Weiter mit dem Bus. Von Plovdiv nach Istanbul wären es nur circa fünf Fahrstunden gewesen, wäre da nicht der tü(r)kische Zoll. Die Ausreise war wie bisher kein Problem, auch die Einreise mit der Schweizer Identitätskarte schien beim Zöllner nur ein Schulterzucken hervorzurufen. «Alles Gepäck ausladen» war die Devise, denn dieses wurde wie immer am türkischen Zoll durchleuchtet. Da andere Reisende wohl interessanter waren, dauerte das Ganze bei uns nur Sekunden. Ich weiss nicht, ob ich zuvor schon einmal derart schnell in ein Land eingereist war (natürlich mit Ausnahme der Schengenländer).
Doch es wäre nicht spannend gewesen, wenn nicht noch etwas passiert wäre. Kaum war der letzte Passagier durch den Zoll durchgelotst worden, alle wieder im Bus und bereit zur Weiterfahrt, erfuhren wir, dass irgendwelche Probleme aufgetaucht seien. Welche genau, konnten wir nicht verstehen, aber es ging gar nichts mehr. Keine Autos, keine Busse, nicht einmal Fussgänger konnten die Grenze passieren. Eva konnte mit ihrer Gabe, Erkenntnisse aus dem Zusammenhang zu schliessen und dank einiger Gesprächsfetzen zwischen dem Busfahrer und einer wirklich nervigen Mitreisenden herausfiltern, dass das Computersystem des türkischen Zolls komplett ausgefallen war und darum niemand mehr in die Türkei einreisen konnte.
Wir warteten volle zwei Stunden vor den Schranken, bis endlich die ersten Autos wieder zu rollen begannen. Es gab ein veritables Rennen darum, wer als Erster die Zollschranke erreichte und wir kamen langsam, aber sicher in der Türkei an.
Viel später als gedacht und sehr müde erreichten wir den Esenler-Busbahnhof ausserhalb von Istanbul. Von unserer letzten Reise kannten wir den riesigen Bahnhof bereits: mehrstöckig, mit Essensständen und Restaurants in der Mitte. Die U-Bahn-Station, die wir suchten, war immer noch genauso schlecht ausgeschildert und trotzdem ging es plötzlich schnell. Mit dem Handy am Durchgang eingecheckt, auf die Metro und ab in Richtung Fatih. Das Hotel lag im Süden von Fatih, im Kumkapi-Distrikt. Das hiess: von der Metrostation vollbepackt nochmals rund eine halbe Stunde laufen. Die Trams, die wir hätten nehmen können, waren schon komplett überfüllt, weshalb wir es vorzogen, zu Fuss zu gehen.
Da wir Istanbul schon kannten und die Hotelpreise relativ hoch waren, hatten wir nur zwei volle Tage eingeplant. Rückblickend war das dennoch zu kurz, obwohl sich die 16-Millionen-Stadt wohl auch mit mehr Tagen nie ganz entdecken lässt. In den zwei Tagen, die wir hatten, versuchten wir dennoch, so viel wie möglich zu erleben.
Wir schlenderten durch das geschäftige Viertel Eminönü, mit seinen Gassen, in denen man von Tinkturen über Ledertaschen und moderne Kleidung bis hin zu Schmuck alles bekommt, was das Herz begehrt. Wir erreichten rasch die Süleymaniye-Moschee, die wir zwar schon einmal besucht hatten, deren Terrasse aber einen wunderschönen Ausblick über das Goldene Horn auf das touristische Beyoğlu-Viertel bot. Nachdem wir den Ägyptischen Bazar durchquert hatten, gelangten wir an die Ufer des Goldenen Horns und setzten mit der Fähre nach Karaköy über.
Gleich am Fischmarkt, direkt beim Anleger, genehmigten wir uns ein Fisch-Wrap und einige frittierte Sardellen, bevor wir durch Beyoğlu schlenderten. Beim Hostel LeBanc im Herzen des Viertels genossen wir einen Kaffee im dazugehörigen Bistro, um dem ständigen Trubel für einen Moment zu entkommen. Kevin hatte uns das Hostel wärmstens empfohlen, doch es war zur Reisezeit fast komplett ausgebucht, weshalb wir uns für eine andere Unterkunft entscheiden mussten.
Weiter ging es durch die grosse Einkaufsmeile «Istiklal Caddesi», wo alle grossen Marken dieser Welt vertreten sind und Eisverkäufer mit verdutzten Touristen ihre Spielchen treiben, bis zum Taksim-Platz. Da es bereits eindunkelte, beschlossen wir, gleich in der Nähe zu Abend zu essen, in einem Lokal, das uns Berfin empfohlen hatte. Im Bilice Kebab bekommt man alles vom Schaf, jeweils garniert mit einer riesigen Meze-Platte, die gleichzeitig als Teller dient. Es war unglaublich gut und ein toller Abschluss unseres ersten Tages in Istanbul.
Am zweiten Tag besuchten wir den Platz bei der Ayasofya und der Blauen Moschee. Aufgrund der Menschenmassen blieben wir jedoch nur kurz und setzten mit der Fähre über den Bosporus nach Kadıköy, den asiatischen Teil Istanbuls. Von dort aus erkundeten wir das Viertel, das sich seit unserem letzten Besuch vor acht Jahren enorm entwickelt hatte. Die basarartigen Verkaufsstände, die einst die Gassen säumten und Gemüse, Gewürze und allerlei Kleinigkeiten verkauften, waren schicken Restaurants, Fast-Food-Läden und Pubs gewichen, die ihr Bier zur Happy Hour günstig anboten.
Nach einem Lahmacun und einem Pide in einem der Lokale nahmen wir die nächste Fähre den Bosporus hinauf in Richtung Norden bis Ortaköy und spazierten von dort südwärts am Ufer entlang bis nach Beşiktaş. In Beşiktaş entsteht am Ufer gerade ein grosser Universitätscampus. Die Cafés und Bars sind voller Studierender, die planen, lesen und lernen. Das Viertel ist ansonsten dicht mit Restaurants und Bars bestückt, die von Touristen und Einheimischen gleichermassen gut besucht sind.
Von dort ging es viel zu spät mit dem Taxi nach Hause, nachdem wir vergeblich lange auf einen Platz in einem Bus gewartet hatten.
Istanbul und den Bosporus zu erreichen, war für uns nicht nur eine Durchgangsstation. Bis hierhin waren wir schon einmal über Land gereist, nun begann das Unbekannte. Den Bosporus zu überqueren, beziehungsweise am Tag der Abreise mit der Metro unter ihm hindurchzufahren, war eine Erleichterung. Eine Erleichterung zu wissen, dass wir es bis hierhin geschafft hatten.
















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