Das Sammeltaxi lud uns direkt vor dem Bus ab, der uns weiter nach Hekou, die Grenzstadt zwischen China und Vietnam, bringen sollte. Wir hatten noch etwa eine Dreiviertelstunde, bis der Bus fuhr und wir machten uns auf die Suche nach einem öffentlichen WC. Was überall in China im Überfluss existiert, scheint in Yuanyang Mangelware zu sein. Wir mussten viele Leute fragen und sie schickten uns immer weiter vom Bus weg, sodass wir schon Angst hatten, wir würden ihn verpassen. Auf dem Rückweg fanden wir dann doch noch eines und wir konnten erleichtert in den Bus in Richtung Grenze einsteigen. Zuerst ging es Biegung um Biegung den Berg hinunter bis zum Ufer des Roten Flusses, von dort ging es dann alles am Fluss entlang, der hier auch gleich die Grenze der beiden Länder darstellt. Sporadisch passierten wir Polizeikontrollen und der Blick auf den Fluss wurde durch hohe Stacheldrahtzäune blockiert. An einem Militärposten wurden unsere Ausweise kontrolliert und wir wurden aufgefordert auszusteigen. Ein mulmiges Gefühl überkam uns, aber schlussendlich ging es weiter, nachdem sie gefragt hatten, was unser nächstes Ziel sei. Endlich in Hekou angekommen, befanden wir uns an einem Busbahnhof irgendwo ausserhalb der Stadt. Wir wollten den Grenzübergang so schnell als möglich hinter uns bringen, hatten aber die nötigen Papiere noch nicht parat. Also suchten wir erst einen Copy-Shop auf, um unser Vietnam-Visum ausdrucken zu lassen und gingen danach zurück zum Busbahnhof, um von dort aus mit dem Taxi an die Grenze zu fahren. Es war uns richtig heiss. Am Morgen noch in Pugao und Yuanyang mit frostigen Temperaturen, stieg das Thermometer hier auf über 20 Grad, was wir schon fast nicht mehr gewohnt waren.
Im Taxi beobachteten wir erstaunlich viele Fahrradfahrer, die hier in Sportkleidung ihre Runden fuhren. Je näher wir zur Grenze und der Stadtmitte vordrangen, desto mehr Fahrradfahrer waren auf den Strassen. Einige hundert Meter vor der Grenze liess uns der Taxifahrer raus, da ab hier Fahrverbot herrschte, jedenfalls für motorisierte Fahrzeuge. Wir schulterten alles, was wir hatten, und liefen los dem Roten Fluss entlang, bis wir eine riesige Brücke sahen, die auch den Grenzposten beinhaltet. Auf dem Weg sahen wir überall Werbung für das Internationale Vietnamesisch-Chinesische Radrennen, an dem sowohl Profis wie auch Amateure mitmachen können. Nun war uns klar, was es mit all den Fahrradfahrern auf sich hatte. Da die Rolltreppe defekt war, mussten wir die hohe Treppe zu Fuss erklimmen, aber es war nichts im Vergleich zu den Koffern, die andere dabeihatten. Mannshohe schwarze Schränke auf Rollen wurden die Treppe hochgehievt und oben angekommen war es ein ganzes Meer an Leuten mit diesen Koffern, die nach Vietnam einreisen wollten. Zum Glück für uns mussten sie alle am Teil des Zolls anstehen, für die, die was zum Verzollen hatten; wir konnten uns bei der viel kürzeren Reihe einreihen. Die Ausreise ging vergleichsweise schnell, der hochmoderne chinesische Schalter war effizient und ein letztes Mal in die Kamera lächeln taten wir gerne. Danach war man im Niemandsland auf der Brücke, wir überquerten sie und auf der anderen Seite war Vietnam. Der Grenzübergang scheint nicht von allzu vielen Touristen benutzt zu werden, so war doch der Schalter für Nicht-Vietnamesen oder -Chinesen ein einfaches Holzpult, wo wir unsere Pässe und Visa hinhielten und uns der Grenzbeamte netterweise darauf hinwies, dass wir das Visum bis 45 Tage gar nicht gebraucht hätten. Wir waren im Moment ein wenig perplex, fanden im Nachhinein aber noch heraus, dass seit August 2025 Vietnam tatsächlich visumfrei ist für die Bürger der meisten europäischen Länder. Gut möglich, dass dies als Gegenreaktion auf die visumfreie Einreise in China zu verstehen ist.
Von der Grenze aus spazierten wir alles bis zur Innenstadt Lao Cais. Gleich nach dem Grenzübergang gäbe es eine Wechselstube mit wirklich guten Kursen, in Richtung Lao Cai gesehen linkerhand und wir würden allen empfehlen, überzählige Yuan gleich dort zu wechseln. Später gibt es praktisch keine Möglichkeit mehr und auch Banken wechseln keine Yuan, wenn man kein Konto bei ihnen besitzt. Der Spaziergang nach Lao Cai zog sich dahin, aber wir waren froh, nach der langen Busfahrt und dem Anstehen am Zoll unsere Beine ein wenig vertreten zu können. Lao Cai selbst wird von den meisten Reisenden als Durchgangsstation genutzt, um von Hanoi nach Sa Pa zu kommen oder umgekehrt. Auch endet hier der Nachtzug, der von Hanoi herkommt. In der Nähe des Bahnhofs fragten wir einen Kellner eines Restaurants, wo der Bus nach Sa Pa fahren würde und bereitwillig gab er uns Auskunft in bestem Englisch und warnte uns noch vor inoffiziellen Busfahrern, die viel mehr für die gleiche Strecke heischen würden. Glücklicherweise erreichten wir den letzten Bus des Tages gerade noch rechtzeitig (16:00 Uhr vom Bahnhofsplatz) und stiegen zu. Wir hatten kurz Zeit, um zur Ruhe zu kommen, uns darüber zu ärgern, dass wir die Visa völlig umsonst bezahlt hatten und bemerkten, wie sehr uns schon Lao Cai gefiel. Diese chaotische Ordnung und die Freundlichkeit der Menschen war herzerwärmend. Es stiegen noch einige Personen in den für die Strecke viel zu kleinen Bus zu und los ging die wiederum kurvenreiche Fahrt in die Berge von Sa Pa. Wer reisekrank wird, wird dort Schwierigkeiten haben, alles bei sich zu behalten. Angekommen im Zentrum Sa Pas machten wir uns zu Fuss auf den Weg zu unserer Unterkunft. Uns fiel sofort auf, wie viele Touristen vor allem aus Deutschland und der Schweiz hier waren. Nachdem wir fast zwei Monate «für uns» waren und nur selten deutschsprachige Touristen trafen, war dies doch ein kleiner Schock. Noch extremer waren die schieren Touristenmassen, die sich durch die Strassen drängten und wer schon einmal im Sommer an einem an Overtourism leidenden Ort war, wird in etwa wissen, wie es dort bei uns herging. Das Hotel, das wir aufsuchten, war klein, günstig und sauber und nicht schlecht gelegen. Ein wenig abseits der grossen Massen, was auch am Abend ein wenig Ruhe versprach. Der Herr des Hauses bot uns noch Tee an und wir nahmen dankend an, sprachen mit ihm und seinen Angestellten und waren einfach nur froh, dass bis anhin alles so weit gut geklappt hatte. Wir gingen noch kurz aus, um ein Abendessen einzunehmen, bevor wir nach einem ereignisreichen Tag müde ins Bett fielen.
Sa Pa ist bekannt für seine Wanderrouten, unter anderem auf den Fansipan, den höchsten Berg Vietnams, durch die Dörfer im Umkreis und seine ländliche Atmosphäre. Von der ländlichen Atmosphäre ist leider nicht mehr viel übrig. Leider war sowohl der Zugang zum Wanderweg auf den Fansipan eingeschränkt, aufgrund der Wetterlage und früherer Erdrutsche im vergangenen Herbst durfte man nur mit Bergführer den Berg erwandern und die Seilbahn, die seit 2018 das Stadtzentrum mit dem Gipfel verbindet, war aufgrund von Wartungsarbeiten gesperrt. Wir fragten also an der Rezeption, was sie uns ansonsten empfehlen würden und wir wurden nach Cat Cat geschickt. Das Dorf, das unterhalb von Sa Pa liegt, kann in einigen Minuten per Motorrad oder aber zu Fuss erreicht werden. Nachdem wir heruntergewatschelt waren, kauften wir am Dorfeingang Tickets, es ist nur richtig, dass die Minderheit, die dort lebt, auch etwas am Tourismus verdient und wanderten weiter dem Dorf entlang. Leider war das Tal zu einem Vergnügungspark umfunktioniert worden. Eine Art Sommerrodelbahn ist hier genauso zu finden wie Instagram-Fotospots und Verkleidungsverleihe, bei denen vor allem chinesische Touristen sich mit der traditionellen Kleidung der Hmong einkleideten, um die «perfekten» Ferienfotos zu schiessen. Schnell durchschritten wir die Parkanlage, in der garantiert niemand mehr lebt und machten uns wieder an den Aufstieg zurück nach Sa Pa. Es war leider eine Enttäuschung. Wir verbrachten den Rest des Tages damit, Alternativen ausfindig zu machen, die nicht derart überlaufen waren.
Am nächsten Tag packten wir den Wanderrucksack, kauften Wasser und marschierten los bis ins 10 Kilometer entfernte Ta Phin. Wir kamen dabei immer wieder an kleinen Dörfern vorbei. Die Strecke hätte man auf der Hauptstrasse auch gut mit dem Roller machen können; die Einblicke, die wir aber in diese Dörfer geniessen konnten, liessen sich aufgrund des Strassenzustands wahrscheinlich kaum motorisiert machen. In Ta Phin stärkten wir uns in der Dorfkneipe mit einer Nudelsuppe, wahrscheinlich Instant-Nudeln mit Würstchen, aber da es die einzige Möglichkeit war, etwas zu essen und es auch geschmeckt hat, wollen wir nicht jammern. Die Kneipe war am Nachmittag auch der Treffpunkt aller Jugendlichen, vor allem da hier das Wifi relativ gut war und im restlichen Teil des Dorfes kein guter Empfang herrschte. Nach der Stärkung ging es weiter. Von hier ging es ab dem Hauptweg in den Wald, wo wir nach einigen Schritten komplett alleine waren. Wir kamen an kleinen Bächen vorbei, Lichtungen, die von riesigen Spinnen bewohnt waren und auch kleine Höfe durchquerten wir. Nachdem wir gefragt hatten, ob wir passieren durften, zeigten sie uns auch immer gerne den Weg. Aufgrund des Hochwassers und der Erdrutsche rund zwei Monate zuvor wurden die Pfade immer schlechter und kurz vor dem Aufstieg zurück zur Hauptstrasse mussten wir noch einen kleinen Wasserfall erklimmen. Hier waren die Pfade nirgends mehr zu sehen und auf dem Schutt und Geröll herumklettern war ein wenig waghalsig. Pascal liess Eva weitgehend im Glauben, er wisse genau, wo es durchgeht; zum Glück fanden wir am Ende wieder auf den Weg, auch wenn wir eigentlich keinen Plan hatten, wo es langgeht. Aber wir erreichten das Ende der Strecke ohne grössere Zwischenfälle und nachdem wir nochmals fast eine Stunde der Hauptstrasse nach Sa Pa folgten, nahmen wir für das letzte Stück noch ein Taxi. Den Abend liessen wir bei einer der unzähligen Strassenküchen ausklingen, bei denen man einen eigenen Grill bekommt, sich die Zutaten selbst aussuchen und sie für sich auf dem Grill zubereiten kann. So wird auch einfaches Essen zu einem Erlebnis.
Für den letzten Tag nahmen wir uns eine kürzere Strecke vor. Sie startete in der Nähe der Kirche in der Stadtmitte und führte in die Wälder und über einen Kamm wieder hinab auf die Strasse, die schlussendlich nach Cat Cat abzweigen würde. Der letzte Teil war nicht ganz einfach, da der ursprüngliche Weg nicht mehr existierte, der Abstieg wirklich sehr steil war und da vor der Hauptstrasse eine grosse Baustelle war, die den Zugang zur Strasse versperrte. Wir mussten irgendwie über die Baustelle, um zurück auf die Strasse zu gelangen. Es war wahrscheinlich nicht ganz legal, aber alle liessen uns gewähren und die Hunde in ihren Zwingern, die ohne Unterbruch bellten, blieben auch genau dort, wo sie waren. Wir verweilten noch ein bisschen in der Stadt in einem schönen Café und probierten unseren ersten Coconut Coffee, bevor wir zurück zum Hotel gingen, um alles zu packen und uns für die Weiterreise vorzubereiten.
























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