Eigentlich lag die Stadt Jiayuguan so überhaupt nicht praktisch. In Taschkent hatten wir den ersten Teil unserer Reise geplant und wollten es unbedingt möglich machen, hier vorbeizukommen, denn in dieser kleinen Provinzstadt (mehr als 300'000 Einwohner) steht das westliche Ende der Chinesischen Mauer. Da wir schon wussten, dass andere Abschnitte garantiert nicht auf unserer Strecke liegen würden, mussten wir einfach hierherkommen. Wir lasen im Vorfeld, dass sich alle Attraktionen gut an einem Tag erledigen liessen, und da wir relativ spät mit dem Zug in der Stadt ankamen und am nächsten Tag relativ spät mit dem Zug weiterfuhren, waren wir ziemlich sicher, dass die Zeit reichen würde. Schon die zweite Zugfahrt fühlte sich in China nach Routine an: Passkontrolle – Sicherheitskontrolle – Warten, bis der Zug einfährt – Ticketkontrolle und zum richtigen Gleisabschnitt stehen – Gedränge beim Einsteigen, da die Plätze für Gepäckstücke rar sind – pünktlich auf die Minute losfahren. Wie wohltuend strukturiert das alles war. Nach der Ankunft am Ziel ein Taxi per Didi zu ordern, war ebenfalls unglaublich einfach, nur unterhalten konnten wir uns mit niemandem, was ein wenig schade war.
Das Taxi brachte uns in ein leicht abgewohntes Hotel. Wir waren ein wenig enttäuscht darüber; für die umgerechnet 14 CHF pro Nacht konnten wir aber auch nicht alles erwarten, und sauber war es allemal. Wir verbrachten die letzten Stunden des Tages damit, uns die ganz ordentliche Stadt anzuschauen, das erste Mal einen chinesischen Supermarkt zu besuchen und darin viele Kuriositäten zu entdecken. Wir waren unsicher, wo wir zu Abend essen sollten, also fiel die Wahl einfach auf das Lokal, in dem die meisten Personen sassen. Es war ein Glücksgriff. Der All-You-Can-Eat-und-Drink-Hotpot-Laden war bis auf den letzten Tisch besetzt und wir hatten Glück, dass wir vom Inhaber sogleich als Chefsache angesehen wurden – wann verirren sich dort schon mal zwei Westler hin? Er war sichtlich bemüht, uns nur das beste Erlebnis zu bieten, zeigte uns alles, was wichtig war, und erklärte in seinem besten Englisch die verschiedenen Fleischsorten und Gemüse. Jeder von uns wählte seinen eigenen kleinen Topf, in dem man sich seine Speisen zubereitete. Das Tolle daran war, dass das Ganze ein grosses Erlebnis war und alle im Restaurant die gleiche Freude an unserem Dasein hatten wie wir am Essen.
Nicht zu früh, aber immer noch früh genug, um gemütlich alles zu besichtigen und danach zurück ins Hotel zu kommen, standen wir auf und machten uns mit einem Taxi auf den Weg zur Chinesischen Mauer. Der Abschnitt von Jiayuguan ist relativ kurz; man kann von unten einen Hügel auf der Chinesischen Mauer hinaufsteigen, wobei einige Abschnitte sehr, sehr steil sind. Einige der Wachtürme konnten bestiegen werden und bei allen, bei denen es möglich war, haben wir das natürlich gemacht. Ganz oben angekommen, sind wir den Hügel innerhalb der Mauer wieder hinuntergewandert, was nochmals einen tollen Blick auf die Sehenswürdigkeit gab. Unten angekommen, wollten wir in Schweizer Manier den Rest natürlich zu Fuss erkunden. Immerhin waren wir gut zu Fuss! Also auf zum nächsten Teil der Mauer, der nur einige hundert Meter daneben lag. Dort angekommen, war der Mauerabschnitt jedoch hinter einer grossen Umzäunung und wir hatten keine Möglichkeit, hineinzukommen. Also sind wir wieder zum Eingang des ersten Teils der Mauer zurückspaziert und haben dort gefragt, ob es möglich sei, auch den anderen Teil zu sehen. Leider war dieser Abschnitt jedoch auf Privatgelände und wurde derzeit restauriert. Wir konnten nur ahnen, wie dieser bisher noch relativ unbekannte Teil der Mauer in einigen Jahren touristisch ausgeschlachtet werden wird.
Wir nahmen das Taxi weiter zum Eingang des Forts von Jiayuguan. Das Fort, welches zugleich als Eingang zur historischen Stadt und als strategischer Zugang zum Hexi-Korridor an der Seidenstrasse diente, lag etwa eine halbe Stunde Autofahrt von der Mauer entfernt. Der Hexi-Korridor bezeichnet einen nur etwa 100 Kilometer breiten Abschnitt zwischen Zentralasien und China, der im Norden von der Wüste Gobi und im Süden vom Himalaya begrenzt wird. Die einzige Landschaft, die sich für lange Reisen und Handelsrouten eignete, war also der Hexi-Korridor und wer diesen Abschnitt kontrollierte, kontrollierte auch den Zugang zu China und hatte Zugriff auf die wichtigste Handelsroute im mittelalterlichen Asien. Kein Wunder, war dieser Landschaftsabschnitt sehr umkämpft und wechselte auch immer mal wieder den Besitzer. So herrschten hier die Tibeter, Mongolen und die Han-Chinesen. Das Fort war also von militärisch höchster Bedeutung und wurde am westlichen Ende des Korridors im Jahr 1372 als Passgebäude erbaut. Einige Teile des Gebäudes wurden restauriert, aber auch nicht restaurierte Mauern und Wachposten waren in sehr gutem Zustand. Wir besichtigten das Hauptgebäude und das Gelände dahinter.
Langsam wurde es immer später am Tag und Pascal wurde nervös, ob es uns reichen würde, noch rechtzeitig im Hotel zurück zu sein, um das Zimmer zu räumen. Wir mussten uns wirklich sputen, denn vom Eingang zur «Scenic Area» – so heissen alle grösseren Sehenswürdigkeiten in China – musste man zuerst eine Elektrobimmelbahn in Form eines Kamels besteigen, die einen zum Fort brachte. Ebenso mussten wir für den Rückweg erst wieder in den Bauch des Kamels, das uns zum Eingang brachte. Hier orderten wir ein Taxi und kamen einige Minuten zu spät im Hotel an; unsere Schlüsselkarte war schon deaktiviert worden und wir kamen nicht mehr in unser Zimmer. Die Frau an der Rezeption verstand unsere Aufregung nicht ganz, liess uns nochmals ins Zimmer und wir holten unser Gepäck, das wir in der Lobby wiederum verstauten. Denn wir wollten unbedingt nochmals in die Scenic Area zurück, um das Mauer-Museum anzuschauen. Also wieder in ein Taxi, wieder zurück zum Fort. Dort wieder in die Bimmelbahn bis zum Museum. Wir hatten jedoch die verbleibende Zeit, bis der Zug fuhr, komplett falsch berechnet. Wir strauchelten durch das Museum, das in einem entspannten Zustand sicherlich interessant gewesen wäre; wir waren aber irgendwie nicht in der Lage, alles aufzunehmen. Schlussendlich nahmen wir die Beine in die Hand und sputeten zurück zum Eingang, um wiederum eine Taxifahrt via Hotel zum Bahnhof zu nehmen. Wir waren rechtzeitig da, hätten uns aber den ganzen Stress ersparen können, wenn wir einfach schon am Morgen korrekt ausgecheckt wären. Aber wir zogen unsere Lehren daraus; immerhin waren wir nun im Zug in Richtung Dunhuang. Warum wir im Zug zur Attraktion wurden, erzählen wir im nächsten Blogbeitrag.




















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