Chiang Rai

14. Juni 2026

Am Morgen nach dem Grenzübertritt zurück nach Thailand wachten wir auf, ein wenig verwirrt, ob das Spiel Katar gegen die Schweiz nur ein böser Traum oder tatsächlich so geschehen war und überhaupt: Wir waren zurück in Thailand. Als wir unsere Sachen packten und aus dem Motel traten, kam uns gleich die Gastgeberin vom Vorabend mit ihrem Mann entgegen und wir diskutierten sogleich über die WM und wie mässig sich die Schweiz geschlagen hatte. Also doch kein böser Traum. Wir hatten genügend Zeit, die Strasse hinaufzugehen, um gegen Mittag den lokalen Bus nach Chiang Rai zu erwischen. Wo er startete, verriet uns die Motelbesitzerin und auch die ungefähren Abfahrtszeiten gab sie uns mit auf den Weg. Einmal quer durch das Dörfchen und beim Markt an einer Ecke sollte der Bus abfahren. Dort angekommen, fanden wir den Markt. Er war kaum zu übersehen, denn er war etwa so gross wie der Rest des Dorfes. Doch ein Bus war weit und breit nicht in Sicht. Zwei Marktfrauen zeigten uns den genauen Abfahrtsort und versicherten uns in wortreichem Thai, dass wir hier ganz sicher richtig seien. Wir waren schlussendlich auch am richtigen Ort. Dass wir aber schon um 11:30 Uhr an der Haltestelle warteten, weil wir dachten, der Bus führe um 12:00 Uhr ab, half nicht gerade, denn erst um 12:15 Uhr rollte ein Fahrzeug vor. Der Chauffeur versicherte uns dann, dass er um 13:00 Uhr fahren würde und schliesslich um 13:30 Uhr brachen wir in Richtung Chiang Rai auf. Wären wir mit dem Expressbus gefahren, hätten wir unser Ziel wohl schon erreicht gehabt, bevor diese gemütliche Bummelfahrt überhaupt begann. Da er zudem jeden noch so kleinen Weiler auf dem Weg ansteuerte, dauerte die relativ kurze Strecke fast vier Stunden. Gegen Abend kamen wir dann doch noch an, schulterten unsere Rucksäcke und spazierten zum «Sinophat’s House». Dort wurden wir von den beiden Gastgebern herzlich empfangen. Sie zeigten uns das Zimmer und gaben uns eine kurze Einführung in die Geschichte des Hauses. Wir waren nur durch Zufall hier gelandet und waren umso erstaunter über das, was sie uns erzählten. Das Baan Sinophat stammt aus dem Jahr 1936, als Chiang Rais Innenstadt noch vor allem aus Holzhäusern bestand. Das Haus aus Ziegeln und Beton wurde damals eigens für den Adel auf der Anhöhe «Mon Chao Khun» errichtet. Damals war Chiang Rai noch nicht Teil des Königreichs Siam, sondern wurde von eigenen Königen und Fürsten regiert. Das Anwesen wurde einst von Prinzessin «Chao Mae» bewohnt und verwaltet, der Gemahlin des regionalen Herrschers «Chao Mueang». May, die jetzige Besitzerin, renovierte das Haus sehr behutsam. Die Aufteilung der Zimmer ist immer noch dieselbe wie damals und auch die Einrichtung erinnert an diese vergangene Zeit. Es war faszinierend, selbst in diesem historischen Gebäude wohnen zu dürfen.

Das Haus lag etwas abseits des heutigen Zentrums. Wir machten uns bald auf den Weg, um die Stadt zu erkunden und etwas zu essen. Der nächste Tag begann früh. Es war der einzige volle Tag, den wir für Chiang Rai eingeplant hatten und wir wollten alle grossen Tempel besuchen, für die der Ort so berühmt ist. Da sie weit voneinander entfernt in alle Himmelsrichtungen verstreut liegen, mieteten wir als Allererstes einen fahrbaren Untersatz und fuhren zügig in Richtung Süden, um rasch zum «Wat Rong Khun», dem Weissen Tempel, zu gelangen. Trotz einiger Erfahrung auf Rollern merkten wir schnell, dass der Verkehr hier geradliniger und fordernder war, als wir es aus Laos gewohnt waren. Dennoch erreichten wir nach kurzer Zeit das Areal und konnten den Tempel nach dem Bezahlen des Eintritts trotz seiner Berühmtheit erfreulicherweise ohne allzu grosse Touristenmassen bestaunen. Das Bauwerk ist völlig anders als alle, die wir bisher gesehen hatten: komplett in Weiss gehalten, verziert mit Skulpturen, die man eher in düsteren Fantasiewelten vermuten würde. Die Innenwände waren im Stil von Graffiti gestaltet, übersät mit Motiven zeitgenössischer Ikonen, Superhelden und Filmfiguren. Der Künstler Chalermchai Kositpipat stiess anfangs auf heftigen Widerstand. Konservative und religiöse Stimmen warfen ihm Blasphemie vor, doch mit der Renovation des Tempels in seinem Heimatdorf schuf er sich ein Denkmal. Seine Schüler sollen die Anlage nach seinen detaillierten Vorgaben bis ins Jahr 2070 vollenden.

Es war bereits Mittag, als wir mit dem Roller wieder in die Innenstadt zurückkehrten und Kurs nach Norden nahmen, wo das «Baan Dam Museum» liegt, das im Volksmund oft «Schwarzer Tempel» genannt wird. Das Museum ist das Lebenswerk des thailändischen Künstlers Thawan Duchanee. Alle vierzig Gebäude auf dem Areal sind im traditionellen Lanna-Stil erbaut, vollständig aus Holz gezimmert und dunkel lasiert. Als wir dort ankamen, standen leider nur das grosse Hauptgebäude und wenige Nebenhäuser für Besichtigungen offen. Das Haupthaus bildet ohnehin das Herzstück: Es ist voll von düsteren Gemälden, Möbeln aus Tierknochen, Tierschädeln, Krokodilleder und Fellen. Während der Weisse Tempel den Pfad zur Erleuchtung und das helle Licht symbolisiert, thematisiert dieses Kunstwerk menschliche Begierden, das Leiden, die Schattenseiten und die unausweichliche Vergänglichkeit. Man sollte fast beide Orte gesehen haben, da sie einander auf ungewöhnliche Weise ergänzen.

Die Hinfahrt zum Museum führte über eine Schnellstrasse. Für den Rückweg wählten wir kleinere Wege und Landstrassen an Reisfeldern entlang. Diese Route brachte uns zum «Wat Huay Pla Kang». Meist wird der Komplex schlicht «Big Buddha» genannt, obwohl die monumentale weisse Figur Guanyin darstellt, die Göttin des Mitgefühls. Die Statue ragt 69 Meter empor. Direkt daneben ragt eine neunstöckige Pagode empor, von deren Plattformen sich ein weiter Blick auf das Monument bot. Weiter stadteinwärts liegt der «Wat Rong Suea Ten», der Blaue Tempel, der von einem Schüler Chalermchai Kositpipats entworfen und 2016 fertiggestellt wurde. Neben den monumentalen Anlagen wirkt er kompakter und der Vorplatz dient zugleich als Parkplatz für Reisebusse, was der Atmosphäre etwas von ihrer Ruhe nimmt.

Nachdem wir den Roller beim Verleih abgegeben hatten, gingen wir noch zwei Querstrassen weiter, um einen Blick auf den «Wat Chiang Yuen» zu werfen, der in tiefem Rot gehalten ist. Wir trafen auf ein vollkommen verlassenes Areal. Obwohl der Tempel laut Auskunft geöffnet sein sollte, blieben die Tore fest verschlossen. Möglicherweise fand eine interne Zeremonie statt oder die Angaben im Netz waren ungenau. Damit war unsere persönliche Farbpalette der Tempel von Chiang Rai komplett: Weiss, Schwarz, Blau und Rot. Rückblickend blieben uns jedoch das weisse und das schwarze Gesamtkunstwerk in Erinnerung, die aus der Masse thailändischer Tempel deutlich herausstechen.

Am Abend assen wir Hotpot auf dem Nachtmarkt. An mehreren Ständen wählt man dort traditionelle Tongefässe mit glühender Kohle, zu denen frisches Gemüse, Pilze, Kräuter und nach Wunsch Fleisch oder Meeresfrüchte gereicht werden. Die Dämmerung setzte ein, wir genossen das Essen unter freiem Himmel und liessen die vielen visuellen Eindrücke dieses Tages Revue passieren.

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