bei allen, bei denen uns das passiert ist. Wir durchstreiften danach ein wenig die Neustadt, welche im Vergleich zu den traditionellen Häusern trister wirkt, aber die man doch irgendwie gesehen haben sollte, denn hier spielt sich grösstenteils das echte Leben der Einwohner ab. Wir sahen Plätze, gingen in Einkaufsläden und liessen uns einfach treiben, bis wir irgendwann im Kreis gingen und wieder in der Nähe der Altstadt waren. Dort kehrten wir in einen Imbiss ein, in dem schon andere Personen sassen, und assen zu Mittag. Als wir die Ausgaben des Tages notierten, stellten wir fest, dass wir tatsächlich vergessen hatten, unseren Kaffee am Morgen zu bezahlen. Es war uns unheimlich peinlich. Schleunigst suchten wir den Weg dorthin zurück, was sich plötzlich als schwieriger erwies als gedacht, und hofften, dass es noch offen hatte, damit wir unsere Schulden begleichen konnten. Als wir eintraten, wusste der Barista sofort, warum wir zurückgekehrt waren, und tippte schon vergnügt unseren Fehlbetrag in die Kasse. Wir zückten unsere Smartphones, um mit den gängigen Apps zu bezahlen. Irgendwie vergingen die Stunden wie im Flug, und schon bald ging auch dieser Tag zu Ende. Wir suchten noch ein Restaurant auf, das traditionelle tibetische Gerichte, aber auch eigene Kreationen kocht, und liessen es uns dort gut gehen. Zum Dessert teilten wir uns noch einen Yak-Joghurt mit tibetischem Honig. Auch das war derart gut und speziell – es war, als wären unsere Geschmackssinne geschärft unter dem Dach der Welt.


























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