Um 9.00 oder um 16.00 Uhr fährt jeweils ein Marschrutka von Jerewan nach Goris und braucht für die Strecke etwa vier Stunden. Wir fragten zuvor an der Rezeption unseres Hotels, ob wir die Tickets schon vorab kaufen konnten, aber die Rezeptionistin verneinte dies und wir machten uns daran, uns relativ früh am Busbahnhof einzufinden, um den 9-Uhr-Bus zu erreichen. Im kleinen Büro des Busdienstleisters wollten wir die Reise bezahlen, er deutete jedoch nur an, dass wir im Freien warten sollten. Also warteten wir dort und immer wieder kamen Personen, kauften sich ein Ticket und stiegen in den Minibus ein. So füllte sich langsam der Bus. Jedes Mal, wenn Pascal in das kleine Büro eintrat, machte der Mitarbeiter eine Handbewegung, die andeutete, wir sollten geduldig sein.
Irgendwann war der Bus voll und er hätte schon längst unterwegs sein sollen, aber niemand machte Anstalten, den Motor zu starten oder uns auf die letzten beiden Plätze des Busses zu lassen. Die Passagiere, die schon im Innenraum sassen, wurden langsam ungeduldig und schnauzten den Busfahrer und den Typen im Büro an. Der Busfahrer schrie derweil irgendwo in der Gegend herum und trat gegen alles, was in irgendeiner Weise Lärm erzeugte, während der Typ im Büro fluchte wie ein Rohrspatz. So merkten auch wir, dass die allgemeine Stimmung für alle Anwesenden unbefriedigend war. Natürlich war Pascal auch schon nahe an einem Wutausbruch, während für einmal Eva die Ruhe im ganzen Wirrwarr behielt und sich schon darauf einstellte, dass wir erst den Bus am Nachmittag nehmen würden.
Irgendwann kamen die letzten zwei Personen, die den Bus füllten. Der Busfahrer beendete sein Gekicke an Metallwänden und Türen, klemmte sich hinters Steuer, startete den Motor und wollte schon losfahren, als der Bürotyp wiederkam und uns fragte, ob wir auch im Mittelgang auf unseren Rucksäcken die Reise machen würden. Wir sagten zu, wider besseren Wissens, dass die Fahrt noch zur Tortur werden würde. Die Passagiere halfen uns irgendwie, die Rucksäcke im Gang zu verstauen (obwohl es noch genug Platz im Kofferraum gehabt hätte), wir sassen darauf und los ging die Fahrt, vier Stunden in Richtung Süden.
Am Anfang war es irgendwie noch erträglich, wir konnten uns noch auf die Bänke klemmen, die noch nicht ganz gefüllt waren. Im Laufe der Zeit stiegen aber noch zwei Personen zu, und wir mussten wieder zurück auf unsere Rucksäcke. Nach rund zwei Stunden kamen wir bei einer Raststätte an, wo wir kurz frische Luft schnappen konnten. Eva war schon kreidebleich im Gesicht und selbst Pascal, dem eigentlich nie schlecht wurde, hatte seine Zweifel, ob er die Fahrt überstehen würde. Nach der Pause musste auch noch ein junger Russe, der ebenfalls mit uns im Bus war, auf einem Klappstuhl im Gang Platz nehmen. Schon kurz nach der Weiterfahrt ging es ihm sichtlich schlecht. Die Kurven durch die Berge Südarmeriens nahmen zu und auch die Geschwindigkeit, mit der unser Fahrer in die Kurven ging. Pascal hoffte in diesem Moment nur, dass sowohl Eva wie auch der Russe vor ihm alles bei sich behielten – sonst wüsste er nicht, ob er das bis zum Schluss aushalten würde.
Irgendwo im Nirgendwo vor Goris, an einer Tankstelle, liess der Busfahrer drei iranische Geologen aussteigen, wobei wir uns sicher sind, dass sie dort nicht aussteigen wollten und nur den strikten Anweisungen des Fahrers folgten. Wir kamen mehr oder minder heil in Goris an. Pascal hatte zahlreiche Schürfwunden an den Armen, ansonsten sahen alle anderen Passagiere aus, als hätten sie einem ausgewachsenen Sturm auf hoher See getrotzt. Alle Gesichter weiss bis grün, stolz, überlebt zu haben. Gleich nach der Ankunft kauften wir und auch das russische Paar, Tickets mit Sitzplatzreservierung, in der Hoffnung, die Rückfahrt besser zu überstehen.
Wir schwankten immer noch leicht seekrank in Richtung unserer Unterkunft, die wir schon zuvor gebucht hatten. Sie lag gleich neben der Innenstadt und alles war fussläufig erreichbar. Wir hatten eine kleine Küche mit Sofa, Couchtisch und Fernseher sowie ein Schlafzimmer mit vier Betten. Nach der langen Fahrt freuten wir uns, gleich nochmals unsere Füsse zu vertreten, also gingen wir nach draussen und erkundeten die nahegelegenen Hänge, bei denen, ähnlich wie einst in Göreme, Feenkamine in die Höhe ragten, die vor langer Zeit bewohnt waren. Leider war der Weg nicht leicht zu finden und führte quer über einen Friedhof, doch als wir schlussendlich auf dem richtigen Wanderweg waren, genossen wir die Ruhe und den schönen Blick auf die Gesteinsformationen.
Am Abend wollten wir eigentlich in unserer Unterkunft kochen. Als wir im Supermarkt waren, sahen wir jedoch, wie ein Mitarbeiter gerade grosse Spiesse vorbereitete, die er auf einem riesigen Holzkohlegrill im Supermarkt briet und danach mit Zwiebeln und Petersilie im Fladenbrot (Lavash) einwickelte. Uns lief das Wasser im Mund zusammen und wir waren eigentlich zu müde, um uns selbst noch etwas zu überlegen. Also erklärten wir dem Herrn an der Frischtheke mit Händen und Füssen, was wir gerne hätten, und nur eine Viertelstunde später hielten wir das beste Grillgut in unseren Händen. Noch ein bisschen Gemüse für einen Salat und wir waren vollends zufrieden.
Am nächsten Tag wollten wir nach Chndsoresk, da wir gelesen hatten, dass sich dort eine berühmte alte Höhlenstadt befindet, durch die man gut wandern kann. Wir fragten einige Taxifahrer auf dem Weg in Richtung Innenstadt, was sie für den Transport verlangen würden, konnten uns mit ihnen aber nicht einigen. Etwas später einigten wir uns mit einem Taxifahrer in einem alten Fiat Panda auf einen Preis, der für uns in einem tolerablen Bereich lag, aber für den Zustand des Fahrzeugs wahrscheinlich immer noch zu hoch war. Auf dem Weg in Richtung Chndsoresk kamen wir an einem Übungsgelände der armenischen Armee vorbei, die für einen Lauf gerade die ganze Strasse beanspruchte, weshalb wir warten mussten. Einige Wagen hinter uns stellte sich auch ein Fahrzeug des Roten Kreuzes in die Reihe.
Als wir mit einem Mann aus dem Militär ins Gespräch kamen und erzählten, woher wir waren, fragte er gleich, ob wir im Auftrag des Roten Kreuzes hier seien. In diesem Moment wurde uns wieder bewusst, dass wir nur einige Kilometer von einem Kriegsgebiet entfernt waren, das bis vor kurzem noch heftig umstritten gewesen war. Er erklärte uns in bestem Englisch, dass er nach dem Militärdienst in der Schweiz seinen Master in Kunstgeschichte machen werde und sich sehr darauf freue. Wieder im Taxi ging es weiter und anders als wir dachten, fuhr er uns nicht in die Stadt, sondern direkt zu den Ausgrabungen der Höhlenstadt.
Um zu den Höhlen zu gelangen, muss man eine Hängebrücke über eine tiefe Schlucht überqueren. Das sieht nicht nur spektakulär aus, für jemanden mit Höhenangst kommt das einer Schikane gleich. Rund um die ehemals bewohnten Höhlen kann man wandern. Wir würden allen, die es uns gleichtun, empfehlen, von dort aus in den neuen Ort Chndsoresk zu spazieren und dort einen Transport zurückzunehmen. Da wir aber nicht wussten, dass die Pfade des Rundwanderwegs, der wieder bei der Hängebrücke enden würde, teils nicht passierbar sind, entschieden wir uns am Ende, den gleichen Weg zurückzugehen und von dort der Strasse bis zum Ort zu folgen, was wirklich keine sehenswerte Strecke ist.
Die Höhlen von Chndsoresk waren seit der Antike besiedelt, so boten die aus natürlichem Gestein gehauenen Wohnräume ein gutes Klima, sowohl in den kalten Wintern wie auch im Sommer. Die damalige Stadt entwickelte sich im 17. und 18. Jahrhundert zu einem wichtigen Handels- und Verteidigungszentrum und war zu ihrem Höhepunkt von etwa 15’000 Personen bewohnt, was den Ort zur grössten Siedlung Ostarmeniens machte. Die strategische Lage wurde im Befreiungskampf der Armenier gegen die Osmanen und Perser zum zentralen Dreh- und Angelpunkt. Der in Armenien bekannte Freiheitskämpfer Mkhitar Sparapet wurde 1735 im Kampf getötet und nur wenige Meter ausserhalb der Höhlenstadt begraben. Das Grab kann besichtigt werden, und es werden noch heute frische Blumen dorthin gebracht, um seinem Opfer zu gedenken.
Für uns war diese Stätte nicht so eindrucksvoll wie gedacht. Wahrscheinlich verlor sie auch an Glanz, da gleichzeitig Renovierungs- und Gartenarbeiten rund um das Grab im Gange waren. Einige Häuser und Höhlen wurden im 20. Jahrhundert nochmals besiedelt, als vom Berg-Karabach-Konflikt geflüchtete Armenier*innen in ihnen zeitweise Unterschlupf fanden. Einige Alltagsgegenstände aus dieser Zeit sind in den Häusern noch zu sehen: Werkzeuge, Kinderspielzeug und Kuscheltiere. Der Anblick war für uns unglaublich bedrückend und emotional.
Wir verliessen langsam wieder das alte Dorf und folgten der Hauptstrasse ins Zentrum von Chndsoresk. Als wir dort angekommen waren, suchten wir einen Markt auf und fragten, ob uns jemand zurückfahren könnte, was sogleich für uns organisiert wurde. Der Ort besteht hauptsächlich aus einer Militärkaserne, einigen nicht geteerten Strassen und vielen Jugendlichen und Kindern, die mit dem Auto unterwegs waren – kein Ort, in dem wir uns wohlfühlten.
Zurück in Goris ging es gleich in die Unterkunft, um uns frisch zu machen, und danach ins Zentrum, das vor nicht allzu langer Zeit komplett renoviert wurde und durchaus schick daherkommt. Der Dorfplatz mit den Bänken davor wird von vielen Einheimischen und den paar Touristen genutzt, um zu verweilen und auch die frisch gepflasterten Strassen können sich sehen lassen. Noch vor kurzer Zeit muss das Zentrum wirklich schlecht ausgesehen haben. Sowohl in Reiseführern wie auch in Reiseblogs lasen wir zuvor, dass Goris überhaupt kein schöner Ort sei und nur als Ausgangspunkt für Ausflüge in die Umgebung diene. Wie uns zu Ohren gekommen ist, wird derzeit viel in den Süden Armeniens investiert, um ihn attraktiver für Touristen zu machen. Das scheint vor Ort zu funktionieren, eine funktionierende Anbindung mit grossen Bussen würde aber dem Süden auch helfen, dass nicht nur Reisegruppen, sondern auch Individualreisende und Armenier*innen die Region besuchen. Im Supermarkt liessen wir uns wieder Spiesse grillen, die wir genüsslich in unserem kleinen Zuhause verzehrten.
Am nächsten Morgen wurden wir schon früh abgeholt, um nach Tatev zu fahren. Tatev erreicht man entweder per Auto über eine lange, geschwungene Bergstrasse oder von der in der Nähe von Goris liegenden „Talstation“ der „Wings of Tatev“, der längsten zweispurigen Seilbahn der Welt, die Touristen wie uns in den Ort bringt. Als wir die Talstation erreichten, vereinbarten wir mit unserem Fahrer, dass wir ihm per Telegram schreiben würden, sobald wir wieder unten angekommen seien. „Talstation“ ist wohl etwas übertrieben, da Tatev nur wenige Meter höher liegt als der Ausgangspunkt, man überquert bei der Fahrt aber einen Berg, bevor es wieder hinunter zur Endstation geht.
Pünktlich um 8.30 Uhr stiegen wir aus dem Taxi und wollten uns in Richtung Ticketschalter begeben, als uns einige Wachleute aufhielten und verwirrt erklärten, dass die Seilbahn erst um 10.00 Uhr öffnen würde. Wir hätten wohl zuvor die Öffnungszeiten nochmals überprüfen sollen. Es war noch relativ kühl, und die Sonne lugte erst zögerlich über die Berggipfel, die Sicherheitsleute hatten jedoch Erbarmen mit uns, kochten für uns Kaffee und scherzten, dass wohl kein Armenier je so pünktlich irgendwo sein würde wie wir Schweizer. Schon bald kannten wir die Namen des ganzen Teams, wer wie viele Kinder zu ernähren hatte, und als die Wachablösung kam, begann das Ganze von vorne. So verging die Zeit bis 10.00 Uhr, als die erste Seilbahn fuhr, wie im Flug und sowohl wir wie auch die Wachleute hatten ab da eine Geschichte zu erzählen.
Endlich auf der ersten Seilbahn, ging die Fahrt nur wenige Minuten. Trotzdem ist die Anfahrt nach Tatev spektakulär und schon von weitem sahen wir das Kloster von Tatev, das am Abgrund einer steilen Felswand steht. Als Erstes, bevor mehr Touristen nach oben kamen, schauten wir uns das Kloster an. Die Lage hoch über dem Abhang ist wirklich einzigartig, schaut man aus dem Fenster, geht es meterweit ins Tal hinab. Ausserhalb der Klostermauern gibt es noch ein kleines Museum, das zeigt, wie sich das Kloster früher versorgte und welche Werkzeuge gefunden wurden, mit denen vor allem Öl aus Leinsamen gewonnen wurde.
Doch eigentlich waren wir hier, um eine Wanderung zu machen. In den Tiefen des Internets fanden wir einen Rundwanderweg, der den Abhang hinunterführte und nach dem Aufstieg wieder bei der Seilbahn enden sollte. Also machten wir uns auf, den Abstieg in Angriff zu nehmen. Kurz nach dem Start merkten wir, dass der Wanderweg über viele Kilometer einer stark befahrenen Strasse folgte und die grossen Lastwagen schossen mit hoher Geschwindigkeit an uns vorbei. Also kehrten wir um und starteten in die andere Richtung, was bedeutend besser war. Auch dieser Weg führte erst der Strasse entlang, bog aber bald in die Natur ab und ging in engen Bögen immer weiter ins Tal hinunter. Das eine oder andere Mal kreuzt man dabei die Seilbahn.
Unten angekommen, trafen wir zuerst auf eine Einsiedelei mit Kirche, die nur noch selten, aber hie und da noch bewohnt wird. Als wir dort waren, war ein alter Mann gerade daran, die Räume und Mauern zu renovieren. Unser Weg führte dem Tal entlang immer weiter flussaufwärts, bis wir einen schönen Ort am Ufer sahen, wo wir anhielten und unseren Proviant verspeisten. Nun sollten wir eigentlich den Fluss überqueren, um auf der anderen Seite weiterzugehen. Das Flüsschen führte aber zu viel Wasser, um es sicher zu überqueren, also blieben wir auf unserer Seite, bis wir die Strasse erreichten, die nach Tatev führt. Hier mussten wir dann doch wieder einige Minuten der Strasse folgen, bis wir einen Platz erreichten, wo viele Autos parkten, da es dort einige natürliche Wasserbecken gab, in denen man baden konnte. Da der Fluss, wie schon erwähnt, zurzeit viel Wasser führte, entschieden wir uns, nicht in den Pools zu baden, sondern uns in einem künstlich angelegten Becken abzukühlen, was seinen Zweck vollkommen erfüllte.
Nun standen wir vor der Entscheidung, wie wir wieder zurückkommen sollten. Da wir schon bei der Hinfahrt die genaue Zeit angeben mussten, wann wir wieder mit der Gondel zurückfahren würden und wir etwas langsamer unterwegs gewesen waren, reichte es uns nicht, wieder nach oben zu wandern. Kurzerhand sprach Eva einen der Touristen an, der dort mit dem Auto hielt und fragte, ob er uns mitnehmen könne, was kein Problem war. Er packte uns ein und ein wenig später waren wir wieder oben. Wir hatten noch etwas Zeit, um ein Getränk zu kaufen und auszuspannen, bis uns die Seilbahn wieder nach unten fuhr. Dort wartete auch schon unser Taxi, das uns nach Goris zurückbrachte.
Zurück im Hotel packten wir unsere Rucksäcke ein weiteres Mal, kauften im Supermarkt gefrorene Pelmeni und kochten sie uns zuhause, die wir hungrig in grossen Mengen verschlangen. Mit vollem Magen und der Unsicherheit, wie die Weiterfahrt wohl sein würde, gingen wir ins Bett.



































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