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Sewan

14. September 2025

Von Goris aus nahmen wir ein «Shared-Taxi» zurück nach Jerewan. Die Tickets hatten wir zum Glück schon bei der Anreise gekauft und auch der Fahrer, der die umgekehrte Strecke bediente, schien um einiges ausgeglichener zu sein als jener bei der Hinfahrt. In Jerewan angekommen bezogen wir dasselbe Hotel wie schon bei unserem ersten Aufenthalt dort. Es lag nahe am Bahnhof, was uns für die Weiterfahrt am nächsten Tag enorm half. Nach den vier Stunden Fahrt waren wir froh wieder auf den Beinen zu sein, schlenderten durch die Stadt, nahmen einen Cappuccino to go und endeten schliesslich in der Beer Academy, um die Biere der dortigen Brauerei zu probieren und endlich unseren Blog online zu stellen.

Da es hie und da noch Stellschrauben und Baustellen gab, wurde der ursprünglich kurz geplante Aufenthalt länger als gedacht. Als es endlich so weit war, waren wir euphorisiert und hungrig also steuerten wir das Restaurant Tun Lahmajo an, in dem wir ein paar Tage zuvor schon gegessen hatten. Das Familienrestaurant wirkte von aussen zwar überfüllt und auf den ersten Blick wie eine Touristenfalle doch wir können jedem nur wärmstens empfehlen sich dort zu verköstigen. Der Innenhof und auch das Innere des Restaurants sind liebevoll gestaltet, die Angestellten höflich und zuvorkommend und das Essen schmeckte hervorragend. Auf der Bestellung durfte ein Lamacuhn, ihre Hausspezialität wie der Name des Restaurants schon verrät, natürlich nicht fehlen.

Am nächsten Morgen nahmen wir den Zug nach Sevan, das nördlich der Hauptstadt liegt. Der Zug, der nur während der Sommermonate verkehrt, wirkte auf den ersten wie auch auf den zweiten Blick wie ein Museumsstück. Die Holzbänke waren zwar bequem, doch wir hatten unsere Zweifel, ob sie das auch Stunden später noch sein würden. Pünktlich auf die Minute gab es einen Ruck im Wagen und langsam, fast gemächlich, rollte der Zug aus dem Bahnhof Jerewan hinaus. Die Strecke war traumhaft, die Schienen folgten dem Azhdahak-Gebirge, langsam und stetig aufwärts, Meter um Meter an Höhe gewinnend. Mit uns im Wagen sass eine Familie und es dauerte nicht lange, bis der Vater Pascal fragte, ob er sich zu uns setzen dürfe. Er stellte sich vor, erkundigte sich, woher wir kamen und was wir machten. Bald kam seine Tochter hinzu, um ihm beim Englisch zu helfen.

Die Familie kam aus dem Iran und besuchte gerade den Sohn, der in Mokau Zahnmedizin studierte. Sie trafen sich auf halbem Weg in Armenien, wo sie einige Tage gemeinsam Jerewan besuchten. Die Tochter studiert derweil Medizin im Iran und war sehr interessiert daran, was unsere Ziele waren, wo wir schon überall gewesen waren und natürlich, ob wir verheiratet seien. Es entwickelte sich ein angeregtes Gespräch über das Leben und die Welt. So vergingen die Stunden bis Sevan im Fluge.

Im Städtchen angekommen bezogen wir ein modernes und schickes Gasthaus, das zur Nebensaison unglaublich günstig war. Gleich machten wir uns auf den Weg zum Sevansee. Wir mussten ein recht heruntergekommenes Viertel durchqueren und die Schnellstrasse mit einem Übergang passieren. Am Ufer des Sees angekommen sahen wir: nichts. Jedenfalls nichts, was besonders interessant gewesen wäre. Ja, der See ist gross, immerhin der grösste Gebirgssee der Welt, doch das Ufer war leer, die geschlossenen Strandbars verströmten keinerlei Charme und wir konnten nur schwer darüber hinwegsehen. Immerhin sahen wir fünf knuffige Welpen, die miteinander spielten und rangelten und uns die trostlose Umgebung für einen Moment vergessen liessen. Die Einrichtungen, Strandhütten und zerfledderten Sonnenschirme liessen erahnen, wie es im Sommer hier zu und her gehen musste. Der ganze Sevansee ist Zufluchtsort der in Jerewan lebenden Bevölkerung; auf 1900 Metern über Meer ist es auch im Sommer angenehm kühl und der See und die Strände laden zum Baden ein.

Leicht verdrossen gingen wir zurück zur Schnellstrasse und wollten eigentlich ins Hotel zurück doch ganz aufgeben konnten wir dann doch noch nicht. Also bestellten wir ein Taxi, das uns bis zur Sevan-Halbinsel brachte. Dort war es deutlich schöner. Der kleine Hügel auf der Halbinsel bot einen tollen Ausblick über den See, inklusive dem Besuch einer weiteren orthodoxen Kirche. Da das Wetter unbeständig war, gab es immer wieder heftige Regenschauer und wir flüchteten, um nicht ganz nass zu werden, in die Imbissbuden und Cafés, die hier noch geöffnet waren. Auf dem Hügel vor der Kirche trafen wir auch die iranische Familie wieder, die wie wir sichtlich erfreut war, uns nochmals zu sehen. Wir verabschiedeten uns endgültig, fuhren mit dem Taxi zurück ins Städtchen und blieben im Hotelzimmer, wo wir es einfach genossen, wieder einmal ein sauberes und gepflegtes Zimmer zu haben.

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