Am Nachmittag stiegen wir in den Zug nach Buchara ein. Auch wenn der Bahnhof von Xiva durchaus gross ist und wie ein vollausgestatteter Hauptbahnhof daherkommt, fahren nach unseren Informationen zurzeit nur zwei Züge von und zwei nach Xiva. Wir haben die Zugstrecke schon weit im Voraus gebucht, auch da wir aufgrund unserer Erfahrung mit der ausgebuchten Strecke zwischen Aktau und Nukus ein wenig in Panik verfielen. Die Strecke dauerte fast sieben Stunden und obwohl es zumindest für die Dauer bis Buchara keine Nachtfahrt war, betteten sich die meisten schon, als würden sie bald Schäfchen zählen. Auch hier hatten wir Billette im Platzkart-Wagen gebucht und schon bald unterhielten wir uns mit den Sitznachbarn, die zufällig wie wir alle Touristen in Usbekistan waren. Unser Sechsergrüppchen setzte sich zusammen aus einer jungen Frau aus Israel, die gerade zwei Wochen Usbekistan bereiste und vor allem von Andijon schwärmte, bevor sie nochmals zwei Wochen nach Rishikesh in Indien reisen wird, um ihre Yoga-Skills zu verbessern. Eine chilenische Digitalnomadin, die eigentlich in Bali lebt, ist gerade auf der Durchreise nach Europa, wobei sie auf der Strecke noch etwas sehen wollte und nach Usbekistan noch Georgien besuchte. Ein russisches Ehepärchen aus Moskau komplettierte unsere Gruppe, die unglaublich herzlich alle ihre mitgebrachten Snacks mit uns teilte. Die Herzlichkeit hörte aber da auf, wo die Diskussionen zu politisch wurden und sich zum Beispiel um die besetzten Gebiete in Georgien drehten. Alles in allem gingen die sieben Stunden ganz flott rum und angekommen in Buchara teilten wir mit Tamara aus Israel und einem Reisekollegen von ihr aus Argentinien – Santiago – ein Taxi in die Innenstadt, da der Bahnhof doch einige Kilometer ausserhalb der eigentlichen Stadt liegt. Es war schon dunkel und wir waren von der langen Zugfahrt müde, also buckelten wir unsere Rucksäcke und marschierten bis zum Hotel, das nur zwei Gassen von den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt entfernt lag.
Der nächste Morgen versprach Spannung. Nachdem wir von Xiva irgendwie enttäuscht waren, erhofften wir uns von Buchara viel. Die Stadt war über Jahrhunderte das östliche Zentrum der islamischen Lehre, was nicht nur ein Anziehungspunkt für etliche Pilger, sondern auch für Gelehrte der Philosophie, Medizin und Astronomie darstellte. Mit ihrer Lage an der Seidenstrasse war sie nicht nur von Reichtum gesegnet, sie war auch ab dem 9. Jahrhundert Hauptstadt verschiedener Reiche und Herrscher. Im Gegensatz zu Xiva verwebt hier das Leben der Einwohner von Buchara zu grossen Teilen mit der historischen Altstadt. Zwar sind viele der alten Wohnhäuser heutzutage nicht mehr erhalten, trotzdem kann Buchara mit einer überwältigenden Zahl von Medrasas und Moscheen aufwarten. Wir verbrachten den ersten Tag damit, durch die Stadt zu schlendern, um die wichtigsten Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Wir starteten nur zwei Minuten von unserem Hotel entfernt beim «Labi Hovuz», einem Gebäudeensemble mitten in der historischen Altstadt, welches um den Teich Hovuz angeordnet ist. Das Ensemble besteht aus zwei Moscheen, einem ehemaligen Basar und einem Torhaus, das ursprünglich der Eingang einer Medrasa war. Der Kanal Schahrud durchzieht die gesamte Altstadt und versorgt den Teich mit frischem Wasser. Von da gingen wir weiter in Richtung Westen bis zum Platz Poi Kalon, wo die Grosse Moschee, das Kalon-Minarett und eine Medrasa stehen. Wie meistens in Zentralasien sind die Moschee und die Medrasa nach dem Kosch-Prinzip angeordnet, wobei sich die Eingangspforten genau gegenüberstehen. Zwar sind die Gebäude und Eingangspforten nicht genau gleich gross, was die Symmetrie und somit das Kosch-Prinzip bricht, trotzdem ist der Anblick der riesigen Gebäude links und rechts und dem Minarett auf Seite der Moschee beeindruckend. Dieses Prinzip kommt nicht nur in Buchara immer wieder vor, wir begegneten dieser Anordnung von Medrasas oder Medrasa und Moschee immer wieder.
Vorbei am Kalon-Platz kamen wir zum Registan, dem Hauptplatz im mittelalterlichen Buchara. Heute führt eine mehrspurige Strasse rund um den Platz, was der Attraktivität der Gegend nicht wirklich zuträglich ist. Am Platz liegt die Ark, eine riesige Zitadelle, die mit hohen und dicken Mauern umgeben ist und bis 1920, der Eroberung Bucharas durch die Rote Armee, der Regierungssitz des Emirs von Buchara gewesen war. Wir besuchten zwar das Innere der Ark, aber unsere Erwartungen an die laut einigen Webseiten und dem Lonely Planet Top-Sehenswürdigkeit waren eindeutig zu hoch. Das Innere beherbergt einen kuriosen Mix aus Forschungssitz für Geschichte und Archäologie, naturhistorischem Museum, historischen Räumen und Verwaltungsräumen. Der Ausblick vom aufgeschütteten Hof der Ark ist eigentlich das Beste daran, da von hier beinahe die gesamte Altstadt überblickt werden kann. Da der Eintritt relativ teuer ist, können wir den Besuch nur bedingt weiterempfehlen. Auch am Registan liegt die Bolo-Hovuz-Moschee. Die Moschee besteht aus einem Kuppelbau und einem Vordach, das von hohen geschnitzten Holzsäulen getragen wird. Obwohl die Moschee für uns sehr alt und andächtig wirkte, stammt sie aus dem 18. Jahrhundert. Der überdachte Vorplatz diente damals als Sommer- und der Kuppelbau als Wintermoschee. Da wir gerade vor Beginn des Freitagsgebets vor der Moschee waren, war es für uns nicht möglich, das Innere der Moschee zu besichtigen.
Wir begaben uns weiter in den Westen der Stadt, wo ein grösserer Park angelegt ist, in dessen Zentrum sich das Mausoleum von Ismail Samani befindet. Schon von aussen konnten wir sehen, dass es im Innern nicht sehr spektakulär war und so vermieden wir dieses Mal, einen Eintritt zu blechen, den wir später bereuen würden. Das Äussere aber mit ihrer Backsteinarchitektur ist sehr speziell und sehr schön. Der Park geht im Südwesten fliessend in eine Art Vergnügungspark über mit verschiedenen Fahrgeschäften, die aber eher vor sich hin rosten, als dass sie wirklich besucht werden. Dahinter ist der letzte Abschnitt der historischen Stadtmauer und wenn man bedenkt, dass dieser Mauerabschnitt fast drei Kilometer von den zentralsten Gebäuden der Altstadt entfernt liegt, kann man sich in etwa ausmalen, dass diese Stadt während ihrer Blüte für die damalige Zeit ein riesiges Zentrum darstellen musste. Nur einige Meter weiter startet auch schon der Basar, wo man – wie wir es uns inzwischen schon gewohnt waren – alles bekommt, was das Herz und das Leben begehrt. Ausserdem befinden sich einige Essensstände in der Nähe des Eingangs, die Plov, das Nationalgericht Usbekistans, verkaufen.
Es war auch in Buchara, wo wir das erste Mal das Café «Bon!» fanden. Das Café, ganz einem edlen französischen Bistro gleichend, serviert beste Croissants und Pains au Chocolat sowie super italienischen Kaffee. Wir starteten jeweils den Morgen im Bon! bei einem Cappuccino und einem Gipfeli und arbeiteten am Blog oder erledigten andere Dinge am Laptop, da auch das Wifi erstaunlich zuverlässig und schnell war.
Nach dem Morgenessen gingen wir zurück in die Altstadt, wo es nur so von Medrasas und Moscheen wimmelt, deren Portale, Iwan genannt, oft mit prächtigen Mosaiken bestückt sind. Die Gebäude haben immer einen ähnlichen Grundriss. Nachdem man durch den Eingang kommt, betritt man einen grossen Innenhof, den Patio. Dabei sind links und rechts rund um den Hof Studier- und im ersten Stock Schlafräume angelegt und gegenüber dem Eingang liegt der Gebetsraum oder auch Schulmoschee genannt. In Gehdistanz liegen rund ein Dutzend Medrasas und viele der Zimmer in den Innenhöfen sind inzwischen zu Souvenirläden umfunktioniert worden, wo man Schnitzereien, Schals und vieles weitere kaufen kann. Bei einigen Gebäuden müsste man einen Eintritt bezahlen, um ins Innere zu gelangen, aber von uns wurde nie etwas verlangt, wahrscheinlich in der Hoffnung, dass wir uns reich mit Souvenirs eindecken würden. Bei einigen Medrasas ist aber auch die Aussenansicht besser als die vom Hof aus, wo es durchaus öfter vorkommt, dass die Mauern im Innern zerfallen und nicht restauriert werden. Gegen Abend besuchten wir die Terrasse oberhalb des «Labi Hovuz», von wo aus wir einen tollen Ausblick auf das Treiben unter uns hatten. Da es keinen Tisch mehr frei hatte, winkte uns ein Paar an seinen Tisch und wir kamen mit ihnen ins Gespräch. Sie seien von den Niederlanden nach Usbekistan gereist. Der Mann würde noch weiter nach Tadschikistan und von dort aus nach Afghanistan. Sein Ziel ist es, die Stempel aller Länder in seinem Reisepass zu haben. Aufgrund dieses Vorhabens sei er auch schon in verrückten Ländern gewesen, wie beispielsweise Somalia. Wir tauschten uns über unsere Erfahrungen beim Reisen aus, wobei unsere beiden Tischnachbarn die deutlich groteskeren Geschichten auf Lager hatten.
Der letzte Tag in Buchara war auch der erste in Samarkand und vor unserer Abfahrt weiter mit dem Zug wollten wir noch ein spätes Mittagessen einnehmen und begaben uns dafür nochmals auf den Basar, um ein Plov zu essen. Leider waren wir aber derart spät dran, dass es nur noch für eine Portion reichte, was aber durchaus genügend für zwei war. Ein bisschen mehr Glück hatten dabei Tamara und Santiago, die wir gleich nach dem Mittagessen antrafen und am exakt selben Stand noch jeweils einen Plov bekamen. Schnell zurück zum Hotel, um unser Gepäck zu holen, denn wie wir ja schon wussten, liegt der Bahnhof weit ausserhalb der Stadt.




























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