Von Dilijan in Armenien gab es Shared Taxis nach Tiflis in Georgien. Sie starteten sehr früh am Morgen in Jerewan und machten ein paar Stopps auf der Strecke und endeten in Tiflis. Als wir einstiegen, waren noch zwei Sitze frei, die anderen fünf waren mit Mitreisenden besetzt. Es gab zwei Anbieter, die diese Strecke anboten, von der einen hörten wir nicht wirklich Gutes, also hatten wir die Fahrt bei der anderen gekauft. Los gings alles die Schnellstrasse entlang in Richtung Osten und dann der aserbaidschanischen Grenze entlang gegen Norden. Es war irgendwie seltsam, auf der anderen Strassenseite über Stunden die Flagge Aserbaidschans sehen zu können, im Wissen, dass die beiden Staaten bis vor kurzem noch gegeneinander im Krieg waren. Je länger die Fahrt dauerte, desto schneller wurde der Fahrer. Nik, den wir in Batumi kennengelernt hatten, hatte uns vor einer halsbrecherischen Fahrt gewarn und so kam es dann auch. Er fuhr teilweise mit rund 140 km/h durch die Dörfer, es war beängstigend, wie wir über die Bodenwellen flogen. An der Grenze angekommen, waren alle Insassen froh, kurz an die frische Luft zu können. Da in unsere Richtung zu der Zeit niemand an der Grenze wartete, ging die ganze Prozedur relativ schnell. Pass zeigen, ausstempeln, rein in den Minivan, Weiterfahrt bis zum nächsten Posten, alles wieder rauskramen und mit dem Gepäck zum Grenzbeamten, um den nächsten Stempel abzuholen.
Auf der georgischen Seite fuhr der Fahrer dann doch nicht so schnell, allenfalls waren die Bussen in Georgien höher? Wir konnten nur spekulieren. Angekommen in Tbilisi, waren wir zuerst verwirrt, da der Minibus nicht wie eigentlich geheissen beim Busbahnhof Ortachala hielt, sondern auf irgendeinem Parkplatz, etwa 30 Minuten Fussmarsch vom Busbahnhof entfernt. Da wir von dort aus weiterreisen wollten, starteten wir den Fussmarsch quer durch das Aussenquartier Tbilisis. Auf der Route lag zum Glück auch noch ein Laden unseres Simkarten-Anbieters, wo wir für einen Apfel und ein Ei eine weitere Woche unlimitiertes Datenvolumen kaufen konnten. Als wir am Busbahnhof ankamen, fragten wir uns durch, jeder, den wir fragten, zeigte in irgendeine andere Richtung, doch das sture Befolgen der Anweisungen führte uns doch relativ direkt zum Bus nach Telawi, der Hauptstadt Kachetiens. Dieser fuhr etwa jede Stunde vom Busbahnhof, wobei es eine direktere und eine weniger direkte Linie gab. Wir hatten natürlich die indirekte Linie erwischt und so kam es, dass der Hinweg deutlich länger dauerte als der Rückweg. Marschrutka zu fahren war immer wieder ein Abenteuer und schien für alle Menschen vor Ort der ganz normale tägliche Wahnsinn zu sein. Obwohl wir inzwischen doch einige Erfahrung mit Marschrutkas und Dolmus hatten, würden wir uns wahrscheinlich nie wirklich daran gewöhnen.
Die Wetterprognose für die nächste Woche war in ganz Georgien eher mies. Nach den durchaus sonnigen Wochen, die wir hinter uns hatten, waren die grauen Wolken, die in Kachetien aufzogen und das ganze Land bedeckten, ein ungewöhnliches Bild. Dies führte dazu, dass wir das Wetter in Telawi aussitzen wollten, also blieben wir 4 Nächte in der Stadt. Da das Wetter zwar unbeständig war, aber besser als ursprünglich angenommen, hatten wir doch die Möglichkeit, noch einiges zu unternehmen.
Am ersten Tag brachen wir auf, um die Weinkellereien rund um Telawi zu entdecken. Kachetien war die Weinregion Georgiens und bekannt für ihre Weindegustationen. Dies zeigte sich auch in Telawi selbst, wo praktisch alle Häuser mit Weinreben bedeckt waren, was dem Ort ein ländliches Flair verlieh. Wir stiegen am Marschrutka-Abfahrtsplatz in einen Minibus ein, der uns bis in die Nachbarsgemeinde Zinandali fuhr. Dort besichtigten wir erst einen wirklich schönen Park, der auch ein Museum zu Ehren der Adelsfamilie Chavchavadze gewidmet war, der das Anwesen ursprünglich gehörte. Heute waren der Park und das grosse Herrschaftshaus im Besitz einer grossen Hotelkette. Trotzdem war es ein Zufluchtsort vor der hektischen Aussenwelt und es liess sich dort gut entspannen. Nur 10 Minuten zu Fuss weiter erreichten wir die Shumi-Kellerei. Der grosszügig angelegte Gutshof war vor allem bei Reisegruppen beliebt, da die Kellerei strategisch geschickt an der Hauptstrasse lag und einen geräumigen Parkplatz aufwies. Mitte September war die Hochsaison aber schon vorbei und wir konnten ganz gemütlich ohne grossen Andrang im Garten der Kellerei Platz nehmen und verschiedene Weine degustieren. Der Herr, der sich uns annahm, erklärte ausführlich die Machart der verschiedenen Weine, die sowohl nach traditionell georgischer Methode, aber auch typisch europäisch Art bereitet wurden. In der traditionell georgischen Weinbereitung wurden die Trauben in grossen Tonamphoren, den Qvevris, welche im Boden vergraben waren, mitsamt Stielen, Kernen und Haut fermentiert. Die Shumi Kellerei bot eine riesige Auswahl an Weinen, europäische Trauben, die in Qvevris gekellert wurden, georgische Traubensorten, die nach europäischer Machart gekellert wurden, umgekehrt und in jeglich erdenklichen Kombination und verschiedenen Assemblagen. Nachdem wir das Set aus 4 Weinen probiert und die Degustationsplatte komplett verputzt hatten, brachen wir auf. Immerhin wollten wir bis nach Telawi zurückwandern und wir hatten noch einige Stunden vor uns. Leider ist uns da aber die Mildiani-Kellerei dazwischen gegrätscht. Sie lag kaum zu übersehen nur etwa 5 Gehminuten von der Shumi-Kellerei entfernt und hatte einen im Vergleich zur Shumi-Kellerei extrem modernen Degustationsraum, der mit Sichtbeton und dem Interior im Industriestil nicht weiter weg sein konnte von der Bauernhof-Atmosphäre der Shumi-Kellerei.
Obwohl wir eigentlich einfach zwei Gläser Wein probieren wollten, arteten die zwei Gläser Wein trotzdem zu einer ausgewachsenen Degustation aus. Die Frau, die den Laden, die Degustation und die Bar schmiss, meinte zu uns, ihre angeborene ausgeprägte georgische Gastfreundschaft liesse es nicht zu, dass sie uns ihr Weingut nicht richtig vorstellen könnte und schon bald waren mehr als sechs Flaschen bester roter Wein auf unserem Tisch, eine Platte süsser und salziger Leckereien und die Gastgeberin referierte sichtlich erfreut, dass wir durchaus Interesse an der Weinherstellung zeigten und nicht einfach hier waren, um zu saufen. Was wohl öfter vorkommen mochte. Immerhin lag die Kelterei Eva beinahe in den Genen und so erzählte sie uns davon, dass die meisten Weine, die sie herstellten, in grossen Eisentanks gegoren wurden, wobei sie auch noch einige wenige Qvevri-Weine im Sortiment hätten und rund 89 verschiedene Weine herstellten und mit Weinbauern aus der ganzen Region zusammenarbeiteten. Als wir schlussendlich aufbrachen und unseren Tisch begutachteten, hatten wir schon leicht Angst, dass ein Preis jenseits von gut und böse auf der Rechnung stehen würde, aber es wurde uns tatsächlich nur die beiden Gläser Wein verrechnet, die wir am Anfang bestellt hatten. Wir bedankten uns artig und liessen ein gutes Trinkgeld da.
Inzwischen war die Zeit schon ein wenig fortgeschritten und wir mussten die Beine in die Hand nehmen, um vor kompletter Dunkelheit zurück in Telawi zu sein. Wir bogen also irgendwann von der Strasse links ab, ein mehr oder weniger gut geteerter Weg führte den Berg hinauf in Richtung Kisiskhevi, die Nachbargemeinde von Telawi. Auch dort gab es mehrere bekannte Kellereien, viele von denen waren auch ausgewachsene Luxushotels mit Innen- und Aussenpool, Spa oder Ballsälen. Mitten im Dorf kamen wir aber an einer kleinen Kellerei vorbei, die Brothers Khutsishvili hiess. Vorsichtig schauten wir ums Eck, ob wohl noch jemand da war und als der stämmige Weinbauer uns entdeckte, lud er uns mit lauter Stimme dazu ein, erst mit den anderen Anwesenden einen Chacha zu trinken, um den Gaumen für die anschliessende Degustation vorzubereiten. Irgendwie war alles ein wenig verwirrend, einige Niederländer, die dort nächtigten, schienen nicht das erste Glas Wein in der Hand zu halten, ein paar japanische Touristen stapften in viel zu grossen Gummistiefeln durch den Garten und wir wurden auf der Veranda mit zwei weiteren Flaschen Wein allein gelassen. Wir warteten geduldig, bis der Herr des Hauses sich zu uns gesellte, um etwas über seine Weine zu erzählen, doch das dauerte und wir warteten. Nach einer geschlagenen Stunde waren wir so weit, dass wir den Herrn des Hofes suchten und fragten, wann dann die Degustation beginnen werde und er meinte: Free degustation, take as much as you want. Also zurück auf die Veranda. Viel Wein haben wir nicht mehr getestet, die anderen beiden Degustationen lagen uns noch im Magen, ganz zu schweigen vom Chacha. Also an beiden Gläser kurz genippt, bezahlt, bedankt und ab auf die letzten Kilometer in Richtung Telawi.
Kurz nach dem Eindunkeln erreichten wir dann die Stadt wieder. Ein bisschen unheimlich waren die beinahe komplett leeren Strassen, die Hunde, die von überall hergelaufen kamen und uns anbellten und anknurrten. Wenn wir uns ihnen näherten, verkrümelten sie sich dann aber doch relativ schnell. Wir gingen noch in ein Restaurant, zwei grosse Portionen Khinkali essen, georgische Teigtaschen, ähnlich wie Dumplings, die entweder mit Käse, Kartoffeln, Pilzen oder verschieden gewürztem Fleisch gefüllt waren. Wir liessen die mit Käse und Kartoffeln meist unbeachtet und in den allermeisten Fällen, wie auch hier, waren die mit Pilzen gefüllten Khinkali die allerbesten.
Die nächsten Tage liefen einiges monotoner ab. Wir entdeckten in der Nähe unseres Gasthauses ein super Café mit exzellenten Croissants, Pain au Chocolat und weiterem Gebäck und der Kaffee war auch noch nicht von schlechten Eltern. Der Gastraum war relativ gross und da das Wifi auch sehr gut war, nutzten wir die Zeit und das schlechte Wetter, die nächsten Schritte unserer Reise zu planen, einige organisatorische Sachen zu erledigen, die halt trotz guter Vorbereitung dann doch immer wieder anfielen. An den Abenden assen wir in unserer Unterkunft Shoti, das georgische Brot, Salate, und alles, was der nahe gelegene Supermarkt so alles hergab. Wenn wir nicht gerade im Café sassen, schlenderten wir durch die Stadt, erkundeten den Bazar, der uns einen Einblick in das offenbarte, was uns auf der weiteren Reise noch erwarten dürfte und erfreuten uns über all die schönen Häuser und den Park, von dem man einen tollen Ausblick auf die Stadt und die Ebene unter Telawi hatte.
Auch wenn wir nur vier Nächte und drei volle Tage in Telawi verbrachten, war es für uns extrem erholsam, nachdem wir zuvor doch relativ rasch durch Armenien und den Westen Georgiens gereist waren.
























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