Reading Progress:

Batumi

3. September 2025

Der Bus von Trabzon nach Batumi fuhr schon um 7:30 Uhr am Morgen. Langsam gewöhnten wir uns daran und das Rucksackpacken, frisch machen und ein letzter Blick zurück, um sicherzugehen, nichts vergessen zu haben, schafften wir nun in etwa dreissig Minuten. Da der Busbahnhof im Süden und damit alles bergauf lag, hielten wir ein Taxi an und waren schon kurze Zeit später dort. Der Busbahnhof in Trabzon war noch so neu, dass einige der Sitze im Wartebereich sogar noch in Plastikfolie eingewickelt und damit nicht für die Allgemeinheit freigegeben waren. Schnell holten wir uns zwei Simit am Stand als Morgenessen und beruhigten den zuständigen Ticketverkäufer, der sichtlich nervös war, dass zwei Touristen in seinem Bereich warteten.

Der Bus nach Batumi war nicht allzu voll und wir konnten uns die Sitze selbst aussuchen, auch weil jemand quer über unserer Bank lag und tief und fest schlief. Langsam rollte der Bus in Richtung georgische Grenze und überholte die lange Schlange wartender Autos gekonnt rechts auf der eigens dafür vorgesehenen Reisebusspur. Der Grenzübergang Sarpi in der Türkei nach Sarp in Georgien lag direkt an der Küste und war ein riesiger Betonkomplex, den täglich unglaublich viele Menschen passierten. Trotzdem war es dem Grenzbeamten nicht ganz geheuer, dass wir mit unserer Identitätskarte ausreisen wollten und er verlangte nach unserem Reisepass. So geschah, was wir eigentlich vermeiden wollten: ein türkischer Stempel im Reisepass. Es gibt einige Länder, bei deren Visaanträgen dies problematisch sein kann. Nachdem wir auch den georgischen Zoll passiert hatten, verliessen wir das Gebäude auf der anderen Seite und warteten darauf, dass der Bus ebenfalls die Grenze passieren durfte.

In der Zwischenzeit kamen wir mit einem deutschen Pärchen ins Gespräch, das von Istanbul bis nach Tiflis reiste und auf dem Weg an allen möglichen Stationen Fussballspiele besuchte. Darunter waren ein, zwei Matches von unterklassigen Istanbuler Vereinen, Samsun und Batumi und auf ihrem Plan standen auch noch Gori und Jerewan. Wir waren sehr beeindruckt von ihrem Reiseplan und ihrem enormen Fussballwissen und verquatschten schnell die Zeit, bis der Bus wieder einsatzbereit war.

Als wir Batumi erreichten und unsere grossen Backpacks schultern mussten, verabredeten wir mit Paula und Nik, dass wir sie am Abend beim Fussballspiel begleiten würden. Inzwischen war es erst kurz nach Mittag. Wir suchten einen Bankomaten auf, um genügend Bargeld abzuheben, damit wir die Wohnung zahlen konnten, trafen unseren Host und richteten uns gemütlich ein. Unsere Unterkunft lag etwa zehn Gehminuten vom Stadion entfernt, wo sich auch ein grosser Carrefour befand. Dort erledigten wir einen Grosseinkauf für die nächsten Tage: Wasser, Teigwaren, Essig und Öl. Leider reichte es noch nicht, um eine SIM-Karte zu besorgen und mit Paula und Nik im Austausch zu bleiben.

Am Abend gingen wir zur Adjarabet-Arena, einer topmodernen Fussballarena mit etwa 20’000 Plätzen, in der der FC Dinamo Batumi seine Heimspiele austrägt. Nik hatte schnell Karten für die Haupttribüne organisiert und wir verfolgten zu viert das Spiel. Das Stadion war nur zu einem Zehntel gefüllt und die meisten Menschen um uns herum waren ebenfalls Touristen aus aller Welt. Schon in der ersten Minute ging Batumi in Führung und wir dachten, es würde ein einseitiges Spiel werden. Doch nach und nach fanden die Gäste besser ins Spiel und konnten nach einem Doppelschlag in der 35. und 39. Minute noch vor der Pause die Führung übernehmen. Auch in Georgien griff der VAR gelegentlich in die Entscheidungen des Schiedsrichters ein, sodass alle Zuschauer nach einem Tor warten mussten, ob es tatsächlich gegeben wurde. Über dem Stadion ragten Wolkenkratzer in die Höhe, die in der Nacht in allen Farben leuchteten. Während des Spiels drehten sich unsere Gespräche mehr um ihre Fussballreisen, das unglaublich günstige Bier im Stadion, ihre Zukunftspläne rund um Studium und Promotion und unsere eigene Weltreise. Das Spiel endete 2:2 und wir verliessen müde und vergnügt das Stadion. Schon am nächsten Morgen machten sich Paula und Nik weiter auf den Weg nach Gori, während wir planten, in der Küstenstadt noch einige Tage zu bleiben, um die letzten Wochen zu verarbeiten, administrative Dinge zu erledigen und endlich unseren Blog online zu bringen – was gründlich schiefging.

Wir wussten schon von Freunden, die Georgien bereist hatten, dass Batumi nicht das echte Georgien widerspiegelte, trotzdem fanden wir Gefallen an der Stadt. Die Stadt am Schwarzen Meer, mit ihren skurrilen modernen Bauten und der mondän aufpolierten Altstadt, in der sich geschäftige Anzugträger, Diplomaten und Studenten tummelten, war in ihrer Absonderlichkeit so eigen, dass sie uns in ihren Bann zog. Dass wir gleich mehrere Tage blieben, lag aber weniger an der Stadt als an der Tatsache, dass wir einiges aufzuarbeiten hatten.

Die Skyline im Westen nahe des Stadions wurde von drei fertigen und einem im Bau befindlichen Orbi-Tower geprägt, die Mini-Apartments, Büros und ein Hotel beherbergten. Zunächst wollten wir auch in einem Orbi-Tower unterkommen, bis wir merkten, dass das Angebot, das uns gefiel, ein Betrug war. Der vermeintliche Host wollte, dass wir die Summe im Voraus auf ein georgisches Konto überwiesen. So suchten wir eine andere, ebenfalls zentrale Unterkunft. Von den Orbi-Tower führte eine breite Uferpromenade am steinigen Strand entlang bis zur Altstadt, die am östlichen Ende der Stadt an den Containerhafen grenzte. Danach folgten die runden Courtyard-Tower, diverse Casinos und Hotels, deren Erwähnung sich erübrigt.

Der Batumi-Boulevard, wie die Uferpromenade genannt wird, beherbergte verschiedenste Attraktionen: künstlich angelegte Teiche, Springbrunnen, Parks mit Bambuswäldern und leider – dem Tierwohl zum Trotz – auch ein Delfinarium. Am Ende des Boulevards standen zwei besondere Bauten: der Batumi-Tower, in dem auch die technische Hochschule untergebracht ist und an dessen Spitze ein goldenes Riesenrad angebracht ist und das Radisson Blu Hotel, das gleich davor liegt und je nach Blickwinkel wie ein Stück gefaltetes Papier wirkt. Leider war es schwierig, ein Foto zu machen, das diesen Eindruck einfing. Ebenfalls am Ende des Boulevards befand sich ein Kunstwerk mit zwei acht Meter hohen Statuen, die aufeinander zuliefen und eine tragische Liebesgeschichte aus dem Ersten Weltkrieg zwischen einer christlichen Georgierin und einem muslimischen Aserbaidschaner erzählten.

Die Altstadt rund um den Europaplatz war bis ins letzte Detail herausgeputzt. Einige Häuser waren restauriert, andere elegant mit modernen Elementen erweitert. Die Restaurants in diesem Viertel waren ganz auf ausländische Touristen und zahlungskräftige Kundschaft ausgelegt. Die Preise lagen deutlich über denen nur wenige Strassen weiter ausserhalb des Zentrums.

Die schmucken Hochhäuser an der Uferpromenade, bei deren Planung die Architekten offenbar sehr freie Fantasie walten liessen, standen im krassen Gegensatz zu den Bauten nur eine Parallelstrasse dahinter. Auch dort gab es Hochhäuser, die nachts mit LED-Streifen bunt leuchteten, am Tag aber als graue Betonklötze trist wirkten. Viele Plattenbauten und Wellblechhäuser prägten das Viertel Chaobi, in dem wir unsere Wohnung hatten und nachts war es durchaus unangenehm, abseits der grossen Strassen nach Hause zu gehen.

In Batumi genossen wir es, wieder eine eigene Wohnung mit Küche zu haben. Endlich kochten wir uns einmal Spaghetti und einmal auch Pelmeni. Natürlich wagten wir auch unsere ersten Schritte in die georgische Küche. In der Brauerei Kaseli probierten wir Khinkali – Teigtaschen, gefüllt mit Hackfleisch, Pilzen, Käse oder Kartoffeln, die in Brühe gekocht werden und unglaublich gut schmecken. Oft werden sie in grossen Mengen gegessen und gehören in Restaurants zu den günstigsten Speisen. Ausserdem versuchten wir Chashushuli, ein gulaschähnliches Gericht und Phkali, eine Walnusspaste, die mit verschiedenem Gemüse wie Spinat, Roter Bete oder Aubergine zu Brotaufstrichen verarbeitet wird. Alles schmeckte ausgezeichnet, doch am meisten überraschte uns eine Bäckerei in der Javakhishvili-Strasse nahe unserer Wohnung. Schon am ersten Tag zeigten wir dort aus Sprachproblemen auf zwei Gebäcke. Das eine war mit Hackfleisch gefüllt, das stark an chinesische Dumplings erinnerte, das andere mit einer curryartigen Paste, die so aromatisch war, dass wir uns kurzzeitig nach Sri Lanka versetzt fühlten. Es wurde zu einer ungesunden Gewohnheit, jedes Mal, wenn wir an der Bäckerei vorbeikamen, eine neue Speise auszuprobieren. Wir wurden nie enttäuscht und bekamen nie zweimal das gleiche Gebäck. Wie sie hiessen, falls sie Namen hatten, konnten wir jedoch nicht herausfinden.

Neben all den Leckereien entdeckten wir in Batumi auch gelbe Tanks, an denen die Menschen becher- oder flaschenweise ein braunes Getränk kauften. Nach einiger Recherche fanden wir heraus, dass es sich um Kwass handelte – ein Getränk, das vor allem im slawischen Raum bekannt ist und aus der Gärung von in Wasser eingelegtem Brot entsteht. Der süsslich-säuerliche Saft mit leichter Kohlensäure war ein wirklich feines Sommergetränk.

Wenn wir uns nicht gerade die Bäuche vollschlugen, arbeiteten wir fleissig an unseren Bildern, am Design des Blogs und an den ersten Beiträgen. Am späten Nachmittag gingen wir jeweils an den Strand, um nach der Mittagshitze und dem Trubel die Ruhe zu geniessen und den Sonnenuntergang zu beobachten.

Langsam gingen die vollgepackten fünf Tage in Batumi zu Ende, doch hielten sie noch eine Überraschung bereit: Pascal erhielt die Nachricht, dass er seine Zertifikatsarbeit bestanden und damit den CAS erfolgreich abgeschlossen hatte. Mit einem guten Glas georgischen Wein und einem schönen Essen in der Innenstadt beendeten wir unsere erste Station in Georgien.

Batumi war mit Sicherheit nicht repräsentativ für Georgien. Im Gespräch mit anderen Reisenden hörten wir immer wieder die unterschwellige Abneigung gegen die Stadt, die angeblich von Russen überschwemmt sei. Wir konnten diese Abneigung durchaus nachvollziehen. Überall wurden neue Häuser gebaut, die gezielt wohlhabende Investoren anlocken sollten, die am Besten ihr Geld gleich in den zahlreichen Casinos liegen lassen sollen. Mit der chaotischen oder fehlenden Stadtentwicklung ging auch die Identität des ursprünglichen Küstenorts verloren und die Durchschnittsbevölkerung schien nur am Rande davon zu profitieren.

Weitere Blogposts

0 Comments

Submit a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert