Am Morgen sind wir aufgestanden und haben das vom Hostel bereitgestellte Frühstück zu uns genommen. Es gab immer zwei Früchte, ein Stück Brot, Spiegelei und gebratene Würstchen. Alles liebevoll auf einem Chromstahl-Gefängnistablett (so nennen wir es) serviert. Ja, schön ausgesehen hat es nicht, aber es machte satt. Wir haben bei der Rezeption einen Transfer nach Xiva gebucht, auch wenn es nicht gerade günstig war. Schon im Wagen sitzend kam auch noch Josie dazu, die Schwedin, die wir zwei Tage zuvor kennenlernten. Die Strassen waren schlecht, voller Schlaglöcher und unser Fahrer gab Gas, zu viel Gas. Zum Glück konnte Josie ein paar Brocken Russisch und ermahnte den Fahrer immer wieder, dass er langsamer fahren sollte. Dies hielt jeweils einige Minuten an, bevor er das Gaspedal wieder durchdrückte und unsere Köpfe regelmässig am Dach des Autos anschlugen. Natürlich war nicht er, sondern die Schlaglöcher schuld. Trotzdem war die Vorfreude auf Xiva gross. Hier sollte unser Zentralasienabenteuer wirklich starten. Wir sahen schon im Vorfeld tolle Fotos und auch andere Reisende, die auf Instagram sehr präsent sind, schrieben uns, dass wir unbedingt genügend Zeit in Xiva einplanen sollten. Irgendwann kamen wir bei unserem Gasthaus an, das mitten in der Altstadt lag.
Wir brachten unser Gepäck in unser Zimmer, das nicht wirklich grösser war als das in Dilijan. Wir wurden auch gleich zu einem Tee eingeladen. Nachdem alles verstaut war, gingen wir erst einmal aus den alten Stadtmauern raus, um Wasser im nahegelegenen Supermarkt zu kaufen. Nicht weit davon entfernt sahen wir ein Hostel, das sein selbstgekochtes Essen anpries und wir sassen hin, um etwas zu essen. Wir probierten zum ersten Mal Shebit Oshi – grüne Nudeln, die ihre Farbe von Dill bekommen. Ja, auch hier ist Dill das grosse Di(ll)ng. Daneben gab es noch einen Teller Plov, also gebratener Reis mit wenig Gemüse und meistens viel Fleisch. Wir planten diese Tage noch eine Tour in die Wüste zu machen, um die antiken Festungsruinen anzuschauen. Zu unserem Glück organisierte das Hostel eine solche Tour und wir konnten uns zu zwei anderen Personen dazugesellen. Dadurch halbierte sich der Preis nicht nur für uns, sondern auch für die zwei anderen.
Glücklich schon alles für den nächsten Tag organisiert zu haben, spazierten wir zum Westtor der Ichan Kala, der historischen Altstadt Xivas. Dort sahen wir erstmals, welcher Touristenandrang normalerweise zur Hochsaison hier herrschen muss. Der Parkplatz vor dem Westtor ist riesig, man wähnt sich beinahe vor dem Eingang des Europaparks in Rust. Wir wurden dort streng nach dem Eintrittsticket gefragt und mussten in langwierigen Diskussionen beweisen, dass wir unser Gasthaus innerhalb der Stadtmauern haben und somit eintrittsberechtigt seien. Wir haben später herausgefunden, dass am Nordtor und wenn man durch den Kleiderbazar am Osttor geht, niemand nach einem Ticket fragt. Man kann sich das Eintrittsgeld also durchaus auch sparen, wenn man nicht das Gasthaus innerhalb der Ichan Kala hat. Das Ticket ermöglicht jedoch, einige Sehenswürdigkeiten von innen zu sehen. Im Nachhinein hätten wir wohl trotzdem ein Ticket gelöst, um einige der Medrasas oder Moscheen auch von innen zu besichtigen. Einige Sehenswürdigkeiten gehören dann trotzdem nicht zum allumfassenden Ticket und man muss zusätzlich eine Gebühr entrichten. Alles in allem ist die Preispolitik für den Eintritt recht unübersichtlich. Was man aber sicher machen kann, ist ein Ticket lösen und es danach weitergeben, da die Tickets nicht personalisiert und für 48 Stunden gültig sind. So machen es auch die meisten Backpacker, mit denen wir auf der Reise gesprochen haben.
Nachdem wir die Wachen abgeschüttelt hatten, durchstreiften wir die ehemalige Sklavenstadt, wo auf dem zentralen Markt vor langer Zeit die Sklaven für die beschwerliche Reise durch die Wüste gehandelt wurden. Die Gebäude sind in historischer Weise restauriert worden, wobei Lehm mit Stroh gemischt wird, um Ziegelsteine zu formen. Der Mörtel besteht aus den gleichen Komponenten oder es wird dem Lehm Sand beigemischt. Durchstreift man die Altstadt, ist es nicht gerade einfach, die Orientierung zu halten, sehen doch die ockerfarbenen Wände überall ähnlich aus. Zum Glück gibt es einige Bauten, die einem den Weg weisen und schon von weitem sichtbar sind. Dazu zählt zum Beispiel das unglaublich schöne Kalta Minor, ein Minarett, das 1852 von Khan Muhammad Amin Bahadur in Auftrag gegeben wurde. Es sollte mit über 14 Meter Durchmesser und 70 bis 80 m Höhe das grösste Minarett der Welt werden. Die Legende besagt, dass der Khan, wenn er von Buchara abreiste, schon das Minarett am Horizont sehen wollte, welches ihm den richtigen Weg nach Xiva weisen sollte. Es kam anders und die Bauten wurden abrupt gestoppt, als der Khan 1855 im Kampf gestorben war. Das komplett mit Mosaiken umgebene Minarett ist aber auch mit seinen aktuellen 29 Metern eine Wucht. Gleich dahinter befindet sich die Medrasa von Khan Muhammad Amin Bahadur. In der ehemals grössten Koranschule von Xiva befindet sich heute das Orient Star Hotel und in einem Flügel gleich neben dem Eingang befindet sich eine riesige, durch ihr schummeriges Licht leicht zwielichtige Bar, die auch Alkohol ausschenkt und am Abend vor allem bei den europäischen Touristen beliebt ist. Die äusseren Mosaike der Medrasas, Mausoleen und Moscheen bilden die Farbkleckser der Stadt und heben sich stark vom Rest der Gebäude ab. Die Gassen der Ichan Kala sind vollgestopft von Ständen und dazugehörigen Verkäuferinnen und Verkäufern, die allerlei Schnickschnack anbieten, von Kamelhaarsocken bis Pluderhosen, von Strickwaren bis Plastikspielzeug, alles eins zu eins dieselben Sachen, die wir schon seit Istanbul immer wieder gesehen hatten. Immerhin gab es wenigstens ein bisschen das Gefühl, wie es vor vielen, vielen Jahren hier gewesen sein musste, als die Strassen von allerlei Ständen und Händlern gesäumt waren, die Seide und Gewürze aus dem fernen China feilboten und nicht billige Souvenirs wie diese Tage. Am Abend trafen wir uns nochmals mit Josie im Terrassa Café, um gemeinsam zu Abend zu essen. Das Terrassa Café und das Old Terrassa Café, die beiden gehören zueinander, sind typische Touristenfallen mit grossen Dachterrassen, auf denen man über die ganze Stadt blicken kann. Die Plätze auf den Dachterrassen waren alle schon von Touristengruppen besetzt, aber da es ohnehin eher kühl war, waren wir einem Tisch im Innern gar nicht abgeneigt. Sowohl Josie wie auch wir assen vegetarische Sembusek, gefüllt mit Spinat, das den türkischen Gözleme sehr stark ähnelt. Mit einem Schmunzeln verfolgten wir die Tänze, die extra für die Reisegruppe aufgeführt wurden, welche der Reiseveranstalter jeden Abend durch das Lokal schleust. Es dauerte nicht lange, da stand der Tänzer vor unserem Tisch und Josie bekam die Kappe des Tänzers, eine Tubetejka, aufgesetzt und wir wurden aufgefordert mitzumachen. Mit Josie diskutierten wir die Tücken beim Reisen und sie gab uns noch gute Tipps, falls wir nochmals nach Kasachstan kämen. So ging der Tag zu Ende und wir gingen in verschiedene Richtungen davon zu unseren Unterkünften.
Am nächsten Morgen holte uns ein Fahrer gleich bei unserem Gasthaus ab, um uns zu den Festungen in der Wüste zu bringen. Im Auto sassen schon Luca und MJ, die wie auch wir noch recht verschlafen aus der Wäsche schauten. Nach einiger Zeit erreichten wir das erste Fort, nicht weit von Xiva beziehungsweise dem nördlich gelegenen Urganch entfernt. Wir waren die Ersten am Morgen und hatten das ganze Fort noch für uns. Da diese Ruine schon sehr zerfallen war und ein menschliches Zutun zu diesem Steinplateau nicht mehr ersichtlich ist, entschieden wir uns schon bald zum nächsten Fort zu fahren. Im Laufe des Tages besichtigten wir die Ruinen der Guldursun-, Ayaz-, Kavat-, Toprak- und Kyzyl-Kala. Sie alle liegen zwischen dem Fluss Amudarja, der einmal komplett durch ganz Usbekistan fliesst und dem Aralsee in der Grossoase Choresm. Die Forts wurden zwischen dem ersten und sechsten Jahrhundert nach Christus errichtet, als die Oase durch die erste dort ansässige Hochkultur – das Königreich Choresm – mit einem grossangelegten Netz aus Kanälen bewässert und der Boden so kultiviert wurde. Durch die faktische Austrocknung des Aralsees und die Klimaerwärmung steht die Grossoase vor der Austrocknung. Einige der Forts wurden auch unter der iranischen und später arabischen Herrschaft noch genutzt und bis ins 15. Jahrhundert teilweise restauriert. Auch heute werden noch einige Teile der Forts restauriert, um sie vom vollständigen Zerfall zu schützen. Jede einzelne Ruine der Tour war auf ihre Weise spannend zu sehen. Die Toprak-Kala beispielsweise besteht aus vielen kleinen Räumen und Gassen und etwas höher steht der Königspalast. Die Ayaz-Kala wiederum ist aufgrund ihrer erhöhten Lage und hohen Mauern schon von weitem sichtbar und auch der beliebteste Anziehungspunkt für Touristengruppen, wo man auch Kamelausritte unternehmen oder unter beinahe freiem Himmel in einer durchsichtigen Jurte übernachten könnte. Wir kehrten zur Mittagszeit in einem Restaurant am Ufer des Achtschakolsees ein, wo alle Fahrer ihre Passagiere hinbringen und auch Gruppenreisen haltmachen. Die Speisekarte ohne Preise und die horrenden Preise, die sie schon für Tee verlangten, führten dazu, dass wir es bei etwas zu trinken beliessen und warteten, bis uns der Fahrer wieder mitnahm. In der Zwischenzeit lernten wir Luca und MJ näher kennen, die sich in einem Hostel in Taschkent trafen und beschlossen, zusammen weiterzureisen. Wir diskutierten lebhaft über die Chancen und Risiken von KI und Social Media und deren Einfluss auf Kinder und Jugendliche und wir bemerkten bald, dass die Herausforderungen die gleichen sind, ob wir nun aus Italien, Indien oder der Schweiz herkommen. Luca und MJ sind von Taschkent mit einem Inlandsflug nach Nukus gereist, von wo sie ihre Usbekistanreise so richtig starteten. Am Flughafen in Taschkent hätten sie aber beinahe den Flug verpasst, da die Sicherheitsbeamtin bei der Gepäckkontrolle noch mit Luca flirtete und seine Telefonnummer haben wollte, er sich aber weigerte und sie darum aufgehalten wurden, nur um danach zu merken, dass sie am falschen Flughafen waren. Da der Flug zwischen Taschkent und Nukus sowieso Verspätung hatte, schafften sie es doch noch den Flughafen zu wechseln, durch die Sicherheitskontrolle und auf das Flugzeug, bevor es auf die Startbahn rollte. Geschichten, wie sie in Europa so heute wahrscheinlich nicht mehr passieren würden.
Am späten Nachmittag setzte uns der Fahrer vor dem Hostel nahe der Ichan Kala wieder ab und kassierte seinen Lohn. Alles in allem war es wirklich ein schöner Ausflug mit beeindruckenden Zielen. Da wir aber nicht wussten, dass es sich bei der «Tour» in Wirklichkeit einfach um einen Fahrer handelt, haben wir uns im Vorfeld nicht sehr um die Geschichte der Forts und der Oase gekümmert. Es lohnt sich ganz sicher, sich vorab zu informieren, so kann man die einzelnen Ziele der Tour viel mehr wahrnehmen. Am Abend hörten wir nochmals von Josie, sie ist schon weiter nach Buchara, da sie den Schlafsaal ihres Hostels nicht nur mit menschlichen Mitbewohnern teilte, sondern auch mit Ratten. Da hatten wir es vergleichsweise gerade gut. Zwar entdeckten wir haufenweise Müll unter unseren Betten und die Gastgeber betraten zweimal ungefragt einfach unseren Raum, obwohl wir gerade im Zimmer waren. Aber alles in allem war das Morgenessen ganz in Ordnung und als wir die Familie dabei beobachteten, wie sie in der hauseigenen Backstube Lepyoschka im Tandir-Ofen zubereitete, bekamen wir gleich ein Brot mit auf den Weg.
Da wir von anderen Reisenden den Tipp erhielten, wir sollten eher eine Nacht länger in Xiva einplanen, da es dort so schön wäre, hatten wir nochmals einen ganzen Tag und am Tag darauf noch einen halben, bevor der Zug uns weiterbringen würde. Die Stadt ist wirklich etwas Besonderes und sehr schön, aber wenn wir ehrlich sind, haben wir sie schon am Ankunftstag ausgiebig begutachtet und ein halber bis maximal ein voller Tag reicht völlig aus, um die Stadt zu erkunden. Da wir nun also reichlich Zeit übrig hatten, durchstreiften wir die Stadt von Nord nach Süd und von West bis Ost, bis wir wirklich jeden Winkel mindestens einmal abgelaufen waren, aber wahrscheinlich waren es eher zwei- oder dreimal. Als wir zum x-ten Mal der Stadtmauer in Richtung Osten folgten, bogen wir nochmals zweimal ab und obwohl wir wussten, oder zumindest dachten, dass dies der richtige Weg sei, standen da mehrere Dinge ganz ungünstig im Weg. Zuerst mussten wir an einem aufgehängten weissen Tuch vorbei, ja, auch in Xiva scheint man die Wäsche im Freien zu trocknen und danach lag da direkt vor der Treppe zur Hauptstrasse eine Leiter, die zwar nicht wirklich schwer zu überwinden war, aber es schien mir doch ein wenig gefährlich, eine Leiter quer vor der obersten Stufe einer Treppe hinzulegen. Nichts konnte uns stoppen und schon bald waren wir wieder unten auf der Strasse, wo ungemein viele Personen die Strasse bevölkerten. Alle trugen sie schöne traditionelle Gewänder und an den Ständen boten sie Obst und Gemüse an. Irgendwie schienen wir in einem Teil von Xiva gelandet zu sein, der überhaupt nicht den anderen Quartieren und Strassen glich, in denen wir bis jetzt waren. Plötzlich wurde Pascal ganz nervös und zupfte Eva am Ärmel und schien irgendwie ganz gehetzt zu sein. Als wir dann von einem leicht genervten Beamten zurechtgewiesen wurden, warum wir die Absperrung überquert hätten, dämmerte es auch Eva: Wir sind mitten in einem Filmset gelandet. Und wenn sie gerade gedreht hatten, dann war diese Szene ganz sicher im Eimer. Scheinbar waren die Tücher und die Leiter provisorische Absperrungen des Filmsets, was wir beim besten Willen nicht bemerkten und nur dachten, dass hier einige Personen sogar unpraktisch ihre Dinge liegen liessen. Im Laufe des Tages kamen wir von allen Seiten immer wieder am Filmset vorbei, diesmal wussten wir aber, bis wohin wir durften und platzten nicht mehr einfach so in die Szene.
Xiva war schön, aber wie gesagt hätte uns auch ein Tag weniger gereicht, um die Stadt ausgiebig anzusehen. Leider ist die Innenstadt, das touristische Zentrum, praktisch unbewohnt. Nur einige Familien, die hier Gasthäuser betreiben, wohnen tatsächlich in der historischen Altstadt und kaum sind alle Gruppenreisen mit ihren Reisecars weitergezogen, fühlt man sich in der Stadt einsam. Würden wir nochmals gehen, würden wir wahrscheinlich eine Unterkunft ausserhalb der historischen Stadtmauern bevorzugen und dafür die Altstadt mit einem Eintrittsticket gezielt besuchen und auch alle Moscheen und Mausoleen besichtigen, die im Ticket beinhaltet sind.







































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