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Taschkent

17. Oktober 2025

Am Morgen noch in Samarkand (immer noch kein fliessend Wasser) erhielten wir von unserem Host die Nachricht, dass das Hotel, das wir gebucht hatten, überfüllt sei. Nicht so schlimm, dachten wir, es ist immerhin die Hauptstadt und voll von Hotels, also erst einmal in den Zug, ankommen und dann vor Ort ein Hotel buchen. Etwa um die Mittagszeit kamen wir am Bahnhof an und direkt vom Bahnhof führt eine ganz schmucke Strasse in Richtung Stadt, die teilweise Fussgängerzone ist. Wir sassen in ein Café und bestellten einen Cappuccino, um online zu sehen, wo es denn noch freie Hotelzimmer hat. Nicht nur an den Personen im Bistro, sondern auch an den Preisen merkten wir, dass es sich um eine viel internationalere Kundschaft handeln muss als noch im Rest des Landes. Hier versammelten sich viele russisch- und englischsprechende Personen, die wohl in den vielen Banken und auf den Botschaften arbeiten.

Bei der Suche nach einer geeigneten Unterkunft wurden wir nicht richtig fündig. Wir packten alles zusammen und machten uns auf, einige Hotels direkt vor Ort anzufragen. Diese wiesen uns aber entweder ab oder wollten einen höheren Preis, als auf den Buchungsplattformen veranschlagt war. Das eine Hotel behauptete gar, der Preis auf Booking.com sei nur für eine Person, obwohl es ein ganz normales Doppelzimmer war, und wollte das Doppelte. Es würde auch nichts nützen, auf Booking.com zu buchen, er würde hier beim Bezahlen einfach das Doppelte eintreiben. Also hiess es Rucksäcke schultern und durch die Stadt marschieren. Einiges weiter fanden wir das Art Hotel. Zwar stimmten hier die Preise, das Zimmer war aber, sagen wir, naja. In Usbekistan war uns das Glück mit Unterkünften nicht gerade hold, aber wir waren nur zwei Nächte da, also kein Problem. Wir packten unsere gesamte Wäsche ein, denn seit Aktau hatten wir keine Waschmaschine mehr gesehen und Handwäsche hilft zwar, aber ab und zu tut es doch gut, die Kleider einmal komplett durchzuwaschen. Wir packten alle unsere Kleider in einen unserer grossen Rucksäcke und riefen ein Taxi, das uns an den Stadtrand zur einzigen Self-Service-Wäscherei Taschkents fuhr. Alles in die Waschmaschine und los ging’s. Die Zeit vertrieben wir uns mit Podcasts, Reiseplanung und Häkeln.

Doch nach dreissig Minuten fiel der Strom aus, was auf Reisen ja nicht gerade selten vorkommt. Wir harrten aus. Solange wir noch Tageslicht hatten, war alles halb so schlimm. Als nach einer Stunde der Strom noch nicht zurück war und die Dämmerung langsam einsetzte, wurden wir doch langsam nervös. Die Wäsche war noch nass und voller Schaum; sie so mitzunehmen und am nächsten Morgen nochmals herkommen – wir konnten uns Tolleres ausmalen. In der Zwischenzeit ging Pascal auf Erkundungstour, fragte im Büro nebenan und schaute im Gebäude gegenüber nach. So wie es schien, war nur das eine Gebäude betroffen und scheinbar sei das auch noch nie vorgekommen. Langsam überlegten wir uns, wie wir die triefend nasse Wäsche am besten wieder in den Rucksack verstauten. Da wir alles, was wir dabeihatten, gleichzeitig wuschen – mit Ausnahme dessen, was wir gerade trugen –, waren alle durchgespielten Szenarien mehr oder weniger unlustig. Irgendwann, es war für uns schon nicht mehr Abend, sondern eher Nacht, kam das Licht und damit auch der Strom für die Waschmaschine zurück. Nachdem die Wäsche durch war, mussten wir sie nur noch eineinhalb Stunden im Trockner lassen, was im Angesicht der fortgeschrittenen Zeit zwar nicht zu ungemein besserer Stimmung führte, aber da nun das beste der schlechten Szenarien eintraf, nahmen wir das in Kauf. So hatten wir uns den ersten Tag in Taschkent definitiv nicht vorgestellt. Um den Abend aber noch zu retten, gingen wir nochmals zurück in die Strasse gleich beim Bahnhof, wo wir am Morgen schon eine neapolitanische Pizzeria gesehen hatten und entspannten uns bei unglaublich gutem italienischem Fladenbrot.

Wir wollten natürlich an dem einen ganzen Tag, den wir in Taschkent hatten, noch so viel mitnehmen wie wir konnten. Also spazierten wir erst von unserem Hotel in die Innenstadt. Doch auch wenn alle Strassen auf ein vermeintliches Zentrum zusteuern, eine Art Begegnungszone gibt es in Taschkent leider nicht. Zwar werden die grossen Gebäude immer höher und auch da gibt es Bon!-Cafés, die wir natürlich wie schon in Buchara besuchten, aber was wir suchten, suchten wir vergebens. Dafür begegneten wir Shoppingmalls, die scheinbar mindestens teilweise die Funktion einer funktionierenden, gemütlichen Innenstadt übernahmen. Die eine Mall ist die Seoul Mun; sie liegt ganz gemütlich an einem kanalisierten Teil der Borjar, dem Fluss, der ganz Taschkent durchzieht. Wir mussten schon zweimal genau hinschauen, bis wir bemerkten, dass es sich hierbei tatsächlich um ein Shoppingcenter handelt. Die aber viel grössere Kuriosität liegt nur einige Gehminuten weiter: Die Magic City! Eine weitere Shoppingmall, komplett im Stil eines Disney-Freizeitparks gestaltet und von Pepsi finanziert. Statt erzählter Märchen oder Adrenalin auf rasanten Bahnen bekommt man hier aber nichts weiter als internationale Handelsnamen serviert. Also MiniSo statt Schneewittchen und KFC statt Ratatouille. Sogar das Disney-Schloss durfte nicht fehlen, auch wenn ein Türmchen fehlte, was dem Schloss ein unvollendetes Aussehen gab. Sogar eine Kopie des Registan in Samarkand war dabei – immerhin praktisch ihr Nationalsymbol. Das eigentlich Schlimme daran fanden wir, dass diese Shoppingmall im nationalen Stadtpark steht und damit wohl einen grossen Teil Grünfläche schluckt, auch wenn Taschkent viele Stadtparks aufzuweisen hat.

Als langsam unsere Mägen knurrten, stiegen wir in die U-Bahn und fuhren ein Stück weg von der Stadt, nur wenige Meter von dem Ort entfernt, wo wir am Tag zuvor unsere Wäsche wuschen, zum grossen Plov-Center. Früher war das Plov-Center in Taschkent noch eine Institution, eine Art Kantine, wo sich jedermann günstig eine Portion Plov holen konnte. Da das Plov-Center aber immer mehr zur Touristenattraktion wurde, verlegte man es an den Rand der Stadt mit einem grossen Parkplatz davor, damit die Reisebusse auch alle bequem parkieren können. Trotzdem, wenn wir schon da sind, mussten wir dorthin. Wir besichtigten die Küche, in der in riesigen Pfannen der Reis gekocht, die Zwiebeln blanchiert und riesige Portionen Pferdefleisch gegart werden. Danach probierten wir selbst ein Plov und auch wenn es eine Touristenattraktion ist: Es war das beste Plov, das wir auf unserer Reise assen. Auf der Rückfahrt zum Hotel machten wir extra einen Zwischenstopp in der U-Bahn-Station Kosmonavtlar, welche die schönste U-Bahn-Station Zentralasiens sein soll. In unseren Augen ist die Station ganz schön, aber wir verstehen das Ding mit den U-Bahn-Stationen sowieso nicht so ganz. Schon in Istanbul besichtigten wir eine der «schönsten» U-Bahn-Stationen, die es geben sollte, aber wie auch diese in Taschkent liess sie uns kalt. Den Abend verbrachten wir wieder in der Strasse in der Nähe vom Bahnhof. Zuerst in einem Café, danach holten wir uns im «Pailasse Swiss Restaurant» ein Stück echten Gruyère. Das Restaurant hat eine grosse Frischtheke mit Schweizer Käse, der kleine Laden dazu verkauft auch andere Schweizer Spezialitäten wie Schokolade und Brot. Natürlich hätten wir dort auch Fondue essen können, aber wir genossen das Stück Schweizer Käse draussen in der Fussgängerzone, als wäre es die beste Delikatesse der Welt!

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