Ausgestattet mit einem klassischen Zugticket, fuhr uns ein Wagen an den Bahnhof in Turkestan. Und ja, die Tickets gab es auch bei uns mal auf festem Papier, etwa 21 cm breit und 10 cm hoch. Da Pascal das Zeitmanagement heute übernahm, waren wir so früh am Bahnhof, dass Eva in dieser Zeit die Stadt nochmals zweimal hätte besichtigen können. Wir warteten also mehr oder weniger geduldig auf den Zug. Und tatsächlich fuhr er pünktlich auf die Minute ein. Die Wagen sahen aus, als wäre der Zug seit 60 Jahren unterwegs gewesen. Das Innere bestätigte unsere Aussenansicht: Der Platzkart-Wagen war holzvertäfelt, die Farbe des Linoleumbodens brannte in den Augen und der Heisswasserkessel wurde noch mit Holzkohle geheizt. Eigentlich hätten wir ein Bett oben und eines unten gehabt, da es aber anscheinend genügend Platz gab, sagte uns der Schaffner, wir könnten beide unteren Betten beziehen. Wir machten es uns gemütlich, lasen, spielten «Strüblins Reiseuno» und sahen am Fenster die Landschaft vorbeiziehen. Als wir am Ende des Wagens den Fahrplan sahen, wurde uns bewusst, dass der Zug vor über zwei Tagen in Moskau gestartet war. Nach dem Stopp in Schymkent, wo kein weiterer Passagier zustieg und wir mit drei anderen Personen alleine im Wagen blieben, machten wir uns langsam bettfertig und liessen uns vom Rattern des Zuges in den Schlaf wiegen.
Am nächsten Morgen waren wir so fit wie noch nie nach einer Nacht im Schlafwagen. Wir warteten, bis wir an der Grenze ankamen, und liessen das ganze Prozedere einmal mehr über uns ergehen. Einer der kirgisischen Beamten war sehr gründlich und wollte das Akkuladegerät für unsere Kamera genau ansehen, wobei es ihm aus der Hand flog, es einmal quer durch den Wagon flog und auf dem Boden landete. Nach diesem Missgeschick waren wir und unser Gepäck plötzlich uninteressant und er marschierte mit strammem Schritt weiter. Wir packten alles auf den Bänken und am Boden wieder in unsere Rucksäcke. Da nur wenige Passagiere an Bord waren, ging die Kontrolle es relativ schnell vorbei. Danach - mit zwei Stempeln mehr im Reisepass – waren wir verwundert, dass schon derart spät gewesen sein soll. Scheinbar verging die Zeit hier wie im Zuge. Erst einige Zeit später wurde uns bewusst, dass Kirgistan in einer anderen Zeitzone ist, als Kasachstan und dies, obwohl Kasachstan im Westen wie auch im Osten «breiter» ist als Kirgistan. Wir wollten uns gerade Instant-Nudelsuppen warm machen – unser präferiertes Mittagessen in Nachtzügen - da kam einer der drei Kirgisen, die mit uns im Wagen reisten, und brachte uns frittierten Teig und zwei Schalen Instant-Nudeln. Sie würden sie nicht mehr brauchen und wir sähen hungrig aus. Wir bedankten uns artig und assen die Suppe und das Brot. Innert weniger Tage war es das zweite Mal, dass wir beschenkt worden waren.
Am Endbahnhof in Bischkek verabschiedeten wir uns von den drei Mitreisenden, zwängten uns durch den Ausgang und lehnten alle Taxiangebote ab. Wir schlenderten die Bahnhofstrasse nordwärts und nachdem wir etwas Bargeld bezogen hatten, tranken wir Kaffee im «Ants Coffee», einem eher teuren, aber sehr gemütlichen Bistro. Mit einer 5-Tage-SIM ausgestattet, orderten wir auf dem Smartphone ein Taxi und liessen uns zu unserem Hostel fahren. Wir wussten schon, dass die Unterkunft nahe dem Osch-Basar und darum nicht in der allerbesten Gegend war. Doch das Hostel war eine der wenigen Budget-Optionen und die Zimmer waren ganz in Ordnung. Wir hatten ein wenig mehr investiert, um ein Studio mit Küche zu haben, das hätten wir aber auch getrost lassen können: Die Küche war durch ihre schlechte Ausstattung unbrauchbar und die zusätzlichen paar Quadratmeter waren mit einem klapprigen Tisch vollgestellt. Will man etwas mehr als nur ein Zimmer in Bischkek, würden wir zu einem Airbnb raten und dieses frühzeitig buchen. Noch am selben Tag fuhren wir mit einem Bus zum nördlich am Stadtrand gelegenen Busbahnhof, um zu sehen, wie wir von Bischkek nach Almaty kommen, da wir verschiedene Angaben online erhielten und uns die Inhaber des Hostels auch nicht wirklich weiterhelfen konnten. Da die grossen Strassen der Stadt derart überfüllt waren, brauchten wir für die Strecke hin und zurück gleich mehrere Stunden. Wir liessen den ereignisreichen Tag in einer Brauerei bei Bier und Pizza ausklingen.
Am Tag darauf stand der Besuch des Ala-Archa-Nationalparks auf dem Plan. Seit kurzem fährt ein Bus direkt von der Stadt zum Eingang. Am frühen Morgen suchten wir den Start der Busstrecke an der Ecke der Razzakov- und Abdumomunov-Strasse, gleich bei der Karl-Marx- und Friedrich-Engels-Statue. Leider ist der Abfahrtsort nicht gut gekennzeichnet. Da der Bus hier wendet, kann man einfach abwarten, bis ein Bus der Linie 1 entgegenkommt. Obwohl wir den zweiten Bus des Tages erwischten, füllte sich dieser rasch und oben angekommen war er gerammelt voll. Am Eingang kauft man sich ein Ticket an einem der Automaten, passiert das Drehkreuz und steigt in einen der wartenden Elektrobusse ein. Diese brachten uns weiter den Berg hoch bis zum eigentlichen Start der Wanderungen. Hier gibt es viele kleine Hütten, die allerlei Snacks verkaufen – vom besten italienischen Cappuccino über Kebabs bis zu Schaschliks. Von hier gibt es unzählige Möglichkeiten, Wanderungen zu starten, zu einem Gletscher oder einem Wasserfall. Wir entschieden uns für den vermeintlich langweiligen Teil: einfach alles dem Bach entlang, bis wir keine Lust mehr verspürten. Wir gingen los und kamen viel weiter, als wir eigentlich dachten. Irgendwann ging der Weg zu Ende und wir erreichten die Gletschermoräne. Von hier aus wäre es nur mit richtiger Ausrüstung und Bergschuhen weitergegangen. Wir stiegen dem Gletscherbach entlang denselben Weg wieder hinunter und wir waren verblüfft, wie weit wir schlussendlich doch gegangen waren. Es war schon am Eindunkeln, als wir wieder im Bus zum Eingang sassen. Es überraschte uns, dass uns zu dieser Tageszeit immer noch viele Personen entgegenkamen, aber scheinbar war der Ala-Archa-Nationalpark auch beliebt, um einfach einen kurzen Spaziergang zu machen oder ein Picknick zu veranstalten. Der Bus zurück nach Bischkek war komplett überfüllt. Wir kamen mit einem Kirgisen ins Gespräch, der regelmässig zum Park kommt, um frische Luft zu atmen, da Bischkek im Winter oft unter Smog leidet. Er gab uns noch viele Tipps für Restaurants und zwei ansässige Touranbieter. Zurück im Hostel machten wir uns die Fertignudeln warm, die übrig hatten, da wir im Zug ja welche geschenkt bekommen hatten.
Am zweiten Tag in Bischkek kurierten wir unsere schweren Beine aus und schlenderten über den Osch-Basar. War der Markt früher noch ein Anziehungspunkt für Taschendiebe, wird er heute von der Polizei streng überwacht. Der Osch-Basar gilt als der typischste zentralasiatische Basar, der noch komplett von der Bevölkerung genutzt wird. Nachdem wir verschiedenste Basare in der ganzen Region besucht hatten, kam uns dieser doch nicht mehr derart einzigartig vor. Trotzdem ist er mit den eng aneinandergereihten Ständen und dem düster wirkenden Innenbereich sicher sehenswert. Für den nächsten Tag buchten wir eine Tour bei kettig.kg, um die Umgebung noch besser kennenzulernen.
Die Tour startete frühmorgens direkt am Bahnhof. Die Mitreisenden waren gemischten Alters und unterschiedlichster Herkunft. Um das Eis zu brechen, spielten wir «zwei Lügen, eine Wahrheit». Das half enorm und wir fanden direkt Anknüpfungspunkte, insbesondere zu einem Schweizer Weltreisenden und einer Deutschen, die von Bischkek aus im Homeoffice arbeitet. Wir hielten als Erstes beim Kok-Moynok-Canyon, der mit seinem knalligen roten Sandstein auch in den USA verortet werden könnte. Als zweites Ziel stand der See Issyk-Kul auf dem Plan. Auf der Fahrt wurde uns von einem einheimischen Mitreisenden selbst hergestellte Pferdewurst angeboten – die beste, die wir in Zentralasien probieren durften. Der Issyk-Kul gilt als zweitgrösster Hochgebirgssee der Welt (nach dem Titicacasee, oder wie im Text erwähnt im Vergleich zum Sewansee). Wir genossen unser Picknick am Ufer und besuchten zum Abschluss ein Thermalbad.
Am letzten Tag in Bischkek erledigten wir administrative Dinge für unseren Grenzübertritt nach China. Wir installierten notwendige Apps und registrierten uns bei der chinesischen Bahn. Zum Abschluss assen wir im «Apamdyn Kattamasy», einem kirgisischen Restaurant, in dem man in Jurten oder auf einem Taptschan sitzt. Das Essen war eines der besten in ganz Zentralasien. Später landeten wir noch zufällig in einer geschlossenen Gesellschaft einer Brauerei, wurden aber trotzdem bedient und kamen mit dem Gründer ins Gespräch. Bischkek hat uns begeistert – die Offenheit der Menschen ist einmalig.

































0 Kommentare