In Chengdu hatten wir ein Hotel gleich in der Nähe der Chunxi Road, einer riesigen Fussgängerzone mit noch riesigeren Einkaufszentren links und rechts. Trotzdem war es ruhig in einem Hinterhof gelegen, und rund um das Hotel gab es einige kleine Restaurants und Imbisse. Schon als wir mit der U-Bahn dorthin fuhren, war klar: Hier gibt es nur ein Thema, und zwar Pandabären. Sie sind jederzeit und überall. In den zahlreichen Souvenirläden kann man von Pandastickern, -socken und -mützen bis hin zu Pandaschneekugeln alles kaufen. Erst einmal stillten wir unseren Hunger um die Ecke mit einer Portion Paprika mit Schweinefleisch und dem von Eva geliebten Laziji. Weiter ging es auf die Chunxi Road, auf deren linken Seite es ein grosses Einkaufszentrum gibt, an dessen Aussenwand ein grosser Panda versucht, die Wand zu erklimmen. Wir wollten diese Figur natürlich auch von oben sehen und fuhren mit dem Lift aufs Dach, um festzustellen, dass wir da wahrscheinlich beim wichtigsten Insta-Fotospot der Stadt gelandet waren. Die Schlange, um dort ein Foto zu schiessen, war einfach unvorstellbar lang. Also machten wir rechtsumkehrt und fuhren wieder nach unten, nicht ohne doch aus der Hüfte heraus ein paar Fotos zu schiessen. Natürlich waren auch wir, genauso wie die tausenden anderen, meist inländischen Touristen, da, um die Pandas von Nahem zu sehen. Gleich um die Ecke des Einkaufszentrums gibt es einen Stand, an welchem Fahrten zur Panda Research Base verkauft werden, was genau unser Plan für den nächsten Tag war. Wir wussten nicht recht, diskutierten lange miteinander, welchen Bus wir nehmen sollten, und als wir uns endlich entschieden hatten, war der Bus schon voll besetzt, sodass wir einen etwa 10 Minuten später buchten, was immer noch früh genug war. Wir wollten noch den Tianfu-Square sehen, der die Mitte der Stadt darstellt. Wir waren schon fast dort und mussten eigentlich nur noch eine mehrspurige Strasse passieren, für die scheinbar extra eine Unterführung gebaut worden war. Wir gingen also hinunter und befanden uns in einem riesigen Tunnel mit Läden an der Seite, wobei die meisten nicht vermietet waren. Langsam gingen wir in die Richtung weiter, in der wir den Ausgang vermuteten. Am Ende des Tunnels gab es eine kleine Treppe und wir befanden uns in einem grossen Raum; die Leuchtstoffröhren an der Decke flackerten und wir sahen gerade noch, wie zwei Personen nach rechts abbogen, weiter den Pfeilen nach, die auf dem Boden aufgeklebt waren. Je weiter wir uns in das Tunnellabyrinth vorwagten, desto unheimlicher wurde es. Die Gänge wurden dunkler, die Ladenlokale sahen aus, als wären sie wie beim Goldrausch zurückgelassen worden, einige Scheiben waren eingeschlagen. Zum Glück haben wir als Verfolger irgendwann die beiden anderen Personen eingeholt. Es waren zwei Südkoreaner, auch Touristen, die genauso wie wir leicht überrascht und überfordert waren. Nochmals zwei Abbiegungen weiter wurde es allmählich wieder heller: Wir hatten einen Aufgang gefunden. Als wir oben waren, sahen wir, dass wir nur einige hundert Meter weit gekommen waren; wir mussten wohl im Kreis gegangen sein. Dass so etwas in einem Land wie China existiert, wo es an jeder Ecke mehr Überwachungskameras als Menschen hat, ist mehr als erstaunlich, und wir waren einfach nur froh, wieder an der Erdoberfläche zu sein. Viel mehr passierte an diesem Tag nicht mehr und wir gingen zeitig in die Heia, da wir am nächsten Morgen viel vor hatten.
Also ging es am nächsten Tag los zur Panda Research Base. Schon lange zuvor hatten wir uns schlau gemacht, welche Aufzuchtstationen ethisch in Ordnung gehen und bei welchen die Aufzucht beziehungsweise die Forschung eher zweitrangig ist und es mehr darum geht, möglichst viele Touristen an den Pandas vorbeizuschleusen. Die Panda Research Base ist die offizielle staatliche Aufzuchtstation für Pandas. Obwohl wir schon viel darüber gelesen hatten, schockten uns bei der Ankunft die schieren Massen, die dort anstanden, dann trotzdem. Die Schlangen am Europa-Park an einem Schweizer Feiertag kommen knapp dorthin. Die Tickets, die wir über Trip.com gebucht hatten, mussten wir wie bisher üblich gar nicht vorweisen, da sie sowieso mit dem Pass verknüpft waren, den wir am Eingang scannen mussten. Die gesamte Meute rannte so schnell wie möglich in die gleiche Richtung, wir huschten hinterher und schon bald waren wir bei den ersten Pandagehegen. Sobald jemand einen Panda erblickte, kreischten, schrien und hüpften die Leute aufgeregt auf und ab; da halfen auch alle «Keep Quiet»-Schilder nichts und verständlicherweise verzogen sich die Pandas meistens wieder. Wir stellten uns wie alle anderen in eine Schlange, wobei man darin an einem Gehege vorbeigeschleust wurde, in dem ein einzelner Panda war. Jeweils etwa 20 Personen durften gleichzeitig zum Gehege und bekamen drei Minuten Zeit, um Fotos zu machen. Uns war das Ganze zu viel und das erste Gefühl, das aufkam, war Enttäuschung. Wir hatten uns von der Research Base mehr als eine Art grossen Zoo nur für Pandas erhofft. Je weiter wir ans andere Ende des Geländes kamen, desto weniger Touristen waren an den Gehegen. Wir glauben, die meisten Touristengruppen haben nur wenig Zeit, gehen zu den ersten zwei, drei Gehegen und verschwinden dann wieder. Je weiter man sich also von den Eingängen entfernt, desto mehr Ruhe gibt es. Nachdem wir jede Ecke des Parks erkundet hatten, verliessen wir die «Panda Research Base» am nordwestlichen Eingang und gingen zum öffentlichen Bus, der uns zurück in die Innenstadt brachte. An diesem Abend wollten wir unbedingt den bekannten, aus Chengdu stammenden chinesischen Hotpot ausprobieren. Es gibt ihn jeweils als halb scharfe und halb milde Brühe, grösstenteils scharfe oder grösstenteils milde Brühe. Da wir eigentlich nie Mühe mit scharfem Essen hatten, bestellten wir natürlich den Topf mit mehr scharfer Brühe und Schärfegrad drei von vier. Wir bekamen ein Lätzchen umgebunden und es wurden verschiedene Gemüse, Tofu, Nudeln und Fleisch serviert, um sie in der Brühe zu kochen. Die scharfe Brühe war leuchtend rot und wir begannen, unsere Beilagen möglichst darin zu tunken. Wir merkten schnell, dass dies nun wirklich scharf war. Es war sogar derart scharf, dass wir immer mehr Schwierigkeiten mit unserem Kreislauf bekamen; uns wurde schwindelig und Eva hatte bald einen so extrem roten Kopf, dass sogar Chinesen auf der Strasse stehen blieben, um von ihr Fotos zu schiessen. Endlich war etwas mal richtig scharf, aber es war ganz klar eine körperliche Grenzerfahrung. Wir sind zwar froh, sie gemacht zu haben, aber in gleichem Ausmass müssen wir es nicht nochmals erleben.
Der Tag darauf stand nochmals im Zentrum der Pandas. Wir hatten beim gleichen Anbieter einen Bus zum Panda Valley in der Nähe von Dujiangyan gebucht. Beim Ticket war die Hinfahrt zum Panda Valley, ein Transfer nach Dujiangyan und danach die Rückfahrt nach Chengdu inbegriffen. Den Transfer nach Dujiangyan wollten wir sausen lassen und uns länger im Panda Valley aufhalten, als es eigentlich geplant war. Wir fuhren wieder in der Nähe des Einkaufszentrums ab und diesmal dauerte die Fahrt ein wenig länger, da der Ort ausserhalb der Stadt liegt. Wir kamen beim Eingang des Valleys an und reihten uns in die Schlange ein. Wir erhofften uns viel vom Panda Valley, da hier die Gehege viel grösser sein sollten und die Tiere näher an ihrer eigentlichen Umgebung leben, als es in der «Research Base» der Fall war. Als wir dann drinnen waren, wurden wir aber ein weiteres Mal enttäuscht. Zwar wirkt die Umgebung tatsächlich grüner als im Zoo, aber die Gehege unterschieden sich nicht grossartig von jenen der «Research Base», ausserdem war das Panda Valley genau gleich, wenn nicht sogar noch mehr überlaufen. Das Valley kann auf einem Hin- und einem Rückweg besichtigt werden und schon bald waren wir am Ende des Hinwegs angelangt. Von dort führt ein kleiner Wanderweg ab, der zu den Gehegen der Roten Pandas führt, und schlagartig wurde es ruhiger. Wir hatten dort eine wirklich schöne Begegnung mit einem Roten Panda. Als wir auch diesen Weg abgeschritten hatten, sahen wir beide gleichzeitig auf die Uhr, dann uns gegenseitig in die Augen und wir mussten es nicht mal mehr aussprechen: Uns war beiden klar, wir wollten schnellstmöglich hier weg. Wenn wir die Beine in die Hand nähmen, würde es sogar noch rechtzeitig für den Transfer nach Dujiangyan reichen. Tatsächlich waren wir rechtzeitig da, und dort angekommen erwartete uns was? Noch mehr Menschenmassen. Denn die Dujiangyan-Bewässerungsanlagen, die vor 2300 Jahren erbaut wurden, sind UNESCO-Weltkulturerbe und werden jedes Jahr von Millionen von Touristen besucht. Sicherlich wäre die Besichtigung der Anlagen interessant gewesen, wir hatten aber gerade genug von Menschenmengen und liessen das Ganze links liegen. Wir begaben uns in die Innenstadt, wo es etwas ruhiger war. Wir verbrachten eine ganz lange Zeit einfach in einem Innenhof, der von alten chinesischen Gebäuden umgeben war und in dem es trotz Baustelle einigermassen ruhig war. Nur zwei Strassen weiter fanden wir ein kleines Café, in dem keine Touristen ausser uns waren, und wir verbrachten den Rest des Tages damit, Kaffee zu schlürfen und am Blog zu arbeiten. Am Abend ist die Stadt dafür bekannt, einen kleinen, aber feinen Nachtmarkt zu haben, und die Kanäle, die durch die Stadt führen, waren schön beleuchtet. Inzwischen waren die meisten Tagestouristen schon wieder abgezogen und es kehrte eine angenehme Ruhe ein. Die Geschäftigkeit beschränkte sich auf die Lebensmittel- und Kleiderläden und die Verkaufsstände des Nachtmarkts. Wir probierten uns hoch und runter und assen von Schweinebauchspiesschen bis Soufflés alles, was uns nicht allzu abenteuerlich aussah. Zu «Stinky Tofu» konnten wir uns wieder einmal nicht überwinden; es ist schon grässlich, welchen Geruch er roh ausstrahlt.
Unseren Aufenthalt in Chengdu liessen wir in einer Strasse abseits der Innenstadt ausklingen. Sie soll vor allem bei inländischen Backpackern beliebt sein, da es dort einige gute lokale Brauereien und Cafés gibt. Wir schlenderten durch das Strässchen und waren erstaunt, wie wenig Leute hier waren. Als wir die Preise in den Lokalen sahen, waren wir uns sicher, dass sie für einheimische Backpacker wahrscheinlich inzwischen zu teuer war. Trotzdem setzten wir uns in ein Café, das von Tibetern geführt wurde, bereiteten die nächsten Tage vor und arbeiteten am Blog. Die ganze Crew des Cafés war in Handarbeit damit beschäftigt, kleine Päckchen mit E.S.E.-Pads in Folie zu verschweissen, und wir sahen interessiert zu. Schnell kamen wir ins Gespräch; sie erklärten uns, dass sie ursprünglich aus Tibet stammten und den Kaffee, den sie verkauften, auch selber rösteten. Sie waren genauso an uns interessiert wie wir an ihnen und ihrer Arbeit, wodurch sich ein lebhaftes Gespräch ergab. Sie offerierten uns Früchte, die wir dankend annahmen. Der Geschmack war himmlisch, süss und doch leicht säuerlich und herrlich erfrischend. Wir kannten die Frucht nicht, und als sie uns erklärten, dass es Kiwis seien, waren wir verwirrt. Die Frucht hatte für uns gar nichts von einer uns bekannten Kiwi. Wir liessen den Tag in dieser Strasse ausklingen, assen nochmals Hotpot, diesmal aber weniger scharf, und freuten uns auf die kommenden Abenteuer.


























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