Von Goris aus ging es mit dem Zug nach Tbilisi. Dort stiegen wir nach dem Einkauf von Proviant in den Nachtzug in Richtung Jerewan. Die Tickets für den Zug hatten wir uns schon zuvor in Batumi besorgt, sie kosteten uns rund 39 Franken in Platzkart, der dritten Klasse. Die Zugstrecke war vor einigen Jahren neu ausgeschrieben worden, und die russische Zuggesellschaft JSC hatte den Zuschlag bekommen. So wurde mein Traum wahr, mindestens eine Nacht in einem der berühmt-berüchtigten russischen Züge zu verbringen.
Die Abteile in den ehemaligen Sowjetzügen teilten sich in drei Klassen auf. Spalny Vagon, die erste Klasse, bot Komfort mit zwei Betten pro Abteil und reichlich Raum. Die zweite Klasse, das «Kupe», war das normale Vierbettabteil mit zwei Betten unten und zwei Betten oben. Und dann gab es noch die dritte Klasse, die «Platzkart». Diese verfügte über 54 Betten in einem offenen Wagen. Da die Preise im Vergleich zur zweiten Klasse deutlich niedriger waren, waren diese Plätze mit Abstand am beliebtesten.
Wir stiegen also in Tbilisi in den Nachtzug ein. Nach der Kontrolle des Reisepasses, der im Übrigen meistens als Zugticket galt, konnten wir unsere Betten beziehen. Die Bettwäsche lag bereits auf unseren Sitzen, und da der Zug noch etwa eine Stunde Aufenthalt in Tbilisi hatte, konnten wir in aller Ruhe unsere Betten bereitmachen. Nachdem wir uns in der Dusche in gemütlichere Kleider geworfen hatten, setzte sich der Zug in Bewegung. Wir zogen uns in unsere jeweiligen Betten zurück, hörten Musik, lasen auf unseren E-Book-Readern und versuchten, nachdem das Licht im Zugwagen erloschen war, eine Mütze voll Schlaf zu bekommen.
Nach einer gefühlten Sekunde ging das Licht auch schon wieder an, da wir uns an der georgischen Grenze befanden. Alle Passagiere mussten Wagen für Wagen aussteigen und zu einem der vier Schalter gehen, um einen Ausreisestempel zu bekommen. Das ging erstaunlich schnell und schon bald lagen wir wieder unter der Decke. Etwa eine Stunde später setzte sich der Zug erneut in Gang, aber nur für einige Minuten, denn kurz darauf erreichten wir den armenischen Grenzposten. Hier funktionierte alles etwas anders. Anstatt dass alle Passagiere aussteigen mussten, kamen die Grenzbeamten mit mobilen Reisepasslesegeräten an Bord, scannten die Pässe und verteilten Einreisestempel.
Kaum hatten alle Beamten den Zug verlassen und kehrte wieder Ruhe ein, bestieg zuallerletzt noch die Grenzpolizei den Zug. Sie suchte nach verdächtigen Gegenständen, fragte alle, ob sie etwas zu verzollen hätten, und kontrollierte nochmals die Pässe. Als der für uns zuständige Beamte unseren Pass sah, begann er in fliessendem Französisch zu sprechen. Pascal war noch halb schlaftrunken und derart überrascht, hier auf Französisch angesprochen zu werden, dass er keine passenden Antworten fand. Zum Glück konnte Eva alle wichtigen Fragen mit «Oui», «Non» und «de Bâle» beantworten, worauf der Beamte schmunzelte und weiterzog.
Die restliche Nacht verlief ruhig. Früh am Morgen wurden die ersten Passagiere wach, die teils ausgiebig an Bord frühstückten.
In Jerewan angekommen, besorgten wir uns zuerst eine SIM-Karte und sassen dann, noch immer leicht müde, in ein schönes und unglaublich teures Café gleich bei der niederländischen und belgischen Botschaft. Von dort aus buchten wir über das Internet ein Hotel in der Nähe. Nach dem Check-in und einem kurzen Nickerchen machten wir uns auf, das städtische ÖV-Netz und die Stadt zu erkunden.
Um in Jerewan Busse oder die Metro zu benutzen, brauchte man eine sogenannte Telcell-Karte. Diese konnte man an den Metrostationen an einem Kassenhäuschen kaufen, sie kostete nur wenige Dram. Aufladen konnte man sie an den im ganzen Land verteilten Telcell-Automaten per Kreditkarte, allerdings nur mit einer armenischen Telefonnummer und einer lokalen Kreditkarte. Also blieb uns nichts anderes übrig, als die Karte am Kassenhäuschen aufzuladen. Wir kamen mit einer Karte für zwei Personen aus, auch wenn wir jeweils durch verschiedene Drehkreuze gehen oder in den Bussen an unterschiedlichen Terminals kontaktlos einchecken mussten. Zwar waren sich die Verkäuferinnen an den Verkaufsstellen uneinig, ob das überhaupt erlaubt war, doch die meisten Touristen machten es genauso.
Mit der Metro fuhren wir in den Norden der Stadt, wo wir uns zuerst ein Lahmacun gönnten und ein Tan tranken, das armenische Pendant zum türkischen Ayran. Danach spazierten wir zur Kaskade, deren äussere Treppe einen Hügel hinaufführte, von dem man einen wunderbaren Blick über Jerewan hatte. Die Idee der Anlage stammte aus den 1930er-Jahren und war in den 1960ern vom damaligen Stadtarchitekten wieder aufgegriffen worden. 1971 begann der Bau, doch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 war die Anlage noch immer unvollendet, und die Arbeiten kamen zum Erliegen.
2002 nahm sich der aus New York stammende Armenier Cafesjian des Projekts an und schloss die Bauarbeiten weitgehend bis 2009 ab. Im Innern liess er ein frei zugängliches Museum für zeitgenössische Kunst einrichten. Heute kann man dort Skulpturen bekannter Künstler und Designermöbel sowie wechselnde Kunstausstellungen bewundern. Nur Sonderausstellungen kosten Eintritt. Unten schloss sich an die Kaskade ein Skulpturengarten an, in dem sich Werke von Yue Minjun und Tom Hill befanden. Wir folgten ihm bis an sein Ende, wo er theoretisch in zwei weitere Parks übergehen würde, wäre da nicht eine riesige mehrspurige Kreuzung. Nachdem wir diese lebend überquert hatten, denn Rotlichter schienen eher Empfehlungen zu sein, und die nächsten Parks durchlaufen hatten, endete unser Spaziergang auf dem Vorplatz des Opernhauses. Nur wenige Meter daneben lag der Schwanensee, der allerdings eher einem künstlichen Tümpel glich, als es sein berühmter Name vermuten liess.
Wir folgten weiter den Strassen in Richtung Süden bis zum Platz der Republik. Obwohl wir in vielen Blogbeiträgen und Reiseführern gelesen hatten, dass Jerewan nicht besonders sehenswert sei, gefiel uns die Stadt sehr. Die vielen Cafés mit Aussensitzplätzen erinnerten uns an Bistrots, und auch die Häuser und Strassen der Altstadt hätten genauso aus einer mittelgrossen französischen Stadt stammen können.
Am Abend füllte sich die Stadt mit Menschen, viele wollten das Fussballländerspiel Armenien gegen Portugal sehen und trugen ihre Trikots in den entsprechenden Farben. Wir gesellten uns zu den feiernden Menschen und liessen den Abend gemütlich ausklingen.
Am nächsten Morgen mussten wir früh aus den Federn. Unser Ziel waren die Sehenswürdigkeiten in der Umgebung Jerewans. Wir fuhren mit dem Linienbus in den Nordosten der Stadt, von wo aus das Marschrutka nach Garni fahren sollte. Obwohl in allen Berichten stand, dass das Marschrutka direkt beim Mercedeshändler starte, konnten wir den Abfahrtsort auch mit fremder Hilfe nicht finden. Schliesslich brachte uns eine ältere Frau zum Bus, der (Stand September 2025) neu in der Nähe der Gai-Statue, Ecke Nansen-Boulevard und Gai-Strasse startete.
Inzwischen hatten wir wohl schon ein oder zwei Busse verpasst, die alle halbe Stunde in Richtung Garni aufbrachen. Endlich dort angekommen, gingen wir als Erstes zum Tempel von Garni, der einem griechischen Tempel glich und im dritten Jahrhundert vor Christus als Sommerresidenz der armenischen Könige gedient hatte.
Als die ersten Reisecars und Touristengruppen den Tempel zu überfluten begannen, zogen wir uns zurück und wanderten den Pfad hinunter zur «Symphonie der Steine». Die Garni-Schlucht war von Basaltformationen durchzogen, wobei die am besten erhaltenen gleich am Anfang der Schlucht zu finden waren. Um dorthin zu gelangen, war ein kleiner Eintritt zu bezahlen und man konnte sich auch mit der Bimmelbahn hinunterfahren lassen, was dem Ort allerdings etwas den Naturwunder-Charakter nahm. Trotzdem waren die Gesteinsformationen eindrücklich, wenn man einen Moment ohne Instagram-Fotoshooting erwischte.
Nach gut einer Stunde wanderten wir das Tal wieder hinauf. Wir hatten im Vorfeld gelesen, dass der Besuch des Geghard-Klosters, einer UNESCO-Welterbestätte, nur per Fahrer oder Reisegruppe möglich war, da der Weg dorthin relativ lang war. Also sprachen wir die erste Person an, die wir auf dem Rückweg sahen, vereinbarten einen Preis und liessen uns zum Kloster fahren und zurück zum Marschrutka bringen.
Das Geghard-Kloster bestand aus einer Hauptkirche und einer in den Felsen gehauenen Kapelle mit besonderer Akustik. Ursprünglich war an diesem Ort im dritten Jahrhundert nach Christus eine Kirche über einer heidnischen Stätte erbaut worden, die jedoch im neunten Jahrhundert zerstört wurde. Die heutige Anlage stammte aus dem 13. Jahrhundert und war bis zu einem schweren Erdbeben 1679 bewohnt gewesen. Danach blieb das Kloster bis ins 19. Jahrhundert verlassen, als man es zu touristischen Zwecken restaurierte.
Wie viele der Klöster und Kirchen, die wir in Georgien und Armenien besichtigt hatten, vermittelten die kahlen Steinwände, die vom Russ der Kerzen geschwärzt waren, das Gefühl, in eine andere Zeit versetzt worden zu sein. Das flackernde Licht, die kleinen Luken, die kaum Tageslicht hereinliessen und die Enge der Gänge taten ihr Übriges. Die Kapelle im Felsen war durch einen engen Tunnel zu erreichen und sicher nichts für Klaustrophobiker.
Im Innern war es zunächst fast völlig dunkel, bis Pascal bemerkte, dass er noch seine Sonnenbrille trug. Erst waren nur wenige Besucher dort, dann füllte sich der Raum, und eine Reiseleiterin stellte sich in die Mitte und begann zu singen. Ihre Stimme und die Akustik des kleinen Raumes machten das Erlebnis perfekt. Die Musik hallte von den Wänden wider und es lief uns kalt den Rücken hinunter.
Anschliessend kehrten wir zu unserem Fahrer zurück, um das nächste Maschrutka nach Jerewan zu erwischen. Doch der Tag hielt noch ein weiteres Highlight bereit. Wir hatten Karten für das Ballett in der Staatsoper Armeniens. Also so schnell wie möglich zurück ins Hotel, um uns in die schicksten Kleider zu werfen, die wir dabeihatten, und mit der Metro in die Innenstadt zu fahren. Keine Minute zu früh trafen wir ein und nahmen unsere Plätze ein.
Die Aufführung des «Schwanensees», ein Klassiker nicht nur in den ehemaligen Sowjetstaaten, war wohl speziell für Touristen konzipiert worden. Die Musik kam vom Band und die Inszenierung war sehr traditionell. Dennoch genossen wir es, uns einfach einmal zurückzulehnen, die Musik und den Tanz auf uns wirken zu lassen und den Abend ruhig ausklingen zu lassen. Ein schöner Abschluss für unsere Zeit in Jerewan.
































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