Dunhuang

5. November 2025

Relativ verschwitzt und noch komplett gestresst kamen wir in Jiayuguan am Bahnhof an, holten uns noch Wasser im örtlichen Bahnhofsshop und betraten den Schnellzug nach Dunhuang. Diesen Zug hatten wir schon in Taschkent gebucht, da wir online sahen, dass er sehr voll war. Warum gerade diese Strecke so beliebt war, konnten wir im Zug sehen: Der ganze Zug war von einer Schule belegt. Es mussten nicht hundert, sondern hunderte Schüler:innen gewesen sein. Leider hatten wir keine Sitzplätze zusammen und da es uns an diesem Tag noch nicht zum Essen gereicht hatte, snackten wir im Zug Yak-Trockenfleisch, das einen starken Duft im ganzen Wagen verströmte. Die Fahrt verlief wie üblich relativ ereignislos und Eva bewunderte all die Schüler:innen, wie konzentriert und diszipliniert sie an ihren Aufgabenblättern arbeiteten. Als Eva dann aber die Toilette aufsuchte, bemerkte ein Schüler, dass eine beziehungsweise zwei Westler im Zug waren und es war mit der Konzentration vorbei. Plötzlich tuschelten alle Schüler und sahen Eva mit grossen Augen an, was wahrscheinlich nicht nur mit ihrer hellen Haut, sondern auch – für chinesische Verhältnisse – mit ihrer beachtlichen Körpergrösse zusammenhing. Bis wir in Dunhuang ankamen, legte sich ein Teppich aus Gemurmel über den Zug; wir hörten es immer wieder kichern und es schienen plötzlich unglaublich viele Schüler auf die Toilette zu müssen. Was jetzt vielleicht unangenehm klingt, war nicht wirklich schlimm, sondern eher auch für uns ganz lustig zu erleben. In Dunhuang angekommen, war Eva nochmals erstaunt, wie diszipliniert die Schüler sich in ihre Klassen einreihten. Alle hatten einen Schildträger zuvorderst, der die Klassenbezeichnung zeigte, dahinter die Kinder in perfekter militärischer Formation; es wurde durchgezählt und danach klassenweise in Busse verschoben.

Wir nahmen wiederum ein Taxi in die Stadt. Dazu muss man wissen, dass die Bahnhöfe in den chinesischen Städten nicht wie in Europa nahe dem Zentrum eines Ortes gebaut sind, sondern weit ausserhalb. Der Grund dafür liegt darin, dass die Hochgeschwindigkeitsstrecken so gebaut wurden, dass der Zug möglichst oft die Höchstgeschwindigkeit fahren kann, also eigentlich immer direkt geradeaus. Und so wurden die Punkte, die nahe einer Stadt lagen, zu Bahnhöfen ausgebaut und es ist ganz normal für alle, das Taxi zur Fahrt in die Innenstadt zu nutzen, da der örtliche Bus meist nicht gerade um die Ecke hält.

Dunhuang hat wirklich viel zu bieten. Trotz seiner Winzigkeit (ca. 200'000 Einwohner) ist die Stadt bei chinesischen Touristen sehr beliebt; dies ist wahrscheinlich auch der Grund, wieso die Kleinstadt einen Anschluss an die Hochgeschwindigkeitsstrecke bekam. Als wir im Hotel waren – die Hotels in China waren alle wirklich verdammt schön –, gingen wir sogleich wieder nach draussen, um auf dem bekannten Nachtmarkt, der nur 20 Meter vom Hoteleingang entfernt begann, etwas zu essen. Solche Nachtmärkte kennt man vor allem von Reiseberichten aus Thailand und anderen südostasiatischen Orten. Diesen hier hätten wir sicherlich noch viel mehr genossen, wenn die Temperaturanzeige näher bei 20 Grad anstatt bei 0 Grad Celsius gelegen hätte. Dick eingepackt in unsere Daunenjacken schlichen wir um die Stände des Nachtmarkts, wohl wie Raubtiere, die ihre Beute umkreisen. Nachdem wir alle Stände argwöhnisch beäugt und uns versichert hatten, bei welchen Speisen sich unsere Mägen nicht umdrehten, entschieden wir uns für mit Kräutern überbackenen Tofu, kleine Fladenbrote gefüllt mit «Irgendwas» und danach – um noch ein wenig mutiger zu sein – auf dem Feuer gegrillten Darm, der um Lauch gewickelt war. Letzteres taten wir zwar, um uns selbst zu beweisen, wie mutig wir waren, aber eigentlich hatten wir Ähnliches schon auf dem «Mercato di Ballarò» gegessen, und es hatte uns geschmeckt. Also, was konnte da schon schiefgehen? Als wir aber in die Lauchstückchen bissen, merkte unser Magen vor unserem Bewusstsein, dass uns das nicht schmeckte; wir verzogen beide das Gesicht, als hätten wir gerade in saure Zitronenschnitze gebissen. Es war gelinde gesagt ungeniessbar. Wir konnten es uns erst nicht eingestehen, dass wir es nicht essen konnten, und kämpften uns noch weiter. Pascal meinte immer wieder, vielleicht bemerke man den Gestank irgendwann nicht mehr, aber es war bis zum letzten Bissen grauenhaft. Und ja, wir haben es natürlich aufgegessen. Damit wir unseren Abend noch mit etwas Wohlriechendem beenden konnten, bestellten wir an einem anderen Stand noch Dumplings, die wiederum genau wie der Tofu und die Fladenbrote sehr, sehr gut waren.

Wir schliefen aus und als es draussen langsam geschäftig wurde, begrüssten auch wir den neuen Morgen und warfen uns warme Kleider über. Draussen gab es einen Kaffee um die Ecke – haben wir schon erwähnt, dass in China noch in jedem Gebäude gequalmt wird, was der Glimmstängel hergibt? So auch in diesem Café, also nahmen wir gleich Reissaus und schlenderten langsam in Richtung Tagesziel, zur Mingsha Shan, der «Singenden Düne». Eigentlich hätten wir am Morgen auch noch die Mogao-Grotten anschauen sollen, aber dass man dafür extra früh Tickets buchen musste, da der Einlass stark begrenzt ist, hatten wir viel zu spät gelesen. Ein daoistischer Mönch fand um 1900 in den Höhlentempeln 50'000 Schriften, die buddhistische Mönche dort vor den Mongolen versteckten. Wie gesagt, hätten wir uns für einen Besuch der Grotten früher kümmern müssen und so fuhren wir zur grossen Düne. Der letzte halbe Kilometer vor dem Eingang bestand aus Souvenirshops und Garküchen, wobei die meisten aufgrund der Nebensaison geschlossen waren. In einer Garküche assen wir kurz Dumplings und eine Reisschüssel, was viel zu viel war, bevor wir uns Tickets am Schalter besorgten und den Nationalpark betraten. Eigentlich war es nicht nur eine Düne, sondern eine ganze Dünenlandschaft und die letzten Ausläufer der Gobi-Wüste, beziehungsweise – für Hobby-Geografen – des Alashan-Plateaus. Wie alle Besucher holten wir uns orange Schuhüberzieher. Obwohl wir die total albern fanden und uns erst weigerten, waren wir schlussendlich froh, sie angezogen zu haben, da sie verhinderten, dass der Sand überall in die Schuhe und auch in die Hosen kam.

Wir verneinten alle Verkaufsversuche von Kamel-Reitausflügen und kämpften uns durch bis zum Ausgangspunkt der Dünenbesteigung. Die Wege zur grössten Düne werden immer wieder von Pfaden für die Kamelkarawanen gekreuzt; dabei gibt es Ampeln, die zeigen, wann die Kamele gehen dürfen und wann nicht. Nachdem wir in China waren, erstaunte es doch ein bisschen, dass es für die Dünenbesteigung keine Rolltreppe gab, sondern jeder die Höhenmeter mit seiner eigenen Muskelkraft bewältigen musste. Immerhin gab es eine auf dem Sand liegende Strickleiter, die half, dass die Touristen nicht für zwei Schritte hinauf einen hinunterrutschten. Oben angekommen, hat man einen fantastischen Blick auf den Sichelsee, eine kleine Oase mitten in der Düne, und auf die weiteren Sanddünen. Nach dem Abstieg, der deutlich mehr Spass machte als die umgekehrte Richtung, besuchten wir noch den Sichelsee. Dabei kamen wir an der Koppel vorbei, wo hunderte Kamele auf ihren Einsatz warteten. Nachdem wir gesehen hatten, wie die Kamele gehalten werden, können wir nur jedem davon abraten, die Attraktion des Kamelreitens in Anspruch zu nehmen.

Am Abend verpflegten wir uns nochmals auf dem Nachtmarkt. Diesmal liessen wir die Abenteuer sein und assen nur Dinge, die wirklich unseren Appetit anregten (gluschtig). Als wir gerade so mampfend an einem Tisch sassen, gesellten sich zwei Chinesen zu uns und fragten, woher wir seien. Als wir sagten, dass wir aus der Schweiz kämen, wechselte der eine auf fliessendes Französisch, was uns erst einmal die Sprache verschlug. Eva packte ihr bestes Französisch aus, während Pascal mit beinahe fassbaren Fragezeichen danebensass. Wir erfuhren, dass sie auf einer Motorradtour von Schanghai aus waren. Nach dem Essen gelüstete es Pascal noch nach etwas Süssem, doch aufgrund der Sprachbarriere endete es darin, dass wir mit einer grossen Portion Eis dastanden, die bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt nicht gerade das war, was wir uns wünschten. So endete unser kurzer Aufenthalt in Dunhuang, und es ging am nächsten Tag weiter am Fusse des Himalaya entlang.

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