Chandigarh

16. Dezember 2025

Von Delhi sind wir mit dem Zug nach Chandigarh gefahren. Mit unserem Glück, das wir hatten, lag unser Hotel nur fünf Gehminuten vom New Delhi Hauptbahnhof entfernt. Nur dass der Zug nach Chandigarh etwa eine Dreiviertelstunde davon entfernt von Delhi Cantt aus fuhr. Also rein in ein Taxi und bis zum Bahnhof gefahren, um dort in den Zug zu steigen.

Im Gegensatz zu den beiden Klassen in der Schweiz gibt es in Indien, je nach Zählweise, acht bis dreizehn Klassen. Wir fuhren «Chair Car» (CC), der normale Sitzwagen, der meist nur während Tagfahrten angehängt ist. Die Sitze waren sehr komfortabel, wir sind wirklich schon unbequemer von A nach B gekommen. Gegenüber von uns sass eine Frau mit ihrer Tochter, die in Delhi und Chandigarh auf Familienbesuch waren. Wir haben uns immer wieder mit ihr unterhalten und sie hat uns viele Tipps gegeben. Ausserdem bekam jeder Fahrgast eine Flasche Wasser und, was wir irgendwie nicht mehr auf dem Schirm hatten, auch ein Mittagessen an den Platz serviert. Es war richtig gut und zum Dessert bekamen wir sogar noch Eis serviert. Herrlich. Langsam tauten wir auf und konnten die Fahrt richtig geniessen.

Chandigarh liegt bei fast keinem Touristen auf der typischen Route. Wir wurden von Evas Vater darauf aufmerksam gemacht, dass die Stadt vom französisch-schweizerischen Architekten Le Corbusier erdacht und geplant wurde. Nach der Teilung Indiens 1947 fiel Lahore, die Hauptstadt der Provinz Punjab, an Pakistan. Als Reaktion darauf wurde beschlossen, einen neuen Regierungssitz zu errichten. Es wurde eine Region nahe des Dorfes Chandigarh ausgewählt, und dessen Namen wurde gleich übernommen. Der bekannte Stadtplaner und Architekt Albert Mayer und Matthew Nowicki wurden damit beauftragt, die Stadt zu errichten. Nach Nowickis Tod wurde Le Corbusier mit der Vollendung der Stadt beauftragt. Er übernahm viele Ideen Nowickis, zum Beispiel, dass die Stadt in Superblocks aufgeteilt wird, die jeweils Wohnraum für 5000 Personen bieten. Bei Corbusier sollten die Superblocks neu Sektoren heissen und die Grundinfrastruktur wie Schulen und Ärzte zur Verfügung stellen. Im Gegensatz dazu erfüllt auch jeder Sektor seine eigene Funktion. So existieren Sektoren für Erholung, Gastronomie oder Einkaufen. Ausserdem sind die Sektoren ursprünglich grösstenteils verkehrsfrei, dafür gibt es grosse Parkplätze vor den Sektoreingängen. Die Strassen wiederum, die die Sektoren in ein Schachbrettmuster zwängen, sollten für alle Verkehrsteilnehmer Platz bieten. Wobei dies heute vor allem das Automobil ist, und es als Fussgänger nicht einfach ist, zwischen den Sektoren zu wechseln.

Wir hatten unser Hotel zwischen Sektor 17, dem Einkaufssektor, und Sektor 22, dem Hotel- und Gastronomiesektor. Nach der Ankunft im eigentlich schönen Hotel – nur die Bettwäsche war wieder ein wenig feucht – besuchten wir noch den verkehrsfreien Sektor 17, der heute eher ein grosses Freiluft-Einkaufszentrum ist. Neben den grossen lokalen und internationalen Marken reihen sich hier auch viele Boutiquen, die Stoffe oder Saris, Dhotis und Kurtas verkaufen. Es herrscht ein geschäftiges Treiben rund um den grossen Platz, viele Familien verweilen hier, trinken einen Kaffee oder essen etwas von den unzähligen Imbissständen. Wir kauften Wasser in einem Convenience-Store und waren verblüfft, wie wir schon solch etwas Einfaches nach wenigen Tagen vermisst hatten. Was wir erst gar nicht bemerkten und uns dann von Evas Schwester darauf aufmerksam gemacht wurden, war, dass die Struktur der Bodenplatten auf dem riesigen Platz wiederum den Stadtplan von Chandigarh darstellte.

Am nächsten Tag machten wir eine grössere Tour. Wir starteten im «Le Corbusier Center», das das Leben und die Beziehung von Le Corbusier mit Chandigarh darstellte. Viele Briefwechsel zwischen dem Architekten und den lokalen und nationalen Politikern sowie Pierre Jeanneret, dem Architekten vor Ort und Fotos von den Bauvorschriften sind dort ausgestellt. In einem eher schicken Restaurant zwischen den nächsten zwei Zielen assen wir vegetarisches Curry. Unterbrochen wurden wir nur, als eine Ratte tot von einem Dachbalken fiel. Wir haben uns nichts wirklich dabei gedacht, bis einer der Köche kam und das Tier auf einer Schaufel in die Küche trug.

Von dort gingen wir zum Sukhna Lake im Nordosten der Stadt, das Naherholungsgebiet der Einheimischen. Wir spazierten ein bisschen am Seeufer entlang. Aber da gerade Burning-Season in Indien war und der Smog neue Rekordwerte aufwies, sah man das gegenüberliegende Ufer kaum. Als Nächstes besuchten wir den angrenzenden Rock Garden. Nek Chand Saini schuf über Jahrzehnte – teils im Geheimen – hier sein eigenes kleines Paradies, eine ganze Fantasiewelt. Er baute Skulpturen und Statuen aus recycelten Fliesen-, Glas-, Keramik- und Industrieabfällen. Zu seiner Motivation gibt es verschiedene Quellen. Eine von vielen besagt, dass er in einem Dorf in Britisch-Indien aufgewachsen war. Nach der Teilung Indiens in Pakistan und Indien liess die Familie, wie Millionen andere, fluchtartig Pakistan hinter sich, um nach Indien zu gelangen. Das Trauma, seine Heimat verlassen zu müssen, verursachte bei ihm eine Art Amnesie, er vergass alles rund um die Flucht und seine Kindheit. Nach und nach kamen Erinnerungen zurück und er baute im Rock Garden eine Hommage an sein Heimatdorf nach seinen kindlichen Erinnerungen, die zurückkamen. Chand arbeitete in Chandigarh als Strasseninspektor und empfand den brutalistischen, streng geometrischen Ansatz Le Corbusiers für die Stadt als steril und seelenlos. Chand baute den Rock Garden auch als stiller Protest und als organische Antwort auf die visionäre, moderne Stadt von Le Corbusier. 1975 wollte die Regierung den Rock Garden abreissen, da er illegal in einem geschützten Wald aufgebaut wurde. Die Proteste der Einwohner Chandigarhs hatten aber Erfolg, und er durfte den Rock Garden behalten und wurde sogar bezahlt, um ihn fertigzustellen. Etwa zehn Jahre später, als er auf einer Vortragsreise ausser Landes war, wurde ihm die Finanzierung gestrichen und es kam zu Beschädigungen und Zerstörungen am Rock Garden. Eine Stiftung übernahm darauf hin die Sicherung und den Betrieb des Rock Gardens. 1988 wurde Chand mit der höchsten Auszeichnung des Staates Indien beehrt, der Padma Shri-Medaille.

Der Besuch des Rock Gardens war für uns ein Highlight unserer Indienreise. Wir verbrachten Stunden damit, die künstlichen Landschaften anzusehen und die teils schrägen Figuren abzulichten. Als wir den Rock Garden verliessen, war es schon später Nachmittag. Wir wollten aber unbedingt noch die berühmtesten Gebäude der Stadt anschauen, die unter der Leitung Le Corbusiers entstanden sind: den High Court, den Palace of Assembly, den Geometric Hill und natürlich das berühmte Open-Hand-Monument.

Als wir zum Gericht kamen, umströmten uns hunderte in Roben gekleidete Advokaten. Wir bahnten uns einen Weg zur Strasse, die zum Open-Hand-Monument führt. Dort wurden wir aber von einem uniformierten Beamten angehalten und er sagte, dass es verboten sei, ohne geführte Tour das Areal zu betreten. Darüber haben wir nichts gelesen und auch unser Hotel wusste nichts davon. Wir waren uns nicht sicher, ob er nur Geld von uns wollte oder ob dies wirklich eine neue Regelung war. Aber allzu doll wollten wir nicht mit dem Herrn diskutieren, der flankiert von zwei Soldaten mit Maschinengewehr auf uns zuschritt. Also kehrten wir zerknirscht um und folgten den Weg zum Besucherzentrum. Dort klärte man uns auf, dass dies wirklich eine neue Sicherheitsmassnahme sei und wir doch am nächsten Tag wieder kommen sollten. Jeweils um 11 Uhr morgens und um 13 Uhr gibt es eine Führung. Da wir aber am nächsten Tag schon den Zug nach Rishikesh gebucht hatten, waren wir ein wenig ratlos, wie wir weiterfahren sollten. Entweder wir blieben noch eine Nacht länger und liessen das Ticket verfallen, oder wir sahen diese Gebäude halt nicht und würden weiterziehen. Es fiel uns schwer, eine gute Antwort zu finden und wir grübelten den Abend lang, wie es weitergehen sollte. Schlussendlich entschieden wir uns, nach Rishikesh weiterzureisen.

Zurück in Chandigarh

Abends weit ausserhalb von Chandigarh in Rajpura Junction kamen wir mit dem Zug an. Den Uber-Fahrer hatten wir wohlweislich schon einmal gebucht, in der Hoffnung, dass der Zug auch rechtzeitig ankommen würde, und tatsächlich kam er nur eine Viertelstunde zu spät. Der Taxifahrer brachte uns wieder zum gleichen Hotel in der Stadt, in dem wir schon vorher zu Hause waren und wir bezogen das Zimmer gleich gegenüber von dem, das wir letztes Mal hatten. Wir hatten nochmals drei Nächte gebucht, damit wir genug Zeit hatten, in Chandigarh alles anzusehen. Wir gönnten uns nach der langen Zugfahrt erst einmal ein schickes Nachtessen zwei Sektoren weiter im Restaurant des Marriott Hotels mit Burger und Pommes. Warum gerade Burger im Marriott Hotel? Dort konnten wir einigermassen sicher sein, dass wir frische Zutaten im Burger bekamen und hoffentlich nicht mit Magenkrämpfen am nächsten Tag aufwachten.

Der nächste Tag startete mit dem Besuch des Open-Hand-Monuments und der umliegenden Gebäude. Wie uns schon einige Tage zuvor mitgeteilt wurde, registrierten wir uns mit unseren Pässen beim Besucherzentrum und bekamen zwei kostenlose Eintrittskarten. Einer der Mitarbeiter des Besucherzentrums führte ein französisches älteres Ehepaar – der Mann war Architekt –, ein jüngeres englisches Ehepaar – der Mann studierte Architektur –, eine ganze College-Architekturklasse und uns auf dem Gelände herum und erzählte einiges zur Entstehung Chandigarhs und einige Hintergründe zu Le Corbusier.

Nach der Führung spazierten wir in Richtung zweier weiterer Museen, dem «Chandigarh Art Museum» und dem «Architecture Museum». Letzteres ist leider nur noch ein Schatten seiner selbst. Es beschäftigt sich nochmals stark mit dem Aufbau der Stadt und dem Leben von Le Corbusier, die Ausstellungsstücke sind aber in bedauernswertem Zustand. Die Ausstellungskästen sind zum Teil derart verkratzt und vergilbt, dass es schwierig ist zu erkennen, was sich genau dahinter verbirgt. Aber immerhin wurde uns durch das Museum bewusst, dass sich auf der Hinterseite der alten 10-Franken-Note, auf der Le Corbusier abgebildet ist, der Stadtplan von Chandigarh und oben rechts ein Foto des Justizpalasts Chandigarhs abgedruckt ist.

Das «Art Museum» wiederum war zuerst vielversprechend, wurde doch die damalige Ausstellung vom Fotografen Vicky Roy gemacht. Er zog im Alter von elf Jahren von zu Hause aus, um nach Delhi zu gelangen und dort als «Ragpicker» (Abfallsammler) zu arbeiten. Eine NGO half ihm aus seiner Lage und er wandte sich der Fotografie zu, was ihn zu einem der bedeutendsten asiatischen Fotografen machte. 2016 wurde er vom Forbes-Magazin zu den 30 unter 30 gewählt. Seine Ausstellung zeigte Kinder, die als Ragpicker in Delhi arbeiten, um die Wichtigkeit des Themas stets aktuell zu halten. Leider waren die übrigen Teile des Museums eine wilde Mischung aus zeitgenössischer und historischer Kunst und vieles, das wir wahrscheinlich eher in einem Völkerkundemuseum sehen würden. Da das Dach repariert werden musste, waren einige Teile der Ausstellung auch gesperrt und einige Exponate lagen lose auf dem Fussboden herum.

Wir verweilten noch einen weiteren Tag in Chandigarh, da es uns hier bisher in Indien am besten gefiel und wir ein bisschen Zeit brauchten, um die nächsten Stationen zu planen. Auch wenn wir später feststellen würden, dass trotz rollender Planung einiges ganz anders kam, als wir es uns erhofft hatten.

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