Die Anfahrt von Aktau nach Nukus wird uns noch lange in Erinnerung bleiben. Am Tag vor der Abfahrt schlenderten wir noch an der Küste entlang, bis wir merkten, dass der Weg, dem wir folgten, keine Möglichkeit bot, ihn zu verlassen, bis man ihn zu Ende gegangen war, was noch einige Stunden gedauert hätte, wir aber schon bald im Hotel sein mussten, um unser Gepäck abzuholen. Wir rannten das letzte Stück bis zur Bushaltestelle, fuhren mit dem Bus zurück zum Hotel, holten unser Gepäck und riefen ein Taxi, das uns zum Bahnhof Mangystau brachte, den zentralen Bahnhof für die ganze Region, etwa eine halbe Stunde von Aktau entfernt. Wir erreichten den Bahnhof gerade noch rechtzeitig, so dass wir in den Zug einsteigen konnten, unsere Sachen ins Abteil stellten und schon ging die Fahrt los. Entspannend war es nicht gerade, aber wir hatten es geschafft, wir waren auf dem Weg nach Usbekistan. Der Nachtzug schien ein älteres Modell der kasachischen Bahn zu sein, die Betten waren mässig sauber, überall klebten Kaugummis und die Ritzen füllten sich mit Staub der letzten Jahrzehnte. Wahrscheinlich waren die Wagen noch aus den alten Sowjetbeständen, jedenfalls sahen sie so in unserer Vorstellung aus und der Heisswasserkessel, den es in jedem Wagen gab, wurde mit Holzkohle beheizt. Wir bezogen die oberen beiden Plätze, die wir gebucht hatten, es waren die letzten verfügbaren Plätze im Zug und dies sollte sich schon bald als Glücksfall herausstellen. Wir hatten die ersten Stunden das Abteil noch für uns allein und schon bald machten wir uns für die Nacht fertig und legten uns schlafen. An der nächsten Haltestelle stieg zwar kein Fahrgast zu, aber es wurde ein grosses Paket in unser Abteil gestellt. Pascal machte sich Sorgen, dass ein herrenloses Paket Probleme für uns mit sich bringen könnte, wenn die Grenzbeamten den Zug bestiegen und fragte bei den Zugbegleitern nach, was es mit dem Paket auf sich habe, aber sie lachten nur und sagten, alles sei in Ordnung. Einige Stunden später hielten wir in Beyneu. Der Ort ist das grosse Verkehrsdrehkreuz im Westen Kasachstans und alle wichtigen Strassen und Zugstrecken gehen hier durch. Hier stiegen die Grenzbeamten Kasachstans in den Zug und stempelten uns aus. Nachdem alle den Ausreisestempel bekommen hatten, stiegen zusätzliche Fahrgäste in den Zug, bei uns waren es zwei zusätzliche Personen, ein älterer Herr und ein junger Mann, welche die beiden unteren Betten im Abteil bezogen. Inzwischen wurde das grosse Paket auf den Gang gestellt, was uns ein wenig beruhigte. Wir legten uns wieder schlafen, bemerkten aber, dass auf dem Gang einiges los zu sein schien. Irgendwann am frühen Morgen klopfte es energisch an der Tür und der Schaffner machte uns klar, dass nun die usbekische Grenzkontrolle bevorstehen würde. Als wir auf den Gang blickten, bemerkten wir, dass noch eine ganze Menge Personen ohne Bett dem Zug zugestiegen waren, um mit ihm die Grenze zu passieren. Wir wurden angewiesen, dass alle Personen auf die unteren Betten sitzen müssten und zwei weitere Personen drängten sich ins Abteil, um auf den Betten auf die Grenzbeamten zu warten. Als erstes inspizierte ein uniformierter Mann unser Abteil und liess kurz den Drogenspürhund reinschauen. Danach wurden alle Abteile einzeln dazu aufgerufen, ins Abteil der Schaffner zu gehen, um den Einreisestempel zu bekommen. Dazu hatten die Grenzbeamten mobile Geräte, mit denen der Pass gescannt wurde, ein Foto von jedem Passagier gemacht werden konnte und die Daten mit den früheren Einreisen abgeglichen werden konnten. Als der Grenzbeamte merkte, woher wir kamen, fragte er gleich, ob wir aus der Stadt kommen würden, wo Shaqiri und Xhaka herkämen. Wir lachten und bejahten dies und waren erstaunt darüber, dass der Bekanntheitsgrad der beiden Fussballer bis nach Usbekistan reichte. Danach mussten wir wieder zurück ins Abteil und ein weiterer Grenzbeamter kam, um eine ganze Menge Fragen zu stellen: Woher wir kämen, wohin wir gingen, welche Orte in Usbekistan wir besuchen würden und ob wir Medikamente dabeihätten. Wir erzählten ihm alles brav und schon bald war er zufrieden. Wir dachten schon, dass es das gewesen sein könnte, aber einige Minuten später kam ein dritter Beamter und wies uns an, unsere Rucksäcke und alle Packwürfel zu öffnen und ihm alle Medikamente zu zeigen und zu erklären, die wir dabeihatten. Nach dieser Prozedur war es dann geschafft und unser Abteil war durch. In den Gängen aber suchten sie hinter jede Abdeckung, jedes Paneel wurde geöffnet und hineingeschaut und jede Ritze begutachtet, um eventuell verbotene Ware zu entdecken. Irgendwann wurde es ruhiger und der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Schon am nächsten Bahnhof stiegen die meisten mitgereisten Passagiere ohne Sitzplatz oder Bett wieder aus. Dass es hier derart zum Gedränge kam, lag daran, dass der einzige Grenzübergang zwischen Kasachstan und Usbekistan nur per Bahn zu passieren war, da sie am Strassenzoll und der zuführenden Strasse Renovierungsarbeiten durchführten. Die Schliessung dauerte schon lange und eigentlich hätte Ende September der Zoll wieder für den Verkehr freigegeben werden sollen, die geplante Öffnung wurde aber sehr kurzfristig wieder auf unbekannte Dauer verschoben. Das war auch der Grund, warum im Oktober die Plätze derart schnell ausgebucht waren. Wir hatten noch Glück, zwei Plätze zu ergattern. Nach dem Zoll fuhr der Zug endlose Stunden durch die Wüste Kysylkum. Wir waren aufgrund der ereignisreichen Nacht noch derart gerädert, dass wir uns bis zur geplanten Ankunft in Nukus am späten Nachmittag immer wieder schlafen legten.
Nach der ellenlangen Zugfahrt – immerhin fast 20 Stunden – waren wir froh, uns ein wenig die Beine vertreten zu können. Wir schulterten unser Gepäck und marschierten los durch Nukus. Nukus ist die Hauptstadt der autonomen Region Karakalpakistan mit eigener nationaler Identität und Sprache und seit der Gründung Usbekistans steht es der Region offen, sich per Referendum unabhängig zu erklären. Dies führt leider in Usbekistan aber auch immer wieder zu politischen Spannungen. Ein wenig ausserhalb der Stadt liegt das Hostel Danechan APA, das mit günstigen Preisen und hohem Komfort wahrscheinlich mehr als die Hälfte der Backpacker anzieht, die sich in diese entlegene Provinz verirren. Wir verbrachten den Rest des Abends im Hostel und assen im dazugehörigen Restaurant noch zu Abend. Beim Abendessen haben wir Josie kennengelernt, eine Backpackerin aus Schweden, die gerade drei Monate durch Zentralasien reiste. Wie wir stand sie vor der Frage, wie man von Nukus nach Xiva gelangt und auch wenn beide Städte einen Bahnhof haben, heisst das noch lange nicht, dass dort auch ein Zug verkehrt.
Wer es nach Nukus verschlägt, ist wie wir normalerweise nur auf der Durchreise. Sehenswürdigkeiten rund um Nukus sind beschränkt und die Stadt gibt als solche auch nicht derart viel her, als dass sie selbst einen grossen Anziehungspunkt darstellt. Wer trotzdem bleibt, besucht normalerweise den ausgetrockneten Aralsee, der einige Stunden nördlich von Nukus liegt. Man kann einen ehemaligen Küstenort Moynaq mit dem Marschrutka erreichen, in dem ehemalige Boote und Schiffe auf dem Trockenen liegen und weit und breit kein Wasser zu sehen ist. Wer mehr vom Aralsee sehen will, müsste dies im Rahmen einer zweitägigen geführten Tour machen oder von Kasachstan herkommend vom Ort Aral den ehemaligen See besuchen. Es ist sicher denkwürdig, eine der grössten menschengemachten Naturkatastrophen vor Ort zu sehen, viele der Reisenden, die den Weg auf sich genommen haben, berichten aber nicht gerade positiv davon. Darum haben wir an dem Tag, den wir in Nukus hatten, etwas anderes vor. Der andere Grund, Nukus zu besuchen, ist das Nukus Art Museum oder auch «Savitsky Art Museum» genannt. Savitsky selbst, Archäologe, Sammler und Künstler, verlegte in den 1950er Jahren seinen Wohnsitz von Kiew nach Nukus und sammelte fortan Artefakte der Region, um ein ethnologisches Museum zu gründen. Später sammelte er auch Kunst, vor allem Gemälde von usbekischen Künstlern. Als Stalin begann, unerwünschte Kunst zu zensieren und in der ganzen Sowjetunion Kunstwerke verschwanden und zerstört wurden, begann Savitsky auch sowjetische Kunstwerke, insbesondere avantgardistische Gemälde, zu sammeln. Unter den Werken sind Bilder von Redko, Popova oder Robert Falk. Er versteckte die Kunstwerke in Nukus in der Hoffnung, dass in der karakalpakistanischen Provinz niemand eine derartige Sammlung suchte. Er durfte recht behalten. Heute ist die Sammlung die vielleicht wichtigste Sammlung von zentralasiatischen Künstlern und sowjetischen Avantgardisten der Welt. Das Museum wird auch liebevoll Louvre der Wüste genannt und das Bild «Der Bulle» von Lysenko ist fast ein bisschen die Mona Lisa des Museums.
Aber der Reihe nach. Am Morgen begaben wir uns von unserem Hostel aus auf den Bazar. Es war unser erster in der Grösse und Art, den wir gesehen haben und die Geschmäcker, die Lautstärke und das Gedränge sind einfach überwältigend. Man kann über Fleisch, Gemüse, Gewürze bis Baumaterial oder Elektroartikel um alles feilschen. Ist jedoch ein Preis angeschrieben, so gilt der auch. Wir hätten die benötigten SIM-Karten natürlich auch dort kaufen können und es wäre im Nachhinein wahrscheinlich auch effizienter gewesen, wir bevorzugten doch den offiziellen Store von Ucell, in dem wir je eine SIM-Karte mit 100 GB für 6000 Som erhielten. Von dort aus suchten wir ein Kaffee auf und fanden die erste Filiale von Safiya. Sie ist wunderschön, fast kitschig eingerichtet und hat wunderbaren italienischen Kaffee. Dass uns diese Kaffee-Kette noch länger verfolgen würde, konnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht erahnen. Nach dem Kaffee besuchten wir das Museum. Wir waren skeptisch, hatten wir doch in der Vergangenheit mit Kunstmuseen im Ausland durchwachsene Erfahrungen gemacht und in verschiedenen Blogs wurde die Ausstellung als chaotisch und unstrukturiert beschrieben. Dem können wir überhaupt nicht beipflichten. Die Ausstellung war thematisch durchdacht und auf zwei Ebenen verteilt. Wir waren wirklich positiv überrascht und das Museum muss sich auch im Vergleich zu anderen Museen nicht ducken. Natürlich haben wir auch das Bild «der Bulle» bewundert, wobei es für uns nicht derart überragend gewesen wäre, als dass es alle anderen Gemälde überstrahlen würde.
Nach dem Besuch des Museums gingen wir gleich um die Ecke ins Kaffee «Bumer», das scheinbar für sein ausgezeichnetes WLAN bekannt wäre, bei uns hat es nicht funktioniert. Das unglaublich kitschige Rosendekor und die super Tortenauswahl trösteten uns darüber hinweg. Auf dem Nachhauseweg ist uns aufgefallen, dass an jeder Strassenecke, an jedem Baum und auf jedem Dach in grossen Schwärmen der gleiche Vogel zu sehen war. Nach einiger Recherche von Eva fanden wir heraus, dass es sich um den Wüstenstar handeln musste. Er war wirklich überall und mit ihren gelben Schnäbeln auch nicht gerade unauffällig. Am Abend liessen wir es uns in einem schicken Restaurant gut gehen und assen erstmals Naryn: hauchdünnes Pferdefleisch mit Nudeln, welches in klare würzige Brühe getunkt wird, sehr speziell und gut. Der nächste Tag war auch schon wieder im Zeichen der Weiterfahrt. Es ging von Nukus nach Xiva. Aber das erfahrt ihr im nächsten Bericht.















0 Comments