Reading Progress:

Yining

1. November 2025

Es ging für uns früh am Morgen los. Wir waren sehr nervös und hatten uns in den letzten Tagen und Wochen intensiv mit der Einreise und allgemein mit dem Reisen in China beschäftigt. Das führte dazu, dass wir während unserer Tage in Almaty eine lange To-Do-Liste abgearbeitet hatten: WeChat, Alipay, 12306 Railway und Didi installieren und authentifizieren, ein VPN installieren, welches auch in China funktioniert, und auf der Übersetzungs-App «Google Translate» die Sprachen «Chinesisch», «Deutsch» und «Englisch» herunterladen, um sie auch offline verfügbar zu haben. Ausserdem hatten wir schon eine Sim-Karte auf Trip.com gekauft, wo wir jeden Tag 1 GB an Daten zur Verfügung haben. Also eigentlich konnte nichts schiefgehen, das nervöse Gefühl im Bauch nahm aber nicht ab. Am Busbahnhof angekommen, schritten wir erst durch eine ganze Wand an Bussen, die mit allerlei chinesischen Städten angeschrieben waren. Im Hauptgebäude selbst waren auch da verschiedene Busse, die scheinbar gleichzeitig nach China abfuhren. Die Busse waren aber alle nur auf Chinesisch beschriftet, so waren wir noch in Kasachstan froh, dass wir die Übersetzungen offline verfügbar hatten. Wir fragten nochmals am Ticketschalter, welchen Bus wir nehmen müssen, trotzdem waren wir unsicher, da die beiden anderen europäischen Pärchen scheinbar in andere Busse eingestiegen waren. Pünktlich auf die Minute ging es los und der Bus fuhr ab. Wir waren in der hintersten Reihe, die als einzige mit sechs Sitzen einquartiert ist, und hatten anfangs sogar alle Sitze für uns. Wir dösten ein wenig vor uns hin, immerhin ging es fast fünf Stunden bis zur kasachischen Grenze und der offiziellen Ausreise. Immer wieder gab es eine Durchsage vom zweiten Fahrer. Da er Chinesisch sprach, verstanden wir nichts, nickten immer wissend und hofften, dass, falls etwas Wichtiges passieren würde, wir es schon merken würden. Etwa eine Stunde vor der Grenze gab es einen Militärcheckpoint, wo alle Pässe eingesammelt und nach kurzer Zeit wieder verteilt wurden. Danach an der Grenze auf der kasachischen Seite ging alles ganz einfach: Gepäckscanner, Passkontrolle, Ausreisestempel und danach wieder zurück in den Bus. Der Busfahrer schaute immer ganz genau, dass alle seine Schäfchen überall keine Probleme verursachten, und half, wenn es irgendwo harzte. Im Niemandsland fuhren wir einige Meter in Richtung China, bevor alle Busse auf einem Parkplatz halt machten. Wir hatten zuvor schon gelesen, dass es vorkommen könnte, dass wir hier einen COVID-Test machen müssten, und als eine Person im Tarnanzug den Bus betrat und nur genau unsere Pässe mitnahm, dachten wir schon, es sei nun so weit. Doch nichts passierte und wir erhielten sie einige Minuten später wieder zurück. Als unser Bus an der Reihe war, wurden alle Passagiere aufgefordert, ihr Gepäck mitzunehmen. Im Eingangsbereich wurden unsere Pässe das erste Mal begutachtet und wir mussten für eine Sicherheitskamera unser bestes Lächeln aufsetzen. In der riesigen Abfertigungshalle haben wir zuerst einen Ankunftsschein digital ausgefüllt, danach wurde noch unsere Körpertemperatur gemessen, automatisch beim Gehen in Richtung Zollschalter. Ich wurde kurz gefragt, welche Ziele wir in China haben werden, wo wir wieder ausreisen werden und ob Eva meine Ehefrau sei. Alles andere hat sie nicht weiter interessiert. Zur gleichen Zeit war ein deutscher Rucksacktourist am Schalter nebenan; er wurde um einiges genauer befragt. Wo er wohne, ob er genügend Geld für die Reise besitzen würde und so weiter. Sein Fehler war wohl, dass er beim Einreiseschein angegeben hatte, dass er arbeitslos sei. Bei der Befragung von Eva gab es noch eine kleine Verwirrung, da sie einen alten Pass besitzt und darum nicht gleich aussah wie meiner. Da aber alle anderen Fragen schon beantwortet waren, ging es doch relativ schnell. Danach packten wir das Gepäck nochmals auf einen Scanner und wir waren offiziell in China eingereist. Am Ende war es einer der entspanntesten Grenzübertritte, die wir bisher hatten, obwohl wir am meisten Respekt davor gehabt hatten. Noch in der Abfertigungshalle hätte man auch chinesische Sim-Karten kaufen können. Da wir aber eine Daten-eSim von Trip.com hatten, dachten wir, das würde reichen.

Auf der chinesischen Seite warteten wir gespannt darauf, dass der Bus auch über die Grenze kam. Als er vorfuhr, packten alle ihr Gepäck wieder in den Bus und es ging weiter nach Yining. Auf der Autobahn gab es dann nochmals eine Militärkontrolle. Auch dieser Beamte wollte nur die exotischen Pässe aus der Schweiz sehen, fragte uns kurz, warum wir in China seien und wo wir hin wollten. Danach ging alles ganz flott und mit drei Stunden zusätzlicher Zeitverschiebung – ganz China hat Pekinger Zeit – kamen wir am Abend müde und hungrig in Yining an. Solche Reisetage machten uns immer müde und auch wenn wir die meiste Zeit schliefen, lasen und am Blog schrieben, ist es doch anstrengender als ein vollgepackter Sightseeing-Tag. Wir checkten im Hotel ein und ein erstes Mal kam das Problem auf, dass unser Gegenüber nur Chinesisch sprach und wir halt nicht. Mit der Übersetzungs-App und vielen Gesten und viel Lachen war es aber doch möglich einzuchecken. Als wir das Hotelzimmer bezogen, rieben wir verwundert unsere Augen: Es war mit Abstand das schönste Zimmer, das wir seit Wochen sahen und so sauber, wie es nur ging. Eigentlich wollten wir uns gleich hinlegen, aber unsere knurrenden Bäuche erinnerten uns daran, dass wir heute noch nichts wirklich zu uns genommen hatten. Hungrig machten wir uns nochmals auf, etwas zu essen zu finden. Das Hotel war gleich neben dem Bahnhof und rundherum gab es reichlich Restaurants und Imbisse. Wir entschieden uns für ein Hotpot-Restaurant. Zum Glück war da gerade ein junges Pärchen am Essen und der junge Mann war ganz erpicht darauf, seiner Begleitung zu zeigen, wie gut sein Englisch ist und half uns das erste Mal mit WeChat zu bestellen und zeigte uns, wie der Hotpot-Tisch funktionierte. Wir bestellten ganz viel Gemüse und ein wenig Fleisch, Fleisch hatten wir in den letzten Wochen und speziell in Zentralasien genug – und auch auf die Hühnerfüsse verzichteten wir vorerst. So ging der erste Tag in China zu Ende, wir gingen müde und glücklich schlafen, gespannt, was der nächste Tag in diesem riesigen Land zu bieten hatte.

Weitere Blogposts

0 Comments

Submit a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert