Das Zimmer, das wir bezogen, war grossartig: riesige Panoramafenster mit direktem Blick auf die Reisterrassen und ein schönes Badezimmer mit heissem Wasser, was bei diesen Temperaturen Gold wert war. Das Zimmer selbst war nicht beheizt, aber immerhin verfügte das Bett über einen beheizbaren Topper, der uns nachts Wärme spenden sollte. Wir gingen nochmals nach draussen, um oben an der Hauptstrasse etwas Kleines zu essen. Leider war es auch im Restaurant bitterkalt und auch wenn das Essen heiss serviert wurde, war es nach einigen Minuten wieder abgekühlt. Trotzdem fiel uns sofort der aromatische rote Reis auf, der hier in Yuanyang angebaut wird und eine lokale Spezialität darstellt. Eine unruhige Nacht folgte, da die Heizdecke den Geist aufgab und wir schlotternd im Bett auf den nächsten Morgen warteten. Wir hatten uns extra um 6:00 Uhr einen Wecker gestellt, um bei Sonnenaufgang das Highlight der Region zu betrachten: Die gefluteten Reisterrassen von Yuanyang sind tatsächlich immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe und wahrlich ein schöner Anblick, wenn die ersten Sonnenstrahlen auf das Wasser treffen und sich darin spiegeln. Kurz darauf gab es dann auch das rettende Frühstück: Eine Nudelsuppe, die uns stark an das vietnamesische Pho erinnerte, gab uns ein bisschen Wärme zurück. In der Zwischenzeit wurde es durch die aufgehende Sonne auch in unserem Zimmer wärmer und wir zogen uns nochmals zurück, um ein bisschen Schlaf nachzuholen.
Für einmal waren wir nicht mit dem Zug, sondern mit dem Bus unterwegs. Relativ knapp kamen wir am Busbahnhof an; es reichte nicht einmal mehr, um einen Kaffee zu kaufen und schon ging es los. Wieder einmal war der kaputteste und älteste Bus derjenige, in den wir einsteigen sollten. Sei’s drum, dort, wo wir nun hinfuhren, gab es ohnehin nicht viel Verkehr. Wir waren einige Stunden unterwegs, als wir in Yuanyang eine Pinkelpause einlegten. Einige Mitfahrende stiegen aus und mit dem einzigen anderen Westler kam Pascal schnell ins Gespräch. Tom war aus Australien, Musiker und für zwei Wochen in China, um seine Ruhe zu haben. Im Rest Südostasiens gäbe es ihm zu viele Australier, die sich nicht zu benehmen wüssten, aber hier sei er allein und könne lesen und in Ruhe sinnieren. Kurz darauf fragte er, ob wir dasselbe Ziel hätten: «Pugao». Dann ging die Fahrt auch schon weiter bis nach Xinjie, einem Ort weit in den Bergen, den man vom Bezirkshauptort Yuanyang aus über zwei Stunden auf steilen Passstrassen erreicht. In Xinjie teilten wir uns mit Tom ein Taxi bis nach Pugao und als wir dort ankamen, war es bereits später Nachmittag. Auf der Fahrt versuchte Tom uns noch zu überreden, ebenfalls in Jacky’s Guesthouse zu kommen. Ganz überzeugen konnte er uns jedoch nicht und es war am Ende auch nicht klar, in welchem er gebucht hatte, da es zwei Gasthäuser mit demselben Namen gab. Wir entschieden uns für eines mit riesigen Panoramafenstern direkt bei den Reisterrassen. Wir gingen also Gässchen des Dorfes hinunter, bis sich unsere Wege trennten und Tom nach seiner Unterkunft suchte.
Eigentlich viel zu spät am Tag, es war schon gegen Mittag, waren wir bereit, die Gegend zu erkunden. Wir warfen uns in Wanderkluft, kletterten weiter nach unten und balancierten auf den etwa 10 cm breiten Lehmwänden, welche die verschiedenen Terrassen voneinander trennten. Dabei beobachteten wir, wie eine Bäuerin in aller Seelenruhe das Reisfeld mit einem Wasserbüffel pflügte, der selbst bis zum Bauch im Wasser stand. Als wir wieder sicheren Boden unter den Füssen hatten, stiegen wir die Stufen hinauf, assen noch frittierten Schweinebauch in einem grossen Restaurant, in dem viele Arbeiter gerade ihr wohlverdientes Mittagessen einnahmen und machten uns auf den Weg. Die Wanderung führte einen Hügel hinauf, mitten durch den Wald auf eine Gebirgskuppe, der wir für etwa zwei Stunden folgten. Hie und da begegneten wir Leuten, die gerade dabei waren, Felder und Wege vom Gestrüpp zu befreien. Immer wenn wir auf jemanden trafen, winkten uns die Leute schon von Weitem zu und hatten sichtlich Freude daran, uns zuzuschauen, wie wir ratlos vor Weggabelungen standen und auf ihre Hilfe angewiesen waren, die sie uns freundlicherweise gaben. Vom Gebirgskamm hatte man einen tollen Ausblick auf all die Reisterrassen der Region. Alle waren sie überflutet und so ruhig, dass sich der Himmel, die Bäume und die ganze Umgebung darin spiegelten. Am Ende des Weges mussten wir ein steiles Stück hinabsteigen, bis wir wieder auf der Gebirgsstrasse landeten. Wir folgten der Strasse ein Stück bis zum Bada Viewpoint, einem offiziellen «Scenic Spot». Wir entrichteten den Eintritt und liessen uns zusammen mit einer Reisegruppe über die auf Holzplanken gebauten Wege führen. Eine kleine Überraschung hielt der Spot bereit: Es gab einen richtig guten Cappuccino in einem Souvenirladen. Wir hängten irgendwann die geführten Gruppen ab und machten wieder unser eigenes Ding, indem wir die Strasse verliessen und über weitere Reisterrassen nach oben kletterten, immer auf der Hut, nicht abzurutschen und im Schlamm zu landen.
Irgendwann kamen wir wieder auf der Strasse an und folgten ihr bis zur Abzweigung nach Shengcun, einem kleinen Zentrum der Region mit Läden, Schulen und Handwerkern. Der Weg zurück nach Pugao zog sich hin. Am Ende waren wir müde, aber die Aussicht auf ein warmes Bett, wir hatten in der Zwischenzeit eine neue Wärmematratze bekommen, machte uns glücklich. Nachdem wir uns frisch gemacht hatten, gingen wir zum Abendessen zu «Jacky’s Guesthouse». Jacky, der Inhaber, freute sich ehrlich über unseren Besuch. Seit Langem war er der erste Einheimische, der fliessend Englisch sprach. Er fragte uns interessiert nach unserem Tag, servierte uns gutes Essen und der Gastraum war gemütlich warm. Gerade als wir zurückwollten, lief uns Tom wieder über den Weg. Er hatte sein Gasthaus am Vortag doch noch gefunden, nachdem wir versehentlich daran vorbeigelaufen waren. Er war sichtlich erfreut, uns zu sehen und erzählte, dass er hier genau die Ruhe gefunden habe, nach der er gesucht hatte.
Der nächste Morgen startete wieder mit der gut gewürzten chinesischen Version der Pho. Wir besuchten zuerst den «Scenic Spot» gleich oberhalb von Pugao, den wir mit dem Ticket vom Vortag betreten konnten. Doch die Aussicht von hier oben war nicht wirklich besser als jene von unserem Hotel aus. Also gingen wir wieder hinunter und spazierten durch Pugao mit dem Ziel, die benachbarten Ortschaften zu besuchen. Die Wege führten bergauf und bergab und nicht nur einmal mussten wir umkehren, weil wir in Sackgassen landeten. Meistens wies uns aber schon ein schlecht gelaunter Köter darauf hin, dass wir auf dem Holzweg waren und falls einmal kein Hund da war, gab es eine alte Frau, die wild gestikulierend vom Dach rief, dass wir nach links abbiegen müssten. Der Weg führte uns von Old Pugao nach New Pugao und weiter nach Duoyishu und Little Duoyishu. Hin und wieder mussten wir Schweinen, Ochsen und Büffeln ausweichen. In Duoyishu gab es einen runden Platz, den «Mondsichelplatz», der für Feste und politische Versammlungen dient. Wir lungerten ein wenig dort herum und wollten gerade umkehren, als uns zwei Frauen ansprachen. Sie fragten, woher wir kämen und boten an, uns einen schönen Aussichtspunkt zu zeigen. Sie führten uns über einen leicht abenteuerlichen Pfad zu einem Punkt, der um Welten schöner war als der offizielle Spot vom Morgen. Von dort aus wäre es möglich gewesen, bis nach Azheke weiterzuwandern, dem berühmten «Pilzdorf». Aber da wir noch müde vom Vortag waren, drehten wir um und wanderten denselben Weg zurück. Wir vereinbarten mit unserem Host, dass er uns für den nächsten Tag ein Taxi nach Yuanyang organisierte, von wo wir zur vietnamesischen Grenze (Hekou) fahren wollten. Am Abend assen wir nochmals bei Jacky zusammen mit Tom. Als wir Jacky von unseren Plänen erzählten, griff er sofort zum Handy und rief die Busgesellschaft an, um uns Plätze zu reservieren und sicherzustellen, dass der Bus nicht ohne uns abfuhr.
Am nächsten Tag ging es früh los. Nach einer Suppe, die unser Host extra früher für uns zubereitet hatte, schulterten wir Sack und Pack und marschierten die engen Gassen hinauf zum Sammeltaxi. Pugao war unser letzter Ort in China. Das Land hat uns auf verschiedenste Weise positiv überrascht. Wir durften verschiedene Kulturen kennenlernen, tibetische Klöster besichtigen, Millionenstädte bestaunen und zum Abschluss das einfache Leben abseits der bekannten Routen erfahren. Jedem, der uns fragt, empfehlen wir diesen Ort. Dennoch glauben wir nicht, dass er für jeden etwas bietet; er ist fernab von Luxus und Instagram-Inszenierung. Es ist ein Leben im Einklang mit der Natur, das wir selbst nur noch aus Erzählungen kennen. Wir sind uns bewusst, dass auch dieser Ort bald von Touristenströmen verändert werden wird, umso glücklicher schätzen wir uns, ihn 2025 noch so erlebt zu haben.





























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