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Budapest

7. August 2025

Ausgeschlafen und mit dem besten Frühstück, das wir je in einem Nachtzug genossen hatten, kamen wir in Budapest-Kelenföld an. Nachdem wir unsere erste Weltreise im Jahr 2020 nicht hatten antreten können, damals hätten wir ebenfalls mit dem Nachtzug nach Budapest gestartet, mussten jedoch aufgrund der Coronapandemie absagen, bewahrten wir die Zugtickets stets auf: Als Erinnerung an jene Zeit und zugleich als Antrieb, eines Tages einen neuen Anlauf zu wagen. Diese Fahrscheine hatten wir auf die Reise mitgenommen und warfen sie mit Tränen der Rührung am Bahnhof in Budapest weg. Es war ein Ritus, durch den wir eine emotionale Last von uns abstreiften und mit frischem Mut in unser Vorhaben starten konnten.

Beladen mit je zwei Rucksäcken begaben wir uns direkt in die unter dem Bahnhof gelegene U-Bahn-Station, um in die Stadt zu gelangen. Unser Studio lag mitten im Zentrum an der «Kossuth Lajos Utca», sodass wir alle wichtigen Orte zu Fuss erreichen konnten. Wir wussten, dass wir ab 11:00 Uhr unser Gepäck in der Unterkunft deponieren durften und machten gleich davon Gebrauch. Anschliessend brachen wir auf, um die Umgebung zu erkunden. Da wir 2017 auf unserer damaligen Überlandreise nach Istanbul schon einige Tage in der Stadt verbracht hatten, wussten wir, was uns erwartete und kannten die meisten Sehenswürdigkeiten bereits. So konnten wir ohne Sightseeing-Druck nach Lust und Laune durch die Strassen ziehen. Die Grosse Markthalle «Nagy Vásárcsarnok» kannten wir schon; daher beschlossen wir, eine der vielen anderen Markthallen aufzusuchen. Unsere Wahl fiel auf die zweitälteste Halle Budapests am Rákóczi-Platz, die im Osten der Stadt lag und nicht weit von unserem Studio entfernt war. Um das lebhafte Markttreiben zu erleben, waren wir jedoch zu spät, denn um die Mittagszeit hatten die meisten Händler ihre Stände bereits geräumt. Einige Essensstände hielten immerhin bis in den späten Nachmittag – meist bis 16:00 Uhr – offen und boten Speisen an. Dort gönnten wir uns ein Lángos, eine herzhafte ungarische Spezialität aus frittiertem Teig, der traditionell mit Sauerrahm und Käse belegt wird. Leider reihte sich auch diese Halle in jene ein, in denen ein grosser Detailhändler als Hauptmieter dominierte.

Am Abend brachen wir erneut auf, diesmal zum Westbahnhof «Nyugati». Dieser wurde vom Architekten August de Serres entworfen, das markante Stahl-Glas-Dach stammte aus dem Konstruktionsbüro von Gustave Eiffel. Seit seiner Eröffnung 1911 diente der Bahnhof auch immer wieder als Schauplatz für Spielfilme. In den 1980er-Jahren stand sein Dach mehrfach vor dem Abriss, da es in schlechtem Zustand war und das Geld für eine Renovation fehlte. 1990 trat jedoch McDonald’s als Investor auf, sodass das Glasdach erhalten blieb, allerdings wurde an der Flanke ein Einkaufszentrum errichtet. Seit 2022 laufen Pläne, den Bahnhof umfassend zu sanieren: Ein dreistöckiger Untergrundbahnhof soll die Funktion der jetzigen Halle übernehmen, während die alten Mauern und das historische Dach erhalten bleiben.

Müde und hungrig suchten wir anschliessend ein bulgarisches Restaurant auf, wo wir Gulasch und Rindseintopf assen, bevor wir noch ein wenig ins Budapester Nachtleben eintauchten.

Der nächste Tag begann mit einem Schaufensterbummel durch die Einkaufsstrasse «Váci utca», an deren Ende das Anna Café liegt. Dort hatten wir uns schon vor acht Jahren ein Frühstück gegönnt. Die Einrichtung erinnert an eine französische Brasserie – sicher nicht der günstigste Ort für einen Kaffee, doch perfekt, um das Treiben auf der Strasse zu beobachten. Später führte uns unser Weg zum berühmten Parlamentsgebäude, das wir ebenfalls auf unserer letzten Budapestreise besucht hatten. Dennoch war es immer wieder imposant anzuschauen. Über die Kettenbrücke gelangten wir nach Buda. Zuerst kehrten wir ins bulgarische Restaurant Ildikó ein. Anfangs hielten wir es noch für einen Geheimtipp, doch je länger wir dort sassen, desto deutlicher wurde uns, dass wir einfach Glück gehabt hatten – immer mehr Menschen stellten sich an, um dort zu essen. Mit vollem Bauch – erneut Gulasch – stiegen wir hinauf ins Burgviertel, verbrachten dort den Nachmittag, schlenderten durch die alten Strassen und Anlagen und genossen die spektakuläre Aussicht auf Pest.

Am Abend verfolgten wir auf unseren Smartphones noch ein FC-Basel-Spiel, natürlich begleitet von einem süssen Baumstriezel, dem «Kürtőskalács». Vielen Dank Budapest, du hast uns den Einstieg in unsere Reise leicht gemacht.

Nach dem Mittagessen, die schwere Lángos lag uns noch spürbar im Magen, spazierten wir in Richtung Donau und betrachteten die Flussschiffe, von denen manche unter Schweizer Flagge fuhren. Unser Ziel war die eindrucksvolle Bálna, ein Kulturzentrum, das aus zwei Reihen restaurierter roter Backsteinspeicher besteht, über denen ein Stahl-Glas-Dach liegt. Von weitem, etwa vom gegenüberliegenden Donauufer, wirkt die Konstruktion wie ein abstrakter Walkörper. Direkt hinter der Bálna entdeckten wir ein kleines Café, das in den Eingang einer Tiefgarage gebaut war. Solche originellen Orte bringen uns in Budapest immer wieder zum Schmunzeln und machen für uns einen Teil des Charmes dieser Grossstadt aus. Da wir uns nun gleich beim Hintereingang der Grossen Markthalle befanden, entschieden wir uns, doch noch hindurchzugehen, um von dort zu unserem Studio zurückzukehren.

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