Von Kratie aus ging es weiter nach Siem Reap. Am Abend zuvor hatten wir in letzter Minute noch einen Transfer nach Siem Reap gebucht. Da Songkran, das kambodschanische Neujahr, immer näher rückte, war es schwierig, mit den lokalen Busunternehmen vorwärtszukommen und so mussten wir wohl oder übel einen schlecht bewerteten Van-Transfer über 12go.asia buchen. Naja, es gibt Schlimmeres, dachten wir.
Wir wurden relativ pünktlich von unserem Hotel abgeholt und am lokalen Markt von Kratie wurden auf die sechs übrig gebliebenen Sitze im Van noch zwölf Personen gequetscht. Wir wechselten ein paar Worte mit dem anderen europäischen Paar im Bus und fanden heraus, dass sie aus Mailand kamen. Zwei Stunden später wurden wir im Norden, fast an der laotischen Grenze, bei einer Hütte abgesetzt, wo wir auf den Bus nach Siem Reap warten sollten. Ein französisches Paar war dort und erzählte uns, dass sie schon seit 24 Stunden hier warteten, da ihr Bus einen Achsenbruch gehabt hatte und darum am Vortag nicht mehr weitergefahren war. Uns ahnte Schlimmes. Aber wir dachten positiv und assen erstmals die schlechtesten Fried Noodles und das übelste Lok Lak, die es wahrscheinlich in diesem Land zu essen gab.
Zwei Stunden später war dann tatsächlich ein Van da, der uns bis nach Siem Reap bringen sollte. Wir und das ganze Gepäck wurden in den relativ neuen, komfortablen Van gepackt. Da aber der Kofferraum mit Sitzen ausgestattet war und darum kein Stauraum vorhanden war, wurden die Rucksäcke und Koffer einfach bei der Schiebetür gestapelt und mit einem Stück Schnur so befestigt, dass bis auf die Italienerin alle eine einigermassen angenehme Fahrt hatten. Diese dauerte dann aber nur bis zur nächsten Tankstelle. Scheinbar war im Auto eine Warnleuchte angegangen, die anzeigte, dass das Fahrzeug überladen sei und wir so nicht weiterfahren könnten. Also ging es wieder zurück zur Hütte und vier von neun Personen mussten aus dem Sieben-Plätze-Van aussteigen. Wir und das italienische Paar gingen wieder hinaus und warteten weiter.
Spät am Nachmittag, inzwischen hätten wir wohl schon lange in Siem Reap sein sollen, kam ein kleines Büsschen, das uns alle mitnahm. Das gleiche Schicksal zu teilen, schweisst irgendwie zusammen und so nahmen wir und die beiden aus Mailand das Ganze mit einer grossen Portion Sarkasmus auf uns, dass wir uns nun schon wieder auf eine provisorische Bank ganz hinten im Bus quetschen mussten. Aber immerhin besser, als hier in der Pampa zu stranden. Es wurde immer später. Irgendwann dunkelte es ein und der kleine Bus raste, was das Zeug hielt, über die Landstrassen und flog und rumpelte über alle Schlaglöcher, die es gab. Verspannt und leicht verärgert kamen wir in Siem Reap an, aber immerhin waren wir da.
Das Hotel, in dem wir untergebracht waren, war eigentlich ein bisschen zu schick für uns, aber auch die Hostels wären zur Zeit nicht gerade günstiger gewesen. Es lag ein bisschen ausserhalb des grossen Trubels, aber die bekannte Pub Street und die Restaurants in der Nähe liessen sich gut zu Fuss erreichen. Wir machten also noch einen Spaziergang in die Pub Street, schauten uns um und waren ein bisschen überfordert, wie extrem touristisch dieser Ort war. Überall waren riesige Bars, Clubs mit leuchtenden Neonlichtern, Menschenmassen strömten hier an diesem Ort und die Musik, die aus den Clubs schallte, prasselte von allen Seiten auf uns ein. Am Ende der Pub Street steht die «Red Piano Bar», die überdimensional gross ihren Signature-Drink anpreist: den Tomb Raider Cocktail. Müde von der langen Anreise und den Eindrücken, gingen wir noch etwas essen und gingen schon bald schlafen.
Eigentlich wäre es unser Plan gewesen, am darauffolgenden Tag zu den Ruinen von Angkor Wat zu gehen, der Tempelanlage, warum hier jedes Jahr Millionen von Touristen hinpilgern, wo der berühmte Film «Tomb Raider» gedreht wurde und von «Lonely Planet» zur Nummer 1 der Dinge gewählt wurde, die man im Leben einmal gesehen haben muss, noch vor dem Taj Mahal, der Chinesischen Mauer oder dem Kolosseum in Rom. Dabei gehört die Tempelanlage nicht zu den «New7Wonders». Aber wahrscheinlich ist es auch vermessen, die Wunder, die die menschliche Hand erschaffen konnte, auf sieben einzelne Plätze zu reduzieren.
Unser Wecker weckte uns früh, damit wir den Sonnenaufgang am Tempel Angkor Wat bestaunen konnten. Doch Pascal wachte mit Magenschmerzen auf, sodass nicht an den Ausflug zu denken war. Zum Glück für uns hatten wir noch keine Tickets erworben. Wir verbrachten den Tag «UHU» (ums Huus umme) und hofften auf baldige Besserung, damit wir bald das eigentliche Ziel in Angriff nehmen konnten. Eigentlich wollten wir die Tempelanlage an einem einzigen Tag besichtigen, der Zustand von Pascal liess es aber nicht wirklich zu, sodass wir uns für den Dreitagespass entschieden, damit wir die Besichtigung entspannter auf mehrere Tage aufteilen konnten.
Am nächsten Morgen setzte uns ein Taxifahrer gegen 11:00 Uhr bei Angkor Wat ab, dem Tempel, den die meisten Besucher auf ihrer Kambodscha-Reise besuchen. Es hatte gar nicht mal so viele andere Personen und wir konnten den Tempel ganz in Ruhe bestaunen. Der Aufstieg ganz nach oben ist nicht gerade einfach und gutes Schuhwerk und Trittsicherheit helfen garantiert. Der riesige Tempel mit seinen fünf Türmen und dem imposanten Wassergraben rundherum ist wirklich einzigartig und gut erhalten, aber nach einer Weile hat man alle seine Gänge gesehen und jedes der Gemächer bestaunt.
Wir verliessen den Tempel auf der gegenüberliegenden Seite des Haupteingangs, bogen von der Hauptstrasse ab und wanderten rund eine Stunde durch den Dschungel, der sich zwischen den Tempeln auf allen Seiten den Platz einnimmt. Wir wanderten bis zum Bayon-Tempel, sahen auch diese riesige Anlage an und nahmen an einem der vielen Stände am Strassenrand ein Mittagessen ein. Gegen Abend erreichten wir den «Preah Khan»-Tempel und liessen uns gegen eine kleine Gebühr von einem der Wächter durch den Tempel führen. Er erklärte uns, dass in der Mitte eines jeden Tempels eine Buddha-Statue steht und jeweils Gänge von vier Seiten auf diesen Buddha zusteuern. Alle Gänge haben die Eigenschaft, dass die Türrahmen immer niedriger werden und so die Untertanen des Königs dazu angehalten wurden, sich immer mehr zu bücken, wenn sie in Richtung des Buddhas kommen. Im Gegensatz dazu der Gang, der von hinten an die Statue heranführt: Der Gang bleibt immer gleich gross, damit der Herrscher aufrecht in die Mitte der Tempelanlage schreiten kann. Auch die Tanzsäle, in denen für den König getanzt wurde, erkennt man, wenn man es weiss, anhand der geschnitzten tanzenden Figuren an den Wänden. An den nächsten Tagen achteten wir vermehrt darauf und wir konnten diese Sachen in den anderen Tempeln immer wieder entdecken.
Als wir wieder zur Strasse kamen, ging die Sonne gerade unter und wir genehmigten uns noch einen Drink in der gegenüberliegenden Bar. Leider hatten wir nicht bedacht, dass wir von hier nicht mehr mit einem Taxi nach Hause kamen. Wir fragten also die Barangestellten, die auch gleich aufbrechen wollten, aber sie wollten eine derart hohe Summe, dass wir dankend ablehnten. Eva hatte den Mut, gleich beim Eingang des Tempels zwei Chinesen anzusprechen und zu fragen, ob sie uns mit in die Stadt nehmen würden und sie haben dies gerne getan, auch wenn die Kommunikation nicht gerade einfach war.
Pascal ging es inzwischen wieder soweit gut, dass wir am Abend beschlossen, in die Stadt zu gehen, um möglichst viel von Songkran, dem thailändischen, laotischen, kambodschanischen Neujahr, mitzunehmen. Wir verstauten unsere Smartphones in wasserfeste Taschen, die wir in Kratie für die Kanufahrt besorgt hatten und warfen uns ins Getümmel. Schon auf dem Weg zur Innenstadt wurden wir überall von der wilden Wasserschlacht erfasst und waren nach Minuten bis auf die Unterhosen nass. Bei fast vierzig Grad im Schatten nicht gerade ein grosses Problem. Viele Pickups fuhren durch die Stadt, auf der Ladefläche transportierten sie Wasserbecken und ganze Familien, die sich gegenseitig mit Wasser vollspritzten oder gerade ganze Kessel auf die unten vorbeigehenden Passanten warfen.
Songkran wird am astronomischen Beginn der Regenzeit gefeiert, also dann, wenn die Bauern mit der Aussaat beginnen. Viele Asiaten fahren für die Festtage zu ihren Familien zurück, wie es bei uns oft zu Weihnachten der Fall ist. Die wilde Wasserschlacht dagegen ist eine moderne Abwandlung des früheren mit Wasser Bespritzens, um die Sünden des letzten Jahres abzuwaschen und für den Neuanfang zu stehen. Wir wurden auch immer wieder von Einheimischen mit Babypuder im Gesicht eingerieben. Nichts für Leute, denen Nähe suspekt ist. Früher noch Reispuder, wird heute Babypuder verwendet und es soll die Menschen vor bösen Geistern beschützen und gilt als Symbol für Fruchtbarkeit.
Wir hatten während Songkran auch das Gefühl, dass es für viele junge Kambodschanerinnen und Kambodschaner während Songkran die Möglichkeit ist, aus ihrem eher strengen, sittlichen und züchtigen Korsett auszubrechen, um für drei Tage einmal kürzere Kleidung zu tragen und mit dem anderen Geschlecht in Kontakt zu treten. Wir sind fast sicher, dass es anstatt wie bei uns «Wir haben uns an der Fasnacht kennengelernt» in Kambodscha einfach heisst: «Wir haben uns während Songkran kennengelernt».
Wir starteten auch am zweiten Tempelerkundungstag mit einer Fahrt nahe zum «Kravan-Tempel». Alle Tempel stammen aus verschiedenen Epochen und haben teilweise verschiedene Bauweisen. Einige sind aus Sandstein, wieder andere aus Ziegeln gebaut. Einige haben auch hinduistische Einflüsse und somit ist jeder der Tempel für sich einzigartig. Wir gingen weiter zu Fuss zum «Banteay Kdei-Tempel», dem «Pre Rup-Tempel» und dem legendären «Ta Prohm»-Tempel. Letzterer ist bekannt dafür, dass die Bäume über den Tempel wachsen und sich mächtige Wurzeln über die Ruinenanlage schlängeln, warum er auch zu einem der Hauptschauplätze des Films «Tomb Raider» wurde. Die meisten Tagesausflügler besuchen genau «Angkor Wat» und «Ta Prohm», was man auch daran sieht, dass es die einzigen beiden Tempel sind, wo es Parkplätze für Reisebusse gibt. Es ist wirklich einer der beeindruckendsten Tempel, aber leider auch der überlaufenste. Wir waren in keiner Ecke auch nur eine Sekunde so allein, dass wir die vielen Eindrücke geniessen konnten.
Kurz nach diesem Tempel gingen wir wieder zurück zum Hotel, genossen noch den Pool der Anlage, bevor wir uns nochmals auf zum Songkran-Fest machten. Neben der Wasserschlacht überall gab es auch Bühnen mit DJs und Schaumpartys am Ufer des Siem-Reap-Flusses. Doch so ganz war das nicht unser Fall. Wir entschieden uns dafür, den Abend mit kambodschanischem BBQ im 7Makara ausklingen zu lassen. Scheinbar ist Tischgrill nicht nur bei uns ein Festessen, auch viele Einheimische waren im Restaurant und brieten ihr Grillgut über den Kohlestücken auf dem Tisch.
Nach den beiden Tempeltagen legten wir eine Pause ein. Wir hatten zwar noch einen Tag offen, aber das Tolle am Dreitages-Ticket ist, dass man drei Tage innerhalb einer Woche nehmen kann und wir waren tatsächlich nach zwei vollen Tagen schon tempelmüde. Wir genossen einen Tag Ruhe am Pool und im Schatten der Bäume, damit wir uns ein wenig abkühlen konnten.
Heute ging es früh nochmals in die Innenstadt, um erstens nochmals Songkran mitzubekommen und zweitens einigermassen früh wieder im Hotel zu sein, damit wir am Tag darauf dann doch noch den Sonnenaufgang bei Angkor Wat bestaunen konnten. Wir fragten per WhatsApp einen Tuktuk-Fahrer an, den wir auf Google Maps gefunden hatten und er sagte zu, uns am nächsten Morgen früh um 5:00 Uhr im Hotel abzuholen.
Der «Tuk Tuk Artist», oder wie er sich nennt: «Gay Tuk Tuk Driver», war grossartig. Er hat uns erst zum Sonnenaufgang nach Angkor Wat gefahren. Nach dem Sonnenaufgang betraten wir nochmals den Tempel und waren auch beim zweiten Besuch durchaus beeindruckt von der schieren Grösse und dem guten Zustand, in dem sich das jahrhundertealte Bauwerk befand. Bei einem Kaffee danach bei einer seiner Kolleginnen besprachen wir, welche Tempel wir sonst noch machen wollten. Er stellte uns ein Programm zusammen mit den Tempeln, die wir noch nicht gesehen hatten und ein wenig peripher der Hauptroute liegen und Banteay Srei, den Hindutempel, der etwa eine Fahrstunde ausserhalb von Siem Reap liegt.
Nachdem wir Banteay Srei besichtigt hatten und unser Magen knurrte, brachte er uns zu einem Nudelstand, der frische Nudeln herstellte und sie in einer selbstzubereiteten Suppe mit Kräutern aus dem Wald anbot. Dies war wirklich abseits aller Touristenrouten. Zum Abschluss brachte er uns noch zum Phnom Bok, ein Tempel, der auf einem Hügel und nur mit dem Erklettern der 600 Stufen erreichbar ist. In der heissen Hitze kletterten wir die 613 Stufen hinauf (Pascal hat sie gezählt) und genossen oben die schöne Aussicht weit über das Tal und Siem Reap hinaus, währenddessen wartete Hu in seiner Hängematte unten auf dem Parkplatz und schlief ein bisschen. Songkran war auch an ihm nicht spurlos vorbeigegangen.
Es war schon wieder spät und er brachte uns zurück zum Hotel. Angkor Wat und die Tempelanlagen ringsherum sind wirklich grossartig und die Hauptattraktionen kann man sicher auch an einem Tag besichtigen. Wer es ein bisschen gemütlicher haben möchte oder muss, ist gut daran, drei Tage einzuplanen. Wir haben zudem noch das Ende von Songkran abgewartet, da während Songkran auch die öffentlichen Verkehrsmittel total überlastet waren und es schwierig war, einen Bus zu bekommen. So waren wir ganz zufrieden, einige Tage im touristischen Siem Reap zu verbringen und trotzdem wieder sehr viel zu erleben.





























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