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Dilijan

16. September 2025

Obwohl die beiden Orte Sewan und Dilijan nur wenige Kilometer auseinander lagen, gab es keine direkte Busverbindung zwischen ihnen. Die einzige Möglichkeit wäre gewesen, nach Jerewan zurückzufahren und von dort ein Marschrutka nach Dilijan zu nehmen. Um das zu umgehen, buchten wir ein Taxi bis nach Dilijan, was mit den Apps GG (dem armenischen Pendant zu Uber) und Yandex Go (dem russischen Pendant zu Uber) relativ preiswert war.

In Dilijan angekommen, bot sich uns ein völlig anderes Bild. Es handelte sich um ein Bergdorf, das am Hang gebaut war. Die Holzhäuser waren den uns bekannten Chalets nicht unähnlich und die Steinhäuser hätten auch im Engadin stehen können. Daher rührt wohl auch der Übername des Ortes "die Schweiz Armeniens".

Vorab hatten wir ein Zimmer in einem Gasthaus gemietet, das nicht klein, sondern winzig war, aber sauber. Boden und Möbel waren aus Fichtenholz gefertigt, was der Unterkunft Alpen-Skiferien-Flair verlieh. Nachdem wir unsere Rucksäcke irgendwie ins Zimmer gestopft hatten, das mit den beiden Betten bereits komplett voll war, wollten wir noch etwas unternehmen. Also zogen wir unsere Wanderkleidung an. Elegant war anders, aber für den Wald musste es reichen.

In der Touristeninformation, die an einem künstlich angelegten See lag, erkundigten wir uns nach Wandermöglichkeiten - was wir jedem empfehlen können. Die Angestellten sprachen sehr gut Englisch und konnten Wanderwege für jedes Level und jede Dauer vorschlagen. Wir fragten nach einer kurzen Wanderung für einige Stunden am selben Tag und nach einer längeren Ganztageswanderung für den nächsten Tag.

Mit vielen Informationen im Gepäck warteten wir beim Dorfplatz, einem grossen Kreisel mit erstaunlich viel Verkehrschaos für einen derart kleinen Ort, bis ein Marschrutka vorbeifuhr, dass uns zum Startpunkt unserer kleinen Wanderung bringen sollte. Da wir bei den armenischen Schriftzeichen im Gegensatz zu den kyrillischen gar keine Chance hatten, zeigten wir einfach jedem vorbeifahrenden Marschrutka-Fahrer auf Google Maps, wohin wir wollten, bis schliesslich einer nickte und wir einsteigen konnten.

Er fuhr uns zu einem nahegelegenen Waldstück, wo ein etwa zweistündiger Rundwanderweg startete. Der Weg führte durch den Wald, über Grasflächen, auf denen Kühe weideten und an der Ruine einer Kirche vorbei, die uns mehr als alle zuvor das Gefühl gab, mitten in einem Indiana-Jones-Film festzustecken. Ab und zu sahen wir noch andere Wanderer, doch grösstenteils waren wir komplett allein.

Nach der kleinen, aber sehr schönen Wanderung nahmen wir den Bus zurück nach Dilijan und machten uns in unserem Zimmer für den Abend bereit. Eigentlich wollten wir in der Dorfkneipe etwas essen, doch die total unmotivierte Barfrau machte keinerlei Anstalten, uns zu bedienen. Also gingen wir weiter zur Pizzeria im Ort und sahen dort das zeitgleich laufende FCB-Spiel.

Am nächsten Tag stand eine weitere Wanderung auf dem Programm. Wir standen früh auf und fuhren mit dem Taxi zum Parz Lich, einem See mitten im Wald, wo man theoretisch in einem Kletterpark klettern oder mit dem Pferd ausreiten könnte. An diesem Morgen aber war es derart neblig, dass wir direkt am Wasser standen und den See nur daran bemerkten, dass unsere Füsse nass wurden. Wir waren froh, dass der Taxifahrer, der uns hinbrachte, die Geschwindigkeit entsprechend drosselte, was tatsächlich nicht selbstverständlich war, wurden wir doch unterwegs von nicht wenigen Autos mit unpassender Geschwindigkeit überholt.

Dilijan  GPX

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Wir gingen zum Ausgangspunkt der Wanderung und folgten den Wegweisern und der TCT-Beschilderung des Transkaukasus-Trails in den Wald hinein, auch wenn wir die Markierungen oft erst sahen, kurz bevor wir mit ihnen kollidierten. Zu Beginn folgten uns zwei Hunde, doch nur einer hatte den Atem, die Wanderung wirklich mit uns in Angriff zu nehmen. Leider war es genau der, der blutüberströmt offene Wunden hatte und ein recht blutiges Fell besass. Alle unsere Überzeugungsversuche, wegzubleiben, interessierten ihn nicht.

Langsam gingen wir durch den Wald, darauf bedacht, den Weg ja nicht zu verlieren, denn in den Nebelschwaden war es nicht immer einfach, die Orientierung zu behalten. Wir waren komplett allein, nur eine Gruppe Engländer kreuzte nach etwa zwei Stunden unseren Weg. Wir unterhielten uns kurz mit ihnen. Sie waren gerade auf dem Weg zum Parz Lich und machten dieselbe Wanderung in umgekehrter Richtung. Das war zu unserem Glück auch für unseren Hund die Möglichkeit, zum See zurückzukehren, in der Hoffnung, dass er von diesen Wanderern etwas vom Proviant abbekam.

Wir schlichen weiter durch den wolkenverhangenen Wald. Es wirkte mystisch, die hohen, dünnen Baumstämme liessen die Umgebung wie eine Filmkulisse erscheinen. Irgendwann öffnete sich der Wald plötzlich und wir standen auf einem grossen Feld mit uns unbekannten, mannshohen Pflanzen - unwirklicher hätte die Situation nicht sein können.

Je tiefer wir stiegen, desto besser wurde die Sicht und langsam, aber sicher näherten wir uns wieder Dilijan. Die etwa 16 Kilometer lange Wanderung durch die Nadel- und Laubwälder Armeniens war wirklich wunderschön und technisch für fast alle machbar.

Als wir erschöpft bei unserer Unterkunft ankamen, mussten wir erst einmal unter die Dusche, bevor wir den Abend im Café beim Dorfplatz ausklingen liessen. Eigentlich wollten wir dort nur einen Kaffee trinken, doch wir waren zu müde, nochmals das Lokal zu wechseln. Also blieben wir einfach, wo wir waren, und bestellten auch noch etwas zu essen. Das Café #2 in Dilijan ist ein tolles Projekt. Es wird komplett von Jugendlichen geführt, die hier schon früh lernen, Verantwortung zu übernehmen und sich ihr Taschengeld in der Freizeit aufzubessern. Es ist auch zentraler Treffpunkt für Jugend- und Sportvereine, die sich dort treffen und bei den Einheimischen genauso beliebt wie bei Touristen.

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