Dem ersten Stopp in Kambodscha geht wohl der in Südostasien sagenumwobenste Grenzübergang voraus. Wir lasen die Einträge in unseren Reiseführern, in den entsprechenden Internetforen und überall wurde entweder davor gewarnt, dass ein Bestechungsgeld gefordert wird, das aber um Himmels willen nicht bezahlt werden sollte, oder aber, dass eine kleine Gebühr in der Hinterhand das ganze Prozedere enorm beschleunigen würde. Alle waren sich in einem Punkt einig: Fährt man mit der Busgesellschaft VET, wird man bevorzugt behandelt und die Angestellten würden sich um einen kümmern, damit der Grenzübergang zügig vonstatten geht. Da wir schon gute Erfahrungen mit der Busgesellschaft von Pakse nach Don Det gemacht hatten und der Preis für die Strecke nur einen Dollar teurer war, nahmen wir auch für diese Strecke den besagten Bus.
Um 10:15 brachte uns das Boot ans Festland, und dort war der Bus dann doch etwa eine Stunde zu spät, aber er kam. An der Grenze verlief für alle Kunden von VET die Abwicklung wirklich schnörkellos. Dass wir bei der Ausreise etwa zwei Franken Busse bezahlen mussten, weil wir das Ein-/Ausreiseformular nicht mehr hatten, war unser eigenes Verschulden. Auf der Seite Kambodschas ging alles genauso flüssig: Unsere Pässe wurden eingesammelt und nach Bezahlen der Visumgebühr von 32 Dollar wurden unsere Visa erstellt und eingeklebt. Auch hier hörten wir Geschichten, dass nur perfekte Dollarnoten akzeptiert würden und genau wie alle anderen ausländischen Reisenden hatten wir akzeptable Noten extra in einem Kartonbriefumschlag, damit sie sich garantiert nicht knicken auf der Reise. Auch hier schien es den Beamten nicht wirklich zu stören, falls die Noten nicht perfekt waren.
Auf der anderen Seite der Grenze wartete auch schon unser Bus mit dem Gepäck an Bord und es sind wirklich nicht nur Touristen, die den wirklich angenehmen Service von VET gerne beanspruchen, sondern auch ganz viele Einheimische. In Stung Treng, dem ersten Ort nach der Grenze, wurden die Reisenden aufgeteilt in diejenigen, die Richtung Siem Reap und jene, die nach Phnom Penh weiterreisen würden. Wir kamen in einen ganz tollen Bus mit noch mehr Beinfreiheit, es wurde uns Essen an den Platz serviert, und wir kamen etwa zwei Stunden später in Kratie an.
Wir bezogen unser Gasthaus direkt am Mekong und gingen an der Uferpromenade entlang und genossen die Stimmung. Hier wurde zur Musik Aerobic-Übungen gemacht, manche joggten an uns vorbei, und viele sassen in den Restaurants und Imbissen in der Nähe und assen ihr Abendbrot. Noch vor 20 Jahren wäre wohl kaum jemand an diesem Ort hängengeblieben, die meisten Reisenden fuhren nach der Grenze direkt in die grösseren Städte weiter. Seit jedoch in allen anderen Ländern der Mekong-Flussdelfin ausgestorben ist, hat sich ein kleiner, aber stetig steigender Touristenstrom eingestellt. Auch wir haben direkt beim Gasthaus für den nächsten Tag eine Kanu-/Kajaktour gebucht in der Hoffnung, die seltenen und scheuen Tiere zu sichten.
Seit Jahren engagiert sich hier in Kratie der WWF, um die Flussdelfine vor ihrem kompletten Aussterben zu retten. Ursprünglich waren sie in allen fünf Ländern, durch die der Mekong fliesst, heimisch. 2022 starb das letzte Tier auf laotischer Seite, in Kambodscha kann der WWF aber seit einigen Jahren schöne Erfolge feiern. 2013 war die Population auf etwa 70 Tiere geschrumpft. Durch enorme Eingriffe in die Fischerei, Schifffahrtswege und künstliche Separierung einzelner Gruppen konnte die Population auf heute 113 Tiere hochgeschraubt werden. Dabei spielt auch der Tourismus eine wichtige Rolle. Da durch Fischereiverbote viele Menschen vor dem existenziellen Aus standen, versucht Kambodscha zusammen mit dem WWF einen für alle Interessen verträglichen Tourismus aufzubauen und den ehemaligen Fischern als Tourguides oder Angestellten in Lodges und Gasthäusern ein existenzsicherndes Einkommen zu ermöglichen.
Wir schlossen uns am nächsten Tag einem weiteren Pärchen an, das dieselbe Tour gebucht hatte. Erst ging es auf der Ladefläche eines Pickup-Trucks dem Mekong einige Kilometer bergauf, bevor wir die Kajaks zu Wasser liessen und es losging, einmal quer über den Mekong. Trotz seines tiefen Wasserstands und wenig Strömung war das Überqueren von Hand in einem Kajak recht kräftezehrend. Danach liessen wir uns mit der Strömung treiben und Ben, unser Tourguide, erzählte uns etwas über den Mekong und die Tiere, die hier leben. Immer wieder kamen wir an aufgetürmten Backsteinen vorbei, 160 Jahre alte Verbauungen, die bei Trockenzeit die Wasserfahrrinne vorgeben, also den Wasserweg, der tief genug war, um auch während wenig Wasser sicher durch den Mekong zu navigieren.
Nach etwa der Hälfte der Zeit machten wir Halt auf einer Sandbank, badeten und assen Bananen und «Sticky Rice». Mit George und Mathilde – dem anderen Pärchen – verstanden wir uns von Anfang an super und wir tauschten Erfahrungen aus, die wir auf der Reise gesammelt hatten und gaben uns Tipps für Touren und Übernachtungsmöglichkeiten. Wieder im Kajak fuhren wir durch den versunkenen Wald, der nur bei Trockenzeit aus dem Wasser ragt, jetzt aber für uns durchaus gefährlich werden konnte, da viele Wurzeln und Steine unbemerkt unter dem Wasser lauerten. Ben führte uns aber gekonnt durch den fast schon magisch anmutenden Wald mitten im Wasser.
Dann war es endlich soweit: Wir waren auf Höhe von Kampi, dem Ort, wo die Wahrscheinlichkeit, Flussdelfine zu sehen, am höchsten ist. Wir paddelten in die Mitte des Flusses, mussten immer wieder Kraft aufwenden, um das Kajak an der Stelle zu halten. Und irgendwann sahen wir sie: Immer wieder tauchten sie auf und ab in der Ferne, aber bald kamen sie uns auch ganz nah, interessiert, wer sich heute in ihr Revier wagt. Wir sahen zwei oder drei Schulen, jeweils mit vier oder fünf Tieren. Es war wunderbar, auf dem Mekong zu treiben und die Tiere zu beobachten, nur von einem wackeligen Kajak aus. Wir hätten nie gedacht, dass wir sie so nah und so oft zu Gesicht bekommen würden.
Nach der Tour ging es zurück zum Gasthaus und wir schauten uns zusammen mit George und Mathilde noch den Sonnenuntergang an der Uferpromenade an. Wir hatten uns enorm viel zu erzählen, es war, als hätten wir alte Freunde nach langer Zeit wiedergesehen. Nach dem gemeinsamen Nachtessen gingen wir ins Bett. Wir wussten noch nicht, wohin uns der nächste Tag bringen würde und die anderen zwei nahmen den gleichen Weg in umgekehrter Richtung auf sich: über die laotische Grenze nach Don Det.















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