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Belgrad

10. August 2025

Ohne Erwartungen kamen wir in Belgrad an. Weshalb wir keine hatten, konnten wir beide nicht sagen, doch irgendwie waren wir überzeugt, dass uns die Stadt nicht in den Bann ziehen würde. Kaum hatten wir aber den Busbahnhof verlassen, begegnete uns ein altes Basler «Drämmli» und zumindest ich war sofort überzeugt: Belgrad würde mir gefallen. Pascal brauchte dafür mehr Überzeugungskraft. Seit Anfang 2025 ist der ÖV in Belgrad komplett kostenlos, was wir uns natürlich zunutze machten. Da es jedoch ohne Datenoption und ohne Businformationen auf Google Maps nicht einfach war, eine Fahrt zu planen, stiegen wir an einer Haltestelle ein, fuhren so lange, wie der Bus in die richtige Richtung unterwegs war und stiegen wieder aus, sobald er falsch abbog. Gleich bei unserer ersten Fahrt Richtung Innenstadt hatten wir Glück und gelangten mehr oder weniger direkt zu unserem Apartment. Schnell auspacken, unter die Dusche und los ging es, die Stadt zu entdecken.

Inzwischen war die Sonne bereits am Untergehen, als wir durch die Innenstadt zogen – und ich muss sagen: was für eine Stadt! Im ehemaligen Bohème-Quartier reihten sich Cafés, Restaurants und Brauereien aneinander. An einer Strassenecke legte ein DJ auf, um eine Vernissage zu bewerben. Fasziniert vom Treiben im Quartier Skadarlija vergaßen wir völlig die Zeit. Als die Restaurants ihre Pforten schlossen, blieben wir hungrig auf den Gassen zurück. Auf dem Heimweg wollten wir uns wenigstens einen Imbiss gönnen, doch da wir noch kein Bargeld hatten und viele Läden keine Karten akzeptierten, konnten wir nirgendwo bezahlen. Schon wollten wir resignieren und auf unsere Erdnuss- und Keksvorräte zurückgreifen, als wir in einer kleinen Seitenstrasse eine Kneipe fanden, deren Grill noch glühte und an deren Tür die Logos sämtlicher Kartenanbieter prangten.

Beim Betreten fühlten wir uns um 40 Jahre in die Vergangenheit katapultiert. Alles verströmte das Flair der kommunistischen Zeit im ehemaligen Jugoslawien, den wir nur von Bildern kannten. Ausser uns rauchten alle Gäste ununterbrochen und der Qualm verlieh der Szenerie einen grauen Schleier. Nur das Kartenlesegerät auf dem Tresen verriet, dass wir uns tatsächlich im Jahr 2025 befanden. Hungrig verschlangen wir unseren Teller Ćevapi und Rauchwurst, gingen zufrieden ins Apartment zurück und schliefen erschöpft ein.

Die nächsten Tage waren von einer gewissen Geschäftigkeit geprägt. Wir mussten uns bei der Polizei offiziell anmelden (eine Formalität, die normalerweise beim Check-in vom Hotel übernommen wird) und erhielten ein sogenanntes «White Paper». Ich musste noch meine Abschlussarbeit zur Praxislehrperson fertigstellen, während Pascal am Blog arbeitete oder sich mit einem Bankkundenberater am Telefon zankte. So verbrachten wir die Vormittage im Apartment, beide vertieft in unsere Aufgaben und nach dem Mittagessen, meist Shopska-Salat (bei uns als griechischer Salat bekannt), brachen wir auf, um die Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Wir badeten in der Donau auf der Kriegsinsel, die mit einer Pontonierbrücke mit dem Festland verbunden ist, stellten dabei jedoch fest, dass der Badeplatz am Sava-See die schönere Variante darstellte. Auch ein Sonnenuntergang auf der Halbinsel in der Sava lohnte sich sehr.

Wir besuchten den Park beim Tito-Mausoleum, verzichteten jedoch auf das Jugoslawienmuseum und das Mausoleum selbst. Die Abende verbrachten wir in den zahllosen Bars und Kneipen der Stadt, wobei uns das fehlende Rauchverbot immer wieder irritierte.

An den Uferpromenaden der Donau in Novi Beograd und am Südufer der Save erlebten wir eine regelrechte Bauwut. Überall schossen luxuriöse Wohn- und Bürokomplexe sowie hochpreisige Hotelanlagen aus dem Boden. Besonders stark spürbar war dies in Savamala. Dort entstand ein komplett neues Quartier, nachdem maskierte Personen 2016 über Nacht die alten Häuser des einstigen Künstlerquartiers mit Bulldozern niedergerissen hatten.

Am letzten Abend vor unserer Weiterreise besuchten wir noch eine Strasse nahe dem Containerhafen, die von Clubs und Bars gesäumt ist. Abseits der Wohnquartiere störte hier die feierwütige Jugend niemanden. Grösster Mieter der ehemaligen Lagerhäuser war die Docker-Brauerei, die hinter ihrem Brauhaus einen schönen Garten eingerichtet hatte. Schon bald war jeder Platz besetzt. In der Bar im Gebäude wurden 16 verschiedene selbstgebraute Biere angeboten, vom einfachen Lager bis hin zur spontanvergorenen Gose.

Da Belgrad unsere einzige Station in Serbien war, wollten wir nicht zu viel Bargeld abheben. Nach dem ersten Abend, als noch alles neu und wir leicht überfordert waren, entschieden wir uns, die drei Tage komplett bargeldlos zu meistern. Es funktionierte, wenn auch mühsamer als gedacht. Mit der Zeit entwickelten wir jedoch ein gutes Gespür dafür, ob irgendwo ein Kartenlesegerät vorhanden war oder nicht. Ja, es klappte, fast. Aber das ist eine andere Geschichte und wird im nächsten Blogbeitrag seinen Platz finden.

Auf die aktuellen politischen Ereignisse in Serbien gehen wir hier nicht ein. Wir möchten in diesem Blog unsere persönlichen Erlebnisse und Begegnungen teilen und sie hin und wieder mit einigen Hintergrundinformationen ergänzen.

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1 Comment

  1. Susanne Strub

    Grafiti sisters❤️

    Reply

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