Viele Reisende, die schon einmal in Xining waren, kennen in erster Linie den Bahnhof, da hier die berühmte Lhasa-Bahn startet – eine der beeindruckendsten Zugstrecken der Welt nach Tibet. Dies spiegelte sich auch darin wider, dass die meisten Hotels nur einige Minuten zu Fuss vom Bahnhof entfernt lagen. Wir quartierten uns in einem Zimmer der Nihao-Hotelkette ein, die einen sehr guten Standard bietet und in ganz China vertreten ist. Xining liegt auf den Ausläufern des Tibet-Plateaus und ist mit etwa 2270 m ü. M. die fünfthöchste Millionenstadt der Welt. Als wir im Hotel angekommen waren und das Zimmer bezogen hatten, mussten wir wieder einmal feststellen, dass in China die meisten Hotelzimmer stark nach abgestandenem Tabak riechen. Wir fragten nochmals an der Rezeption nach, ob wir ein Nichtraucherzimmer haben könnten und wie immer funktionierte das ohne Probleme, auch wenn dafür nicht gerade viel Verständnis aufgebracht wurde. Das Hotel verfügte über einen Roboter-Concierge, bei dem man Getränke, Essen und alles Mögliche bestellen konnte. Pascal wollte das Gerät unbedingt selbst testen, aber leider war nur Chinesisch in seinem Sprachrepertoire vorhanden. Somit beschränkte sich unsere Interaktion mit dem fahrenden Plastikgehäuse darauf, ihm wenn immer möglich frühzeitig aus dem Weg zu gehen, da er mit Gegenverkehr nicht klarkam und, wenn man ihm zu nahe kam, in einer endlosen Pirouette gefangen war. Auch wenn die Fortschritte im Bereich der Robotik riesig sind: Mit diesem Teil werden die Menschen in den nächsten Jahren noch nicht obsolet.
Die Stadt ist stark tibetisch geprägt und wir wollten diese Kultur besser kennenlernen. Wir lasen im Reiseführer von einem tibetischen Markt, auf dem man alles kaufen könne, was das tibetische Herz begehrt. Wir machten uns also auf zum Markt, wobei wir nicht den allerbesten Strassen folgen mussten und uns teilweise auch unsicher fühlten. Da der Weg nicht mehr weit war, gingen wir weiter und als wir davorstanden, waren wir uns nicht sicher, ob wir richtig waren. Der Markt sah von aussen eher aus wie ein riesiges Einkaufszentrum – was er schliesslich auch war. Wir streiften durch die engen Gänge des Gebäudes, wo man tatsächlich auch tibetische Ausstattung bekam, wie Kasayas (die Roben tibetischer Mönche), Gebetsmühlen und Klangschalen oder lederne Cowboyhüte. Daneben gab es aber auch alles andere und gefühlt existierte jeder Shop in hundertfacher Ausführung. Auf einem Stockwerk fanden wir einen Markt für neue und gebrauchte Smartphones, der so gross war, dass er in unserer Heimatstadt fast schon als Messehalle durchgegangen wäre. Im Untergeschoss – wir waren uns irgendwann nicht mehr sicher, ob es das Untergeschoss war, da nirgends Sonnenlicht hineinkam – gab es Kosmetik-, Hygieneartikel und Coiffeurausstattung; von der Schere bis zum Friseurstuhl war alles vorhanden. Irgendwie waren wir nach unserem Besuch enttäuscht. Wir wussten nicht genau, was wir erwartet hatten, wahrscheinlich irgendetwas Spirituelleres. Aber ganz ehrlich: Wir hatten uns auch nie Gedanken darüber gemacht, woher die Gebetsmühlen in den Gebirgen wirklich kommen. Nun wissen wir es. Und während wir in der Schweiz keine Ahnung hätten, wo es einen Laden für Friseurstühle gäbe, wissen wir es in Xining nun ganz genau. Wir fuhren von dort in ein Viertel, von dem unser Reiseführer meinte, es habe eine schöne Fussgängerzone und einige tolle Restaurants und Bars. Als wir dort ankamen, sahen wir als Allererstes das riesige Logo von H&M an einer weissen Gebäudefassade prangen. Die Limeng-Fussgängerzone war mehr ein Open-Air-Einkaufszentrum als etwas anderes, und ja, wir waren auch hier ein wenig enttäuscht. Auf dem Heimweg schlenderten wir an einer Strasse entlang, kehrten in ein tibetisches Restaurant ein und assen Momos, Reissuppe mit Yak-Fleisch und wiederum das scharfe Laziji. Das gute Essen und die unglaublich nette Familie, die das Restaurant führte, liessen uns die Enttäuschungen des Tages vergessen.
Der nächste Morgen startete früh. Wir gingen zum Busbahnhof Bayi Road, da wir von dort aus den öffentlichen Bus zum Qinghai-See nehmen wollten, einem heiligen tibetischen See. Als wir dort ankamen, sah es aber überhaupt nicht so aus, als ob ab diesem Bahnhof heute überhaupt noch ein Bus fahren würde. Obwohl vieles inzwischen gut dokumentiert ist, merkten wir, dass gerade Verbindungen zu Ausflugszielen meistens schlecht oder gar nicht dokumentiert sind und im Web viele sich widersprechende Informationen zu finden sind. Wir schnappten uns ein Taxi und fuhren zum regulären Fernbusbahnhof in der Hoffnung, dass von dort der Bus fahren würde. Wir kamen gerade noch rechtzeitig an, aber der Bus sollte schon zwei Minuten später abfahren. Wir spurteten also zum Ticketschalter und obwohl wir gleich an der Reihe gewesen wären, drängten sich mindestens fünf Personen dazwischen. Als wir die Billette schliesslich in den Händen hielten, gingen wir auch gleich zu den Bussen; wir wurden dann aber gebeten noch zu warten, denn der Bus fuhr erst eine Stunde später los. Dieses Problem sollte sich in China noch öfter wiederholen: Die Informationen im Internet waren entweder veraltet oder, da wir nicht zur Hochsaison im Land waren, stimmten die Abfahrts- oder Öffnungszeiten nicht. Viele der Touristenattraktionen hatten ausserhalb der Hochsaison verkürzte Öffnungszeiten und die öffentlichen Busse passten sich entsprechend an.
Der Bus war ein wenig grösser als ein Sprinter und bot etwa zwanzig Personen Platz. Wie so oft gab es zuallererst eine Ansprache, von der wir genau gar nichts verstanden; auch Google Translate war überfordert. Wir fuhren aus der Stadt raus und schon bald kamen wir an Feldern vorbei, auf denen Yaks weideten, an kleinen tibetischen Dörfern – und das alles, während der Bus Meter für Meter in die Höhe kletterte. Die Fahrt zum heiligen Qinghai-See nahm einige Stunden in Anspruch und kurz nach Mittag waren wir auf dem Parkplatz vor dem Eingang angekommen. Von nun an hatten wir rund drei Stunden Zeit, bis der Bus wieder zurückfahren würde. Wir gingen zum Eingang und versuchten an einem Tisch, der aussah wie ein Ticketschalter, unseren Eintritt zu entrichten. Scheinbar war es aber nur möglich mit WeChat zu zahlen und weil wir keine chinesische Telefonnummer hatten, war alles ein wenig komplizierter. Am Ende meldete sich die Angestellte mit ihrem Account auf dem Smartphone von Pascal an, um uns den Kauf der Tickets zu ermöglichen. Endlich konnten wir den Park betreten und gingen gleich zum ersten parkinternen Bus, der uns und eine riesige Gruppe von Tibetern bis zum See brachte. Endlich angekommen, konnten wir die unglaublich schöne Szenerie geniessen. Der See liegt auf über 3200 Metern Höhe. Eingebettet in eine steppenartige Graslandschaft, ragen trotz der unglaublichen Höhe rundherum schneebedeckte Berge empor und immer wieder sahen wir farbige Gebetsfahnen im Wind flattern. Wir spazierten alle Wege ab, die es am Seeufer gab und genossen die unglaubliche Ruhe, die der Ort ausstrahlte. Nach den Stopps in kleinen chinesischen Städten, die trotzdem oft grösser waren als die Städte, die wir aus der Schweiz kennen, war es vielleicht genau ein Ort wie dieser, den wir suchten – ein Ort, an dem man plötzlich wieder das Flattern der Fahnen, das Plätschern des Wassers und das Knacken unter den Füssen hört. Kein Wunder, ist dieser See im tibetischen Buddhismus einer der vier heiligen Seen. Als Pilgerwanderung gehen viele Gläubige einmal im Uhrzeigersinn rund um den grössten See Chinas und beten für besseres Karma oder die Gesundheit von Angehörigen. Im Sommer machen die Umrundung auch viele Fahrradfahrer; die Lage des Salzsees kann sicher gut als Höhentraining genutzt werden.
Langsam bekamen wir Hunger und kauften an einem Stand in der Nähe der Busstation zwei Maiskolben. Dazu bekamen wir gratis noch ein Würstchen, um welches wir unglaublich froh waren, denn der Maiskolben war leider ungeniessbar. Als der Bus uns wieder zum Eingang fuhr, waren wir schon recht müde und auf der Fahrt zurück nach Xining dösten wir beide ein.
Am Abend assen wir in einem uigurischen Restaurant Spiesschen. Da wir auch mit den technischen Hilfsmitteln ein wenig überfordert waren, bekamen wir eine Platte mit unzähligen Spiessen, auch wenn wir eigentlich nur vier wollten – wir glauben, dass wir am Ende vier Portionen erhielten. Aber sie waren richtig gut und damit konnten wir auch ein Versprechen halten – liebe Grüsse an Gabriel –, dass wir dort einige Spiesse für ihn essen würden.




















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