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Gori

5. September 2025

Nachdem wir von Nik eine Horrorgeschichte über die Marschrutkafahrten im Kaukasus gehört hatten, entschieden wir uns, etwas mehr zu investieren und dafür, zum letzten Mal für längere Zeit, mit dem Reisebus weiterzufahren. Der türkische Busanbieter Metro war auch in Georgien aktiv und verband die grösseren Städte und Flughäfen des Landes miteinander. Neben Metro gab es noch Intercity Bus, und es empfahl sich, die Tickets frühzeitig zu buchen. Von Batumi ging es etwa sechs Stunden weiter nach Tbilisi, wo wir in Zukunft noch einige Male landen sollten. Der Busbahnhof Ortachala, von dem alle grösseren und kleineren Busse aus dem Süden oder Westen ankamen, lag denkbar schlecht angebunden etwas ausserhalb der Stadt. Also schulterten wir all unser Gepäck und schlenderten die Strassen Tbilisi entlang. In einem McDonald’s (shame on us) machten wir Halt, und wir waren ehrlich, ein McTasty hatte selten so tasty geschmeckt wie dort.

Kurz nach dem McDonald’s befand sich bereits der Abgang zur U-Bahn-Station, von wo aus wir den Bahnhof von Tbilisi erreichten. Einige Meter davon entfernt gönnten wir uns noch einen Kaffee aus der Kolbenmaschine, bevor wir am späten Nachmittag den Zug in Richtung Gori bestiegen. Der Bahnhof glich eher einem Einkaufszentrum, Hinweise zu abfahrenden Zügen oder Geleisen mussten wir suchen. Zum Glück war immer irgendwo jemand, der so nett war, zwei total verwirrten Schweizern auf die Sprünge zu helfen.

Endlich in Gori angekommen, wollten wir uns noch die Beine vertreten, also gingen wir zu Fuss zu unserem BnB, das doch nochmals einige Kilometer entfernt lag. Kurz im Zimmer frisch gemacht, waren wir auch schon auf dem Weg, das Gori Fort zu besichtigen, das hoch über dem Städtchen lag. Eigentlich hatten wir uns in der Abenddämmerung spektakuläre Ausblicke erhofft, doch das bewahrheitete sich nicht wirklich. Fast schon im Dunkeln suchten wir eine Gaststätte auf, die wir zuvor online gesehen hatten. Jeder Tisch war in diesem Restaurant mit Wänden und einer Schwingtür voneinander getrennt. Wir sassen also in unserem Separee und warteten darauf, unsere Khinkali zu bestellen. Solche Restaurants, in denen einzelne Tische in verschiedenen Räumen separiert waren, trafen wir sowohl in Georgien wie auch in Armenien immer wieder an. Die Khinkali waren in Ordnung, und wir gingen zurück in unser BnB, wo wir nach einem langen Tag tief und fest einschliefen.

Am nächsten Tag stand ein volles Programm auf dem Plan. Eigentlich wollten wir gleich am Morgen ein Ausflugsziel in der Gegend erkunden, doch anscheinend hatten wir den Bus verpasst. Also gingen wir zuerst zur einzigen grossen Sehenswürdigkeit der Stadt, dem Stalinmuseum. Gori war der Geburtsort von Stalin, und nur vier Jahre nach dessen Tod wurde das Museum zu seinen Ehren eröffnet. Seit der Unabhängigkeit Georgiens wurden immer wieder Anläufe unternommen, das Museum umzuwidmen, doch auch aus der lokalen Bevölkerung kam Widerstand dagegen.

Wir wollten uns ein eigenes Bild des Museums machen und betraten kurz nach der Öffnung den Eingangsbereich. Im Erdgeschoss gab es neben dem Kassenhäuschen auch einen Ausstellungsraum, der sich den Gräueltaten Stalins an der sowjetischen Bevölkerung widmete. Aufhänger dabei war eine Familie aus Georgien, deren Vater in Verdacht geraten und ins Gulag verfrachtet worden war. Anhand dieses Beispiels wurden die Terrorherrschaft, die Repression und die Greueltaten unter Stalin thematisiert. Der Raum wirkte jedoch im Vergleich zum ganzen Museum klein und unscheinbar, im Gegensatz zur riesigen Ausstellung im oberen Bereich, die Stalins Leben von Geburt an beleuchtete. Dort wurde gezeigt, wie er über die orthodoxe Schulzeit in marxistische Kreise geraten und schliesslich Teil der russischen Revolution geworden war. Den Grossteil der Ausstellung widmete man jedoch seiner Entwicklung und der Industrialisierung der Sowjetunion sowie seiner Darstellung als Feldherr, der den Zweiten Weltkrieg praktisch im Alleingang gewann. Das Lend-Lease-Programm oder die Millionen Soldaten, die die UdSSR im Krieg verlor, wurden in der Ausstellung nicht erwähnt. Den Abschluss bildete ein merkwürdiger Raum mit einer Sammlung chinesischer Geschenke an Stalin, die die enge Verbindung zwischen Stalin und dem maoistischen China illustrieren sollten.

Im Aussenbereich des Museums stand Stalins gepanzerter Eisenbahnwagen, mit dem er für alle wichtigen Besuche unterwegs gewesen war, da Stalin nicht flog. Der Wagen umfasste ein Schlafzimmer, ein Badezimmer und ein Büro und soll mit seiner Panzerung rund 60 Tonnen schwer gewesen sein. Normalerweise war er für Museumsbesucher geöffnet, doch als wir dort waren, konnten wir ihn leider nicht betreten. Alles in allem mussten wir zugeben, dass die Aussage der Ausstellung bedenklich war. Eine Neuausrichtung mit einer kritischeren Auseinandersetzung dieser Zeit und der Person würde dem Museum guttun.

Nach dem Besuch der Ausstellung holten wir uns in einer Bäckerei ein Shoti und assen es als Mittagessen. Dieses in Georgien typische, längliche Brot wurde in speziellen Tonöfen gebacken, die in den Boden eingelassen waren. Dafür klebte man es an die Innenwand des Ofens und holte es am Ende der Backzeit mit einer Zange wieder heraus. Das Brot war dünn, sehr knusprig, salzig und unglaublich gut.

Mit dem Brot im Magen und neuem Mut fragten wir zwei Personen, die in der Nähe des Museums auf den Bus warteten, nach dem Weg nach Uplisziche. Dort gab es eine Ausgrabungsstätte einer Höhlenstadt aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus, die einst eine wichtige Handelsstation auf der Seidenstrasse gewesen war. Da wir keinen privaten Fahrer engagieren wollten, gestaltete sich die Anfahrt etwas kompliziert. Zum Glück wurde uns geholfen. Zuerst fuhren wir mit dem lokalen Bus einige Stationen in eine Richtung, und dort kam schon das Marschrutka entgegen, das unsere Helfer für uns anhielten. Sie wechselten ein paar Worte mit dem Fahrer, damit wir einsteigen konnten. Platz hatte es kaum mehr, und wir mussten die Fahrt über im Gang stehen. Zum Glück dauerte sie nur etwa fünfzehn Minuten. Von einer unscheinbaren Ecke, an der der Minibus hielt, ging es dann nochmals rund zwanzig Minuten zu Fuss bis zur Ausgrabungsstätte. Der Eingang passte so gar nicht zur Umgebung, ein moderner Bau mit angrenzendem Museum. Auf dem dazugehörigen Parkplatz, einer sandigen Fläche vor dem Eingang, standen bereits dutzende Reisecars. Beim Eingang konnte man Tickets mit oder ohne Weinverkostung der lokalen Kellerei kaufen. Immerhin entschieden wir und das andere Paar aus der Romandie, das im selben Marschrutka gesessen hatte, uns für die Variante mit Weinverkostung.

Das Museum bestand aus einem kleinen Ausstellungsraum mit Fundstücken und Dokumentationen zur Geschichte der Ausgrabung. Besonders interessant für uns war, dass der Schweizer Frédéric Dubois de Montpereux in den 1830er-Jahren erstmals die Höhlenstadt wissenschaftlich untersucht und Skizzen angefertigt hatte. Die Höhlenstadt selbst bestand aus mehreren Wohnhöhlen, einem Tunnel, der heute als Aufstieg und Zugang diente, damals jedoch der Abfluss der Kanalisation gewesen war, sowie einem grossen Saal. Ganz oben thronte eine Kirche aus dem zehnten Jahrhundert, die etwas fehl am Platz wirkte. Am Ende des Rundgangs stand die Weinverkostung an, die man sich allerdings hätte sparen können. Die unmotivierte Mitarbeiterin führte lustlos durch die einzelnen Proben, die kaum den Boden der Plastikbecher bedeckten, in die der Wein hineinpipettiert wurde. Die dazugehörigen Snacks waren kaum der Rede wert, und hatte man Fragen zu einem Wein, konnte die Person nur das wiedergeben, was sie offenbar auswendig gelernt hatte.

Zurück ging es wieder mit dem Maschrutka, diesmal erstaunlich leer, in die Stadt, wo wir nochmals den Haushügel mit dem Fort erklommen, um uns zu vergewissern, ob der Ausblick bei Tag toller wäre. Wir können nun getrost sagen, dass der beste Ausblick von unten auf die Burg ist und nicht von oben. Später gingen wir uns kurz im BnB frisch machen, bevor wir einen Ort suchten, an dem wir das Spiel Georgien gegen die Türkei schauen konnten. Da die Stadt überschaubar war, machten wir uns keine grossen Hoffnungen, und tatsächlich wurden wir nicht fündig. Also beschlossen wir, uns ein Schawarma beim laut Google Maps besten Stand der Stadt zu holen. Auf dem Weg dorthin hörten wir plötzlich lautes Gemurmel und Jubelrufe. In einem kleinen Park sahen wir eine Grossleinwand, vor der Hunderte Georgier jeden Alters das Spiel verfolgten. Gleich dahinter befand sich der Schawarmastand, den wir angesteuert hatten, und laut dem Besitzer werde dieser täglich von mehreren Schweizern besucht. Heute habe er nur sechs Bestellungen von Schweizern gehabt, sonst seien es deutlich mehr. Sobald wir unser Schawarma hatten, sprinteten wir zurück zum Public Viewing, um die zweite Halbzeit mit den Fans zu schauen. Das Spiel endete für die Georgier 3:1, doch der Stimmung tat das keinen Abbruch. Bei jedem Angriff jubelte die Menge, und beim Anschlusstor flogen die Biere durch die Luft, die eigentlich in der Öffentlichkeit nicht getrunken werden dürfen. Danke für den versöhnlichen Abschluss, Gori. Das Stalinmuseum hinterliess bei uns ein merkwürdiges Gefühl. Die Stadt bot nicht viel, aber irgendwie musste man sie doch besucht haben.

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