Phnom Penh

29. April 2026

Von Kampot gingen wir nochmals zurück in die Hauptstadt Kambodschas, wiederum mit unserem Lieblingsbusanbieter VET. Phnom Penh wird von unserem Reiseführer als die Perle Südostasiens beschrieben und wir können insoweit zustimmen, als Phnom Penh sicher von allen kambodschanischen Städten diejenige ist, die am geschäftigsten und am internationalsten ist. Hier befindet sich das Macht- und Finanzzentrum Kambodschas und fast alle grösseren Firmen haben hier ihren Hauptsitz. Hier zieht es viele junge Kambodschanerinnen und Kambodschaner hin, um zu studieren, in der Hoffnung auf das schnelle Geld oder darauf, mit einem der vielen Start-ups gross rauszukommen. Es läuft hier viel und alles fühlt sich etwas schnelllebiger, etwas urbaner an als in den kleineren Städten im Land. Ausserdem spürt man den starken Einfluss der vietnamesischen Kultur; es gibt fast an allen Ecken vietnamesische Restaurants und fast im Minutentakt fuhr ein Bus an uns vorbei mit dem Ziel Saigon. Überall sieht man aber noch die Überreste der französischen Kolonialzeit, sei das bei den Baguettes, die es überall zu kaufen gibt, oder in den Bistros an den Strassenecken. Trotzdem ist es die wuseligste Stadt und irgendwie auch die, vom Gefühl her, asiatischste, in der wir in den letzten Wochen waren. Es erinnerte uns stark an Hanoi, auch wenn es hier viel, viel weniger Touristen hatte.

Nach einer «Bun Cha» zum Mittagessen, uns fehlte das vietnamesische Essen schon nach wenigen Monaten, fuhren wir mit einem Taxi ein wenig ausserhalb der Stadt zum Tuol-Sleng-Genozid-Museum. Gleich nach der Machtübernahme der Roten Khmer über die Hauptstadt 1975 wurde im ehemaligen Schulgebäude ein Gefängnis eingerichtet. Die ersten Insassen waren die Anhänger, Soldaten und Beamten des Lon-Nol-Regimes. Vom Foltergefängnis war den wenigen Bewohnern Phnom Penhs nicht wirklich was bekannt. Da die Hauptstadt nach der Machtübernahme unter dem Vorwand amerikanischer Bombardements entvölkert und die Bevölkerung für den Ackerbau aufs Land getrieben wurde, gab es auch nicht wirklich die Möglichkeit für Zeugen. Das Gefängnis wurde erst mit dem Einmarsch vietnamesischer Truppen entdeckt. Während der vier Jahre, in denen das Gefängnis in Betrieb war, wurden rund 18'000 Personen inhaftiert und mit Folter zu Geständnissen gezwungen; oft wurden unter der Folter auch Freunde oder Familienmitglieder mit falschen Anschuldigungen belastet. Viele Insassen erlagen den Folgen der brutalen Folter, auch wenn dies nicht gewünscht war. Denn um das Todesurteil zu vollstrecken, wurden die Insassen auf das nahegelegene Killing Field im Süden der Stadt gebracht. Am Eingang kauften wir uns Eintrittskarten und einen Audioguide. Wer nicht mit einem Fremdenführer die Stätte besichtigt, muss fast zwingend einen Audioguide dazukaufen. Er ist unglaublich gut gestaltet und informativ. Wir sahen viele Touristen durch die Räume schlendern, ohne eine Ahnung, was hier genau passierte. Die Informationstafeln auf Englisch sind rar und helfen auch nicht wirklich, einen guten Überblick über das Gefängnis zu erhalten. Zusätzlich kommen Insassen und Angehörige von Opfern zu Wort. Der Guide führt einen durch die vier Hauptgebäude des Foltergefängnisses und je mehr wir sahen, desto bedrückter fühlten wir uns. Neben den Folterzimmern sieht man auch die Kammern, in denen die Insassen unter extremst unmenschlichen Bedingungen eingesperrt waren, ohne die Möglichkeit, sich zu bewegen, oder den Zugang zu irgendwelchen sanitären Anlagen. Zwar sollten die Insassen nach den Geständnissen zu den Killing Fields gebracht werden, um sie dort hinzurichten, doch aufgrund von Mangelernährung und Folter starben auch ganz viele Gefangene im Gefängnis. Es ist unglaublich brutal, diese historische Stätte zu besuchen, aber wenn man in Kambodscha ist, ist es ein Must-do für alle Touristen. Wir verliessen die Stätte mit der Schliessung um 18:00 Uhr. Wir haben gar nicht bemerkt, wie schnell die Zeit verging, in unseren Gedanken tief eingetaucht in die Gräueltaten der damaligen Zeit. Wir spazierten wieder in Richtung Zentrum, liessen unsere Gedanken kreisen und versuchten, das Gesehene und Gehörte zu verarbeiten.

Während unseres ersten Aufenthalts und auch jetzt ist uns aufgefallen, wie viele vietnamesischstämmige Personen, aber auch Personen indischer Abstammung in Phnom Penh leben. Dies zeigte sich für uns vor allem daran, wie viele Restaurants es aus den verschiedenen Regionen gibt. Irgendwie gelüstete es uns nach indischem Essen und wir steuerten völlig zufällig das «Lotus Dosa Corner» nur eine Querstrasse von unserem Hotel entfernt an. Der Besuch war in verschiedener Hinsicht ein Volltreffer. Zum einen war das Essen wirklich gut, aber, fast wichtiger, wir haben eine indische Legende getroffen. Gnanam, der zusammen mit seinem Bruder auch als Pondicherry-Zwilling bekannt ist, bereiste zwischen 1984 und 2010 die Welt, grösstenteils mit dem Fahrrad und, wo sie so nicht weiterkamen, mit einfachen Autos, um für Frieden und Klimaschutz zu demonstrieren. Während seiner Reisen traf er unter anderem den Papst, den UNO-Generalsekretär Kofi Annan und viele Funktionäre und Politiker rund um den Globus. Darüber haben sie zwei Bücher verfasst. Seit einigen Jahren betreiben sie ein indisches Restaurant in Siem Reap, ein zweites eröffneten sie nun in Phnom Penh. Wir fragten ihn, warum sie sich gerade Kambodscha ausgesucht hatten, um sesshaft zu werden und warum generell viele indischstämmige Personen in Phnom Penh leben würden. Er erzählte uns den Gründungsmythos der kambodschanischen Königsfamilie. Die Legende besagt, dass ein Inder aus dem Süden nach Kambodscha segelte, dort aber von der herrschenden Schlangenprinzessin Naga angegriffen wurde. Er hatte aber einen magischen Pfeil dabei, mit dem er die Prinzessin besiegte. Es entwickelte sich daraus eine Liebesgeschichte und die Königsfamilie ging daraus hervor. Aber auch neben dem Gründungsmythos sei Kambodscha fast tausend Jahre hinduistisch-buddhistisch geprägt und aus dieser Zeit wurden tausende Wörter aus dem Altindischen entlehnt. Auch die Schrift hat den gleichen Stamm und sei für viele Inder einfach zu erlernen. Dies sei der Hauptgrund, wieso er und viele andere Inder sich hier niederliessen. Wir genossen die Gesellschaft sehr; er war nie aufdringlich, wenn wir aber Fragen hatten, beantwortete er sie bereitwillig. Nach dem schweren Nachmittag war das ein erholsamer Abend.

An den weiteren Tagen besuchten wir noch die Killing Fields im Süden der Stadt, die auch ein Must-do in Kambodscha sind. Auch hier haben wir den Audioguide dazugebucht und würden es jedem empfehlen, der die Stätte besucht. Hier wurden abertausende Menschen, die meisten aus dem Foltergefängnis, hergebracht, um sie zu exekutieren und in Massengräbern zu bestatten. Noch heute schwemmt es immer weitere Knochenfragmente und Kleidungsfetzen an die Oberfläche; auch wir haben beim Rundgang einige Stoffüberreste am Boden entdeckt. Was diese Eindrücke mit einem machen, ist kaum zu beschreiben. In der Mitte der Gedenkstätte wurde ein hoher Schrein errichtet, in dem die Schädel von hunderten dort ermordeten Gefangenen aufgestapelt sind. Ein eindrücklicheres Denkmal an die Gräueltaten gibt es wohl nicht.

Details
Spaziergang auf der Seideninsel

Auf dem Rückweg haben wir den Königspalast gleich am Ufer des Mekongs besucht. Der Tempel und die Silberpagode sind schön anzuschauen, aber ein Besuch lohnt sich nicht wirklich. Bei fast vierzig Grad im Schatten waren wir einfach nur froh, als wir wieder nach draussen konnten, auch wenn die Angestellten netterweise Wasserflaschen offerierten. Der Anblick vom vorgelagerten Park auf den Palast ist nicht viel schlechter, vor allem weil sich ausser dem Tempel keine weiteren Gebäude von innen besichtigen lassen. Hingegen lohnte sich für uns der Besuch der Mekong-Insel Koh Dach. Mit der Fährverbindung, die ablegt, sobald sich genügend Leute versammelt haben, gelangt man auf die andere Seite. Die Insel war früher bekannt für ihre Seidenproduktion und noch heute kann man eine Schau-Seidenproduktion besichtigen. Wir spazierten bis dorthin und hatten Glück, dass sie uns, obwohl es schon geschlossen war, noch hineinliessen. Wir sahen, wie die Raupen gezüchtet werden und konnten auch sehen, wie Frauen den Webrahmen bedienten und in beeindruckender Geschwindigkeit die verschiedenen Muster woben. Anschließend wanderten wir ein wenig auf der Insel herum, kamen durch kleine Dörfer, in die sich wohl nur selten Touristen verirrten und die Menschen hatten totale Freude daran, uns zu sehen, die Strassenhunde weniger. Ich würde die Insel wieder zu Fuss besuchen; sie lässt sich wunderbar erwandern und wir brauchten nur circa zwei Stunden, um einen grossen Rundgang zu machen. Am Ende landeten wir in einer Craft-Bier-Brauerei, die, wie wir feststellten, einem Österreicher gehört. Er leitet den kambodschanischen Ableger einer grossen Reederei für Flusskreuzfahrten. Uns war bis dahin gar nicht bewusst, dass auf dem Mekong überhaupt solche grossen Schiffsreisen angeboten werden. Er erzählte uns, dass auch eine Firma aus dem Thurgau Kreuzfahrten anbieten würde. Ja, diese kennen wir, haben wir gedacht; immerhin teilte Pascal jahrelang das Tram mit den Touristen der Kreuzfahrtschiffe auf dem Rhein.

Die verbleibende Zeit in Phnom Penh verbrachten wir grösstenteils im Rooftop-Pool unseres Hostels und auf dessen Dachterrasse mit exzellenter Aussicht auf den Mekong. In Phnom Penh gibt es zu diesem Preis wohl nichts Besseres als das Onederz. Auch kulinarisch liessen wir es uns nochmals gut gehen. Wir gingen nochmals zum CinCin, um eine Pizza zu essen, was für kambodschanische Verhältnisse unverschämt teuer war, aber wir geniessen die Pausen vom asiatischen Essen, die wir fast immer mit Pizza haben, doch sehr.

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