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Xi’an

11. November 2025

In Xining ging es für uns auf den Zug nach Xi’an. Anders als geplant, betraten wir nicht die Abfahrtshalle nach Lhasa – wir dachten, dass dort noch weitere Sicherheitschecks durchgeführt werden würden, sondern jene für gewöhnliche Zugfahrten. Trotzdem waren die Sicherheitschecks ein wenig länger und ein wenig genauer, in etwa so wie bei unserem ersten Bahnhof in China in Yining. Die Zugfahrt glich allen anderen: Schnellzug mit vielen Reisenden, grundsätzlich ruhig, und sobald sich der Zug in Gang gesetzt hatte, schlürften auch schon alle – wir inklusive – ihre Nudelsuppen.

In Xi’an angekommen, versuchten wir uns das erste Mal mit dem Metro-Fahren. Auch das schien uns nicht wirklich schwierig; wir zeigten auf Apple Maps die Haltestelle, wo wir raus mussten, und der Ticketverkäufer gab uns die richtigen Karten. Dazwischen wurden wir immer wieder von anderen Chinesen überholt, aber der Ticketverkäufer beachtete niemanden, bis er das Geld von uns hatte und wir hinter dem Drehkreuz verschwanden. Wir merkten uns die Haltestelle, wo wir die Metro verlassen mussten, und stiegen an der vermeintlich richtigen Station wieder aus. Als wir am Tageslicht waren, stellten wir fest, dass wir an der Station mit dem Tempel mit zwei Dächern im Schriftzeichen statt mit dem mit einem Dach ausgestiegen und mitten in der Altstadt gelandet waren. Zwar war es schön, aber wir wollten erst unsere Rucksäcke verstauen. Leider war die Distanz doch noch zu gross, um die ganze Strecke zu Fuss zu gehen, also winkten wir digital ein Taxi heran und fuhren das letzte Stück zur Unterkunft. Dort angekommen, ging das Check-in sehr flott. Der Mann an der Rezeption konnte fliessend Englisch, schickte uns unseren Code per WhatsApp (was in China doch eigentlich gesperrt wäre) und schon konnten wir ins Zimmer. Es war gross und hatte eine eigene Waschmaschine, müffelte aber auch ein wenig. Im Nachhinein war es eine der schlechtesten Unterkünfte, die wir in China hatten. Aber wir merkten sofort, dass wir nun an Orte kamen, wo wieder mehr Touristen von ausserhalb (vor allem Europa) herkommen; Englisch war doch einigen ein Begriff.

Nach dem Check-in wollten wir ein wenig die Gegend erkunden und später weiter in die Altstadt gehen. Gleich um die Ecke von unserer Unterkunft fanden wir ein ganz schönes kleines Café, wo die Barista neben ihrem grossartigen Kaffee auch zwei Katzen hatte. Eva verguckte sich gleich in beide. Es brauchte einen Moment, bis sie sich überwinden konnte, mit uns Englisch zu sprechen, aber es entwickelten sich nette Gespräche rund um Xi’an und darüber, wo man noch hingehen sollte und wie sie die vielen Touristen in der Stadt sah. Nach unserem Kaffee spazierten wir in Richtung Altstadt, vorbei an mindestens einem Dutzend riesiger Einkaufstempel, bei denen vor allem europäische Marken gross angepriesen wurden, aber auch viele chinesische Brands inzwischen ins Luxussegment aufgeschlossen hatten. Wir passierten die alten Stadtmauern, und gleich dahinter befand sich der Glockenturm; nur einige hundert Meter weiter gab es auch noch den Trommelturm, der dem Glockenturm sehr ähnelte. Wir liessen beide links liegen und steuerten direkt den muslimischen Markt an, welcher leider auch mehr zu einer weiteren Touristenattraktion verkommen war. Vor einigen Läden hatten sich riesige Schlangen gebildet, und man konnte sich die Souvenirs nach Hause schicken lassen, was auch alle – mit Ausnahme von uns – machten. Wir versuchten, den hunderten Touristengruppen mit Fähnchenanführern zu entkommen, und je weiter wir uns von der Hauptstrasse des Markts entfernten, desto ruhiger wurde es und desto weniger Europäer waren mit uns auf den Strassen. Trotzdem wuselte es noch immer überall, aber wir hatten das Gefühl, hier noch die Überbleibsel des ursprünglichen muslimischen Viertels zu sehen. Irgendwo weit weg vom Rummel war dann auch das Ende der Verkaufsstände, und wir sahen einen Nudelstand mit kleinen Hockern, vor dem lauter Chinesen ihre Nudeln assen. Wir mussten diese unbedingt auch ausprobieren, und sie waren einfach himmlisch; die Nudeln waren jenen, die wir in Zentralasien hatten, nicht unähnlich, eher dick und ganz frisch zubereitet. Im Wok wurden sie mit verschiedenem Gemüse und Gewürzen vor unseren Augen scharf angebraten. Nach dem Essen dunkelte es langsam ein, und wir suchten noch eine Bar, in der scheinbar viele Diplomaten aller Herren Länder ein- und ausgingen; wir konnten sie aber leider wirklich nicht finden. Dafür kamen wir im westlichen Teil der Altstadt an ein paar schönen Cafés und lokalen kleinen Restaurants vorbei und wir beschlossen, gleich morgen hier nochmals vorbeizukommen.

Wenn wir einmal einen guten Kaffee in einem Ort gefunden haben, bleiben wir dem treu. Wenn das Café auch noch in Gehdistanz zu unserer Unterkunft liegt und es nicht zu einer grossen Kaffeekette gehört, fühlen wir uns bald wie zu Hause. Im Katzen-Café tranken wir Cappuccino, und Eva streichelte Katzen; spannenderweise hatten wir beide kein Problem mit Allergien, obwohl eigentlich beide in der Schweiz immer gleich anfangen zu niesen und unsere Augen tränen. Von dort starteten wir den Tag mit den beiden grossen Türmen. Wir versuchten, noch vor der Stadtmauer via U-Bahn und Unterführung zum Glockenturm zu gelangen. Es war bedeutend schwieriger als gedacht. Wir kamen uns vor wie in einem Zeichentrickfilm: Egal, wo wir die Treppe wieder hochstiegen, waren wir irgendwo rund um das Stadttor und den Glockenturm; den richtigen Ausgang hatten wir erst beim sechsten oder siebten Anlauf gefunden. Obwohl es nicht wirklich der richtige Ausgang war – wir standen vor der Kasse zur Stadtmauer und nicht zum Glockenturm, wo wir ja eigentlich hinwollten –, gingen wir nochmals in eine andere Unterführung, legten dort nochmals zwei Runden und etwa 500 Meter zurück, bis wir tatsächlich in der Tiefe des Metro-Labyrinths das Kassenhäuschen für die beiden Türme fanden. Es war nicht das erste Mal, dass wir froh waren, beide Bezahl-Apps WeChat (Weixin Pay) und Alipay installiert zu haben, denn meistens geht beides, aber hier funktionierte nur WeChat Pay problemlos. Deutsche, die mit uns in der Reihe standen, fluchten, als ihre Alipay-App die Bezahlung wiederholt ablehnte, bis sie bemerkten, dass auch Mastercard und Visa akzeptiert wurden. Gleich neben dem Kassenhäuschen befand sich auch der Aufgang zum Vorplatz des Glockenturms; wir waren wirklich sehr froh, als wir es endlich geschafft hatten und nach Gepäckkontrollen auch das Gebäude betreten durften.

Alle alten Gebäude in Xi’an – Glockenturm, Trommelturm, Stadtmauer und Moschee – wurden während der Kulturrevolution grösstenteils zerstört und in den letzten zwei Jahrzehnten aufwendig mit den ursprünglichen Materialien und Bauweisen restauriert und wiederhergestellt. Zur Zeit der Ming-Dynastie diente der Glockenturm vor allem zur Zeitangabe, vergleichbar mit unseren Kirchtürmen, und eine grosse bronzene Glocke diente als Signal bei Angriffen auf die Stadt. Gleich danach überquerten wir die Strasse – in einer Millionenstadt in China kann das seine Zeit dauern – und betraten den Trommelturm. Dieser wiederum beinhaltet eine riesige Ansammlung an menschengrossen Trommeln, die jeweils ein bestimmtes Ereignis ankündigten. Da waren Trommeln für die verschiedenen Jahreszeiten, den Jahresanfang, Schneefall und so weiter. Es war sehr schön, diese Türme einmal von innen zu sehen, aber ein Muss ist es nicht wirklich. Die Gebäude sind von aussen, vor allem beleuchtet bei Nacht, fast beeindruckender als von innen. Trotzdem hat man einen ganz schönen Ausblick über die Stadt. Als Letztes besichtigten wir die alte Moschee von Xi’an. Sie liegt ein wenig versteckt im muslimischen Viertel und wird von den Menschenmassen meist nicht weiter beachtet. Da Xi’an als Ende der antiken Seidenstrasse gilt und Moscheen sowie der Islam uns seit dem Verlassen des europäischen Kontinents begleitet hatten, war es für uns ein Muss. Die Moschee stammt von 742 n. Chr. und ist wahrscheinlich die älteste Moschee, die wir auf der Reise bisher besuchen durften. Der heutige Bau stammt aber grösstenteils aus der Ming-Dynastie Mitte des 14. Jahrhunderts. Um sich in die chinesische Kultur einzugliedern und nicht aufzufallen, wurde die lokale Bauweise übernommen. Beispielsweise wurde das Minarett als Pavillon in der Mitte der fünf aufeinanderfolgenden Höfe «getarnt», und alle Gebäude besitzen geschwungene Dächer, wie es für das alte China üblich war. Sogar Bildnisse von Drachen sind zu sehen. Schaut man aber die Schnitzereien genauer an, erkennt man überall arabische Inschriften, und auch in den Innenräumen sind Koranverse zitiert. Diese Moschee zu besichtigen, war für uns mehr als nur eine weitere Moschee auf unserer Reise; es war der Abschluss eines Kapitels. Wir sind der Seidenstrasse zum grössten Teil von der Schweiz aus bis nach China gefolgt. Nach dem Kaukasus waren wir überall wieder auf den Spuren der antiken Seidenstrasse gewesen, was alle Stopps in Zentralasien wie auch in China bisher geprägt hatte.

Wir holten uns an einem Stand im muslimischen Viertel ein paar Dumplings in Chilisauce und schlenderten von da aus der alten Stadtmauer entlang, bis wir zu einem kleinen Ausschank kamen, neben dem eine Hotpot-Strassenküche war. Eigentlich wollten wir uns gleich hier hinsetzen, um zu essen, da wir aber noch den Transport für den nächsten Tag organisieren mussten, nahmen wir erst ein Taxi zu einem Stand direkt neben dem Glockenturm, um uns Bustickets zu kaufen. Wir mussten angeben, in welchem Hotel wir untergebracht waren und welche Zimmernummer wir hatten, und im Gegenzug bekamen wir eine Zeit genannt, wann wir abgeholt werden würden. Von dort marschierten wir schnurstracks wieder zurück an die Ecke, wo wir das Hotpot-Restaurant gesehen hatten. Wir setzten uns hin und mit wildem Gestikulieren und der Smartphone-Übersetzungs-App bestellten wir alle Zutaten für unser Abendessen. Es war einfach köstlich.

Am nächsten Morgen klopfte es viel zu früh an unserer Türe. Wir kapierten erst jetzt, dass für uns extra jemand abgestellt worden war, um uns rechtzeitig im Hotel zu wecken. Schnell machten wir uns parat und gingen in die Lobby, wo wir unsere «Aufpasserin» fanden. Sie telefonierte schnell mit dem Busunternehmen, und nur einige Minuten später kam auch schon der Bus, der uns zu den Terrakotta-Kriegern bringen würde. Der Reiseleiter empfing uns, und wir nahmen unsere Plätze ein. Alles in allem kostete der organisierte Transport nur unmerklich mehr als der öffentliche Bus, und da wir auf der genau anderen Seite der Stadt unsere Unterkunft hatten, sparten wir so auch Stunden in allen möglichen Fortbewegungsmitteln. Der Reiseleiter sagte, dass die Tour zuerst in ein Museum gehen würde, da wir aber terminierte Tickets direkt früh am Morgen hatten, wollten wir direkt zu den Ausgrabungsstätten gehen. Ob er es wirklich verstanden hatte, waren wir uns nicht wirklich sicher. Er nahm ein Mikrofon in die Hand, drehte den Lautstärkeregler ans Maximum und begann einen Monolog, der die ganze Fahrt andauern würde, nur unterbrochen durch grosse Schlucke aus seiner Wasserflasche, welche geräuschvoll über die Lautsprecher an die Ohren der Mitreisenden transportiert wurden. Irgendwann hielt der Bus, alle stiegen aus und wir wurden tatsächlich ganz alleine direkt an den Eingang zu den Ausgrabungsstätten gefahren. Was für ein Luxus! Dort angekommen, reihten wir uns ein; egal, wo wir hinschauten, gab es dutzende Fähnchen in der Luft, die die verschiedenen Reisegruppen anzeigten. Da es für Nicht-Chinesen einen separaten Eingang gab, konnten wir relativ weit nach vorne. Unser Reisepass – auch hier gleichzeitig unser Ticket – wurde gescannt und wir durften eintreten. Wir machten uns schnurstracks auf zur grössten Ausgrabungshalle, und auch wenn dort schon hunderte andere waren, konnten wir doch relativ gut die Terrakotta-Krieger bestaunen. Es ist wirklich grossartig, wenn man bedenkt, dass keine zwei Figuren sich aufs Haar gleichen, verschiedene Alter darstellen, verschiedene Rüstungen tragen und alle echte Einzelstücke sind. Es gibt Bogenschützen, Soldaten mit Schwertern und Äxten, Pferde mit Streitwagen und so weiter. Die etwa 8000 Figuren wurden 220 vor Christus vom ersten Kaiser von China als Grabbeigabe in Auftrag gegeben, um den Kaiser auch im Jenseits zu beschützen. Es war wirklich spannend, und wir blieben recht lange an diesem Ort und besuchten die Ausgrabungsstätte ein wenig später nochmals, als ein bisschen Ruhe einkehrte und die erste Welle von Touristengruppen vorbeigezogen war. Daneben gibt es noch zwei weitere Ausgrabungsstätten, die aber weitaus unspektakulärer sind als die erste grosse Halle. Im dazugehörigen Museum wurde noch gezeigt, wie die Figuren ursprünglich bemalt worden waren, und es gab sehr viele Tafeln zur Geschichte des Kaisers zu lesen. Irgendwie verging der Tag wie im Flug, und schon bald bekamen wir vom Reiseleiter eine WeChat-Nachricht, dass er gerne bald zurückfahren würde. Wir verliessen also das Gelände, und draussen erwartete uns ein riesiger Food-Court mit allen westlichen und chinesischen Fastfood-Läden, die es gibt. Wir gönnten uns tatsächlich einen Burger bei «Ronald», bevor wir zum angegebenen Treffpunkt kamen. Unser Reiseleiter war komplett verschwitzt und sah fix und fertig aus. Jedes Mal, wenn sich jemand von der Gruppe löste, um noch etwas zu essen zu holen, wie auch Eva, die uns einen Kaffee holte, bekam er immer leicht Panik. Wir schafften es dann doch alle zusammen zurück in den Bus, und sobald er sich in Bewegung setzte, schrie es wieder durch die Lautsprecher – diesmal aber nicht mit allgemeinen Informationen, sondern mit allerlei Produkten, die er anpries und die Rückfahrt so zu einer Kaffeefahrt umfunktionierte. Mit dröhnenden Ohren kamen wir wieder bei unserem Hotel an und waren fix und alle. Trotzdem rafften wir uns nochmals auf, gingen zurück zu dem Nudelstand, an dem wir am ersten Abend gegessen hatten, und bestellten andere Gerichte: Spätzle in kalt-saurer Suppe – und ja, wenn wir gewusst hätten, wie es serviert wird, hätten wir es wahrscheinlich nicht bestellt.

Den letzten Tag in Xi’an liessen wir ruhig angehen. Leider war das Wetter mässig, trotzdem gingen wir zur alten Stadtmauer und bezahlten den für eine Stadtmauer horrenden Eintritt. Wir hatten schon von anderen Reisenden gelesen, dass man auf der Stadtmauer Fahrräder mieten könne, und so taten wir es auch. Da wir die Höhe der Sitze nicht ändern konnten, fuhren wir zur nächsten Ausleihstation und wechselten unsere Räder nochmals aus. Dann waren wir auch schon bereit, die Stadt damit zu umrunden. Von hier oben hat man einen wunderbaren Ausblick auf die Stadt, einige schöne Gebäude, und immer nach ein paar Kilometern gibt es kleine Räume, in denen irgendetwas zur Geschichte Chinas erklärt wird, wie zum Beispiel die typischen Ziegeldächer und warum sie die runde Form haben. Was uns aber wirklich ins Auge stach und ab da an auch unsere Reise durch ganz China begleitete, waren die hunderten jungen Menschen, meist Frauen, die sich in klassischen Hanfu kleideten, um sich von (semi-)professionellen Fotografen ablichten zu lassen. Reisefotografie bekommt mit Douyin, dem chinesischen Pendant zu TikTok, ganz neue Sphären. Die Eingangstore der Stadtmauern waren derart voll, dass viele sich um die besten Plätze zankten. Es gab sogar extra Orte, an denen die Fotografen ihr Equipment verstauen mussten, damit nicht der ganze Weg voll von Stativen war. Wir beendeten unsere Rundfahrt und gingen von dort aus wieder zu unserer Lieblingsnudelküche im muslimischen Viertel. Leider hatten sie am Mittag nur kalte, saure Nudelsuppe, und wir konnten sie an diesem Tag leider nicht wirklich genießen, auch wenn wir im Nachhinein sagen müssen, dass sie eigentlich sehr gut und speziell war. Wir schlenderten noch durch die Stadt und haben noch ganz viele schöne Ecken entdeckt: einen taoistischen Tempel, ein Viertel mit vielen alten Häusern und viele kleine und grössere Dinge, die uns trotz der zweiten Woche in China immer wieder erstaunten. In Xi’an bewegten wir uns fast nur innerhalb der historischen Stadtmauern; es gäbe in dieser Stadt sicherlich noch viel mehr zu entdecken.

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