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Sofia

13. August 2025

Die Busbillette für die Fahrt nach Sofia hatten wir bereits im Voraus gekauft. Da wir nicht in aller Herrgottsfrühe aufbrechen wollten, entschieden wir uns gegen die direkte Verbindung und stattdessen für eine Fahrt nach Niš im Südosten Serbiens, um von dort weiter nach Sofia zu gelangen. Was wir nicht bedacht hatten, war die Gebühr, die der Busanbieter für jedes Gepäckstück verlangte. Alle Personen vor uns hatten beim Einladen ihres Koffers sofort eine Banknote gezückt. Da wir jedoch die letzten Tage komplett bargeldlos unterwegs gewesen waren, konnten wir ihm den geforderten Betrag nicht aushändigen. Wir versuchten ihm zu erklären, dass wir kein Bargeld dabeihatten. Er verstand uns nicht, wurde lauter, schrie herum, genützt hat es nichts, verstanden haben wir ihn nicht und er uns auch nicht. Ganz unten in unserem Rucksack hatten wir jedoch unseren Notgroschen versteckt: ein paar Dollar, falls man einmal dringend Geld brauchen oder wechseln müsste (Danke an Dominik und Yvonne, die waren noch von meinem 30. Geburtstag). Wir nahmen einen Schein heraus, damit konnten wir ihn beruhigen und die Fahrt durfte beginnen. Tatsächlich kamen wir jedoch nur bis zur Ausfahrt des Busbahnhofs, wo wir aufgrund eines medizinischen Notfalls eines Fahrgastes für gut eine Stunde steckenblieben.

Als es weiterging, verlief alles zunächst problemlos. Wir fuhren bis Niš durch. Am dortigen Busbahnhof mussten wir allerdings nochmals eine kleine Plattformgebühr entrichten, da wir versehentlich das Gelände verlassen hatten. Wir freuten uns richtig auf die Weiterfahrt, denn die Busse von Niš-Express waren gross, rot und vor allem komplett neu. Während unserer Wartezeit hatten wir Dutzende solcher Busse abfahren sehen und als dann endlich unser Bus in den Bahnhof einfuhr, kam mit ihm auch die Ernüchterung: alt, schmutzig und unbequem. Durch die Fenster konnte man die Gebäude nur schemenhaft erkennen, so verkratzt und dreckig waren sie. Ja, wir wollten Abenteuer erleben und bekamen Abenteuer. Die bulgarische Grenze war von Niš aus in etwa einer Stunde erreicht. Die Zollabwicklung auf der serbischen Seite verlief schnell und unkompliziert. Dann begann das Warten. Da der Grenzübergang eine EU-Aussengrenze darstellte, wurde jede Person, die nicht aus einem Schengen-Mitgliedsstaat stammte, genaustens kontrolliert und registriert. Die Schlange der Busse, die dort passieren wollten, wuchs und wuchs. Endlich über der Grenze setzte sich unser klappriges Gefährt wieder in Bewegung. Spätabends kamen wir völlig übermüdet und verschwitzt in Sofia an. Während der Fahrt hatten wir noch ein Hotel für die Nacht gebucht, da es für eine Wohnung bereits zu spät gewesen wäre. Zum Glück verfügt Sofia über ein gutes Metrosystem, sodass wir schnell ins Hotel gelangten, duschten und uns um Mitternacht nochmals aufmachten, um in der Stadt etwas zu essen.

Am nächsten Tag zogen wir zunächst in unsere eigentliche Unterkunft um, bevor wir die Stadt erkundeten. Sofia, mit ihren 1,2 Millionen Einwohnern gross genug, um spannend zu wirken, konnte uns nicht wirklich begeistern. Ja, es gibt einige sehenswerte Gebäude und geschichtliche Ereignisse, die hier stattfanden, doch die vier Tage, die wir eingeplant hatten, erwiesen sich als zu viel. Die Innenstadt lässt sich gut an einem Tag besichtigen. Wir besuchten das «Quadrat der Toleranz», wo eine orthodoxe Kirche, eine katholische Kirche, eine Moschee und eine Synagoge nahe beieinanderstehen und so tatsächlich ein Quadrat bilden. Zudem besichtigten wir eine der ältesten Kirchen Europas, die heute in einem Innenhof steht, der auch den Präsidentenpalast Bulgariens beherbergt. Die historische Markthalle war inzwischen zu einem Kaufland geworden und damit nicht mehr wirklich interessant. Spannend hingegen: Auf der Tramlinie 12, die die östliche Innenstadt mit dem Bahnhof verbindet, fuhren alte Basler «Guggummere»-Trams der Firma Schindler. Natürlich stand eine Fahrt damit auf unserem Programm, verbunden mit dem Kauf der Zugtickets für unsere Weiterreise.

Unser eigentliches Ziel in Sofia war jedoch ein Ausflug zum Rila-Kloster sowie eine Wanderung rund um die Rila-Seen. Da es ohne eigenes Fahrzeug nicht einfach ist, dorthin zu gelangen, entschieden wir uns für eine Tour, die beides an einem Tag ermöglichte. Frühmorgens begann die zweistündige Fahrt zur Talstation des Sessellifts. Von dort aus starteten wir mit einem steilen Aufstieg, um an Höhe zu gewinnen. Der Blick über drei der tieferliegenden Seen war atemberaubend. Danach führte der Weg entlang zweier weiterer Seen, bis man sich entscheiden musste, ob man auch noch die höher gelegenen Seen sechs und sieben besuchen wollte. Aufgrund der Zeit begnügten wir uns mit dem Oktosee, ganz nach oben zum siebten See und dem Gipfel reichte es leider nicht. Trotz der vielen Touristen, manche wagten die Strecke sogar in Flip-Flops, war dieser Ausflug eindrucksvoll und die Ausblicke jede Mühe wert. Nach dem Abstieg und der Fahrt mit der Sesselbahn brachte uns der Bus weiter zum Rila-Kloster. Auch wenn Berge, Seen und Kloster denselben Namen tragen, dauerte die Fahrt vom Wandergebiet dorthin nochmals fast zwei Stunden.

Von aussen wirkte das Kloster zunächst schlicht. Am Eingang achteten Wächter darauf, dass alle Besucher Knie und Schultern bedeckt hielten. Nachdem man das Portal überschritten hatte, offenbarte sich, was das Kloster zu einem Besuchermagneten macht: hohe Mauern aus Stein, Ziegeln und Holz, die Unterkünfte und Aufenthaltsräume der Klosterbewohner umschliessen. In der Mitte des Platzes stand die Klosterkirche. Ihre Bemalung, bereits aussen, aber besonders im Inneren, war farbenfroh, detailreich und in dieser Form wohl einmalig. Direkt daneben erhob sich das älteste Gebäude der Anlage: ein alter Wehrturm, der im Vergleich zu den eleganten Formen der übrigen Gebäude beinahe grotesk und brachial wirkte. Das Einzigartige am Kloster war jedoch sein Standort: eingebettet in Nadelwälder an den Hängen des Rila, verlieh ihm die Umgebung etwas Mystisches. Kurz vor 17:00 Uhr begann ein orthodoxer Priester mit einem Hammer auf ein Semantron (Holzbalken) zu schlagen und die Gläubigen zum Gebet zu rufen. Für uns war das das Signal, langsam zum Bus zurückzukehren, um die Rückfahrt anzutreten.

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7 Rila Seen
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Auf dem Heimweg wurden wir von einem Guide noch auf einen selbstgebrannten Raki eingeladen. Keine Sorge, bis heute sehen wir noch gut. 😉

Sofia war zwar eine ruhige Station, doch ins Herz geschlossen haben wir die Stadt nicht. Den Ausflug zu den Rila-Seen würden wir jedoch uneingeschränkt weiterempfehlen. Das Rila-Kloster gilt für viele als Must-Do in Bulgarien. Daneben gibt es aber auch andere Klöster mit ähnlicher Architektur, die ebenso sehenswert wären und dabei wohl weit weniger überlaufen.

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