Der Abschied von Shangri-La fiel uns wirklich schwer, aber es ging wieder etwa eine Stunde die gleiche Strecke zurück bis nach Lijiang. Viele Touristen kommen hierher, da die Altstadt wunderschön und UNESCO-Weltkulturerbe ist. Wir waren aber vor allem da, weil wir die Tigersprungschlucht besichtigen und bewandern wollten. Wir kamen mit dem Zug an und fuhren in Richtung unseres Hostels, das wir zwei Tage zuvor gebucht hatten. Als wir in der Strasse ankamen, wo es eigentlich sein sollte, fanden wir es jedoch nicht. Apple Maps gab uns nur verwirrende Angaben, und die beste Alternative für Reisende, die App AMap (ein Projekt von Alibaba), fand das Hotel auch nicht. Google Maps ist in China im Übrigen meist so hilfreich wie eine Schweizer Karte 1:50'000, die Liedertswil im Jahr 1961 abbildet. Wir suchten und suchten, betraten verschiedenste Büros und fragten nach dem Eingang des Hostels, bis wir schliesslich merkten, dass wir direkt davor vom Taxifahrer abgesetzt worden waren, es aber schlicht übersehen hatten.
Als wir einchecken wollten, fand die Frau am Empfangstresen unsere Buchung nicht. Wir waren ein wenig verwirrt, da wir bisher nie Probleme hatten und über Ctrip immer alles reibungslos verlief – bis wir bemerkten, dass wir aus Versehen falsch gebucht und den Anreisetag als Abreistag in der App hinterlegt hatten. Wir entschuldigten uns förmlich, und die Frau am Empfang zog ihren Chef bei, um das Problem irgendwie zu lösen. Wir merkten, dass der gute Mann schon leicht genervt war; wir glauben, er dachte, dass wir ihm die Schuld für das Problem geben wollten. Das war aber klar nicht der Fall, und wir beschwichtigten ihn und versicherten ihm, dass wir natürlich für den Schaden aufkommen würden und einfach gerne ein neues Zimmer für zwei weitere Nächte hätten. Als er sich beruhigte, bot er uns an, eine Nacht davon zu übernehmen, und wir waren glücklich – und er, soweit wir das beurteilen konnten, auch.
Wir zogen uns schnell um und gingen in die Altstadt, die nur ein paar hundert Meter von unserer Unterkunft entfernt war. Schon bei der Annäherung wurde uns bewusst, welch einen Besucheransturm diese Stadt zur Hochsaison haben muss: Grosse Drehkreuze versperrten den Weg, daneben standen Ticketschalter, die derzeit jedoch geschlossen waren. Wir konnten also ganz gemütlich einfach hindurchspazieren. Die Altstadt ist enorm weitläufig, aber alles in allem leider auch eine Art grosses Disneyland. Bewohnt ist praktisch nichts, ausser den wenigen Hotels direkt im Zentrum. Trotzdem war es schön, die ursprünglich erhaltene Stadt zu sehen. Auf der einen Seite ist sie an einen Hügel gebaut, und wir tranken einen Kaffee mit herrlichem Blick über die tausenden geschwungenen Dächer. Alle Strassen führen früher oder später auf den alten zentralen Markt, der von Restaurants und kleinen Imbissen gesäumt ist und wo es von Touristen und Schaustellern nur so wimmelt. Am Kopfende des Platzes geht ein kleiner kanalisierter Bach ab, dem auf beiden Seiten enge Gassen folgen, deren Ausläufer wiederum an einem grösseren Platz mit einem riesigen Wasserrad enden. Hier ist der zentrale Eingang zur Altstadt. Am Abend verwandeln sich die Gassen am Bach in richtige Ausgehmeilen. Es gibt Clubs ohne Ende, in denen uns unbekannte DJanes und DJs auflegen, während Tänzer*innen in schrägen Kostümen die Besucher unterhalten.
Wir waren aber hauptsächlich wegen der Tigersprungschlucht da. Wir wollten eine Eintageswanderung machen und recherchierten so gut es eben ging. Die Webseite Edeltrips gab einige gute Hinweise, aber wann und wo genau der Bus zur Schlucht fahren würde, konnten wir nicht herausfinden. Wir gingen dafür extra nochmals zum Busterminal, das aber leider schon geschlossen war. Es blieb uns nichts anderes übrig, als am nächsten Morgen so früh wie möglich dorthin zu gehen und zu hoffen, dass es noch genügend Plätze im Bus gab.
Gesagt, getan: Früh ging es los, und zum Glück war der Busbahnhof nur einige Minuten von unserer Unterkunft entfernt. Wir waren so zeitig unterwegs, dass wir die Ersten waren, die nach Tickets zur Tigersprungschlucht fragten. Unser Ziel war «Kilometer 14», ein Wegpunkt, von dem der Aufstieg zum Halfway Guesthouse startet. Nach einigem Hin und Her schien klar, dass der richtige Bus um 9:00 Uhr fahren würde. Also kauften wir Tickets und holten uns noch Proviant und einen Kaffee. Als wir zurückkamen, war der Bus bereits gut gefüllt, und mit uns wartete ein weiteres Paar aus Europa darauf, dass ihre Pässe kontrolliert wurden. Wir kamen mit Nadine und Timo ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass sie dasselbe Ziel verfolgten und dieselben Quellen gelesen hatten. Die beiden sind ebenfalls auf Weltreise, kommen ursprünglich aus Hamburg und hatten sich spontan für Yunnan entschieden.
Die Fahrt ging los, und einige Zeit später hielten wir am Eingang des «Scenic Spots», wo man uns den Eintritt verkaufte. Zeitgleich erklärte jemand auf Chinesisch und mit gebrochenem Englisch via Übersetzungs-App die Optionen im Park. Wir wurden schliesslich in einen anderen Transporter verladen, der uns genau dort auslud, wo wir es geplant hatten. Der Aufstieg führte zunächst eine steile Bergstrasse hinauf. Nach etwas mehr als einer Stunde hatten wir die Höhe erreicht und der eigentliche Wanderweg begann. Im Halfway Guesthouse – das so heisst, weil es auf der halben Strecke der grossen Wanderung liegt – gönnten wir uns einen Kaffee und ein Croissant. Ab dort staute sich der Weg ein wenig, da viele geführte Tagestouren zur gleichen Zeit starteten. Der Pfad ist teilweise nur ein Trampelpfad in einem Steilhang, und man muss zwei Wasserfälle überqueren, was recht glitschig war. Oft versperrten Ziegen, Hühner oder Touristen bei Social-Media-Fotoshootings den Weg.
Die Aussicht auf den Jangtse lässt einen die Strapazen jedoch komplett vergessen. Der Fluss gilt als Lebensader Chinas; mit seinem Wasser wird rund zwei Drittel des chinesischen Reises produziert. Die Legende der Tigersprungschlucht besagt, dass ein Tiger vor einem Jäger floh und am Ufer in die Enge getrieben wurde. Er sprang mit einem Satz auf einen Stein in der Mitte des Flusses und von dort ans andere Ufer. Die Schlucht ist eine der tiefsten der Welt, an einigen Stellen bis zu 3700 Meter tief. Unser Wanderweg verlief auf etwa 2000 bis 2400 Metern entlang der Steilwand. Schliesslich erreichten wir Tinas Guesthouse, wo wir uns ein wohlverdientes Shangri-La-Bier gönnten. Gerne wären wir noch direkt zum Fluss hinuntergestiegen, aber der Ab- und Aufstieg hätte jeweils nochmals zwei Stunden gedauert. So kauften wir Fahrkarten für den Bus zurück nach Lijiang.
Am Abend trafen wir uns nochmals mit Timo; leider war Nadine nicht ganz fit und konnte nicht dabei sein. Wir assen an einem Stand einige Spiesse und liessen uns durch das verrückte Nachtleben von Lijiang treiben, bevor wir todmüde ins Bett fielen.






















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