Reading Progress:

Plovdiv

17. August 2025

Plovdiv erreicht man von Sofia aus ganz gemütlich mit dem Zug. Auch wenn der Bahnhof in Sofia für die Handvoll Züge, die dort abfahren, überdimensioniert erscheint, so bleibt zu hoffen, dass das Zugreisen auch in Bulgarien in Zukunft wieder an Popularität gewinnt. Wir reisten vor allem mit Touristen aus Deutschland, England und Asien, wie viele Bulgaren tatsächlich mit dem Zug unterwegs sind, ist uns nicht bekannt. Der Wagen, den wir bestiegen, war ausrangiertes DB-Rollmaterial, trotzdem war es möglich, relativ pünktlich abzufahren und auch in Plovdiv anzukommen.

Eigentlich stand die Stadt an der Mariza nicht auf unserem Plan, doch auf Anraten von Oliver und Loris entschieden wir uns, Plovdiv eine Chance einzuräumen. Im Gegensatz zu Sofia ist Plovdiv tatsächlich eine Touristenstadt, was Vor- und Nachteile mit sich bringt. Einerseits gibt es genügend Infrastruktur, um einige Tage dort zu verbringen, die Ausgrabungen, die überall in der Stadt verteilt sind, sind mit den nötigen Informationen versehen, sodass auch nicht Ortsansässige die Tafeln problemlos entziffern können. Andererseits entwickeln sich einige Teile der Altstadt zu Partymeilen, wie man sie auch in anderen Touristenstädten des Balkans findet.

Doch der Reihe nach. Nach unserer Ankunft bezogen wir so schnell wie möglich die Wohnung, die wir gemietet hatten und die aus einem Wohn-Essbereich sowie einem Schlafzimmer bestand und wuschen unsere Wäsche. Wir hatten extra darauf geachtet, dass die Unterkunft mit einer eigenen Waschmaschine ausgestattet war. Nachdem wir uns in der Wohnung gemütlich eingerichtet hatten und Pascal einen Kaffee aus der Maschine gezogen hatte, flanierten wir durch die Innenstadt, bestaunten die vielen Graffitis an den Hausmauern und beobachteten, wie sich die Restaurants und Bars für den Abend bereit machten. Leider sind inzwischen viele dieser Graffitis von grossen Marken als Werbeflächen gesponsert, was aus unserer Sicht die Aussagekraft und den ursprünglichen Geist der Kunstwerke ein wenig stört.

Am nächsten Morgen besichtigten wir die Hotspots der Stadt. Zuerst spazierten wir an der Mariza entlang, bevor wir von Norden her den Hügel Nebet Tepe erklommen, um die thrakischen Ausgrabungen zu sehen. Folgte man den Gassen nach unten, gelangte man direkt in die Altstadt, die sich am Abhang dieses Hügels erstreckt. Schöne Häuser mit hölzernen Balkonen standen Spalier und da wir die Altstadt von oben nach unten erkundeten, kamen uns viele geführte Touristengruppen entgegen. Immer wieder boten sich uns aber auch Abschnitte, die wir ganz allein besichtigen konnten. Der Höhepunkt der Altstadt ist zweifelsohne das heutige Ethnographische Museum. Das Haus wurde 1848 von einem Kaufmann erbaut, der eine Handelsgesellschaft in Wien betrieb. Nachdem Plovdiv 1878 von den Osmanen „befreit“ worden war, entschloss er sich, nach Wien zu ziehen. Mit seinen floralen Verzierungen an der Fassade ist das Gebäude ein schönes Beispiel barocker bulgarischer Architektur.

Plovdiv wird von sieben Hügeln umgeben. Auf einem waren wir nun schon gewesen, sechs weitere gäbe es zu erkunden. Wir entschieden uns, als zweiten und letzten den Bunardzhik zu besteigen, auf dessen Spitze das Aljoscha-Denkmal thront. Schon von weitem und überall in der Stadt ist es zu sehen. Die Statue stellt einen russischen Soldaten dar und ist all jenen gewidmet, die Bulgarien von den Osmanen befreiten. Im Sockel sind Reliefs eingehauen, die Kampf und Sieg der Slawen über die Osmanen symbolisieren. Die fast 18 Meter hohe Statue wirkt schon von unten imposant, doch wenn man wie wir direkt daruntersteht, entfaltet sie ihre ganze Wucht.

Nur wenige Meter entfernt beginnt der Kosmonautenweg. Einige sowjetische Kosmonauten, unter ihnen auch Juri Gagarin, der erste Mensch im All, besuchten nach Errichtung der Statue diesen Ort und pflanzten dort jeweils eine Fichte. Leider sind die Bäume inzwischen der Dürre zum Opfer gefallen, die Gedenktafeln aber sind weiterhin gut sichtbar. Vom Hügel blickt man westwärts auf eine lange Allee, die im Rosengarten endet. Am Ende dieser Allee erhebt sich das brutale Bratska-Mogila-Monument, das wie ein Wächter den Eingang des Parks markiert. Natürlich machten wir uns auf den Weg, um es auch aus der Nähe zu betrachten.

Leider ist der Ort für Besucher nicht mehr direkt zugänglich, da die einstigen Messingstatuen und Verzierungen geplündert wurden. Das Monument, das zugleich als Beinhaus diente, wirkt heute wie ein „Lost Place“, abgesperrt von hohen Metallgittern und versehen mit allerlei Drohungen, was passieren könnte, sollte man sie überwinden. Dennoch war es interessant, ins Innere zu spähen und die Betonstatuen zu betrachten. Die Form des Bauwerks erinnert an thrakische Gräber, wie sie in Bulgarien häufig vorkommen und soll an die vielen toten Soldaten erinnern, die Bulgaren und Russen gemeinsam im Krieg verloren hatten. Viele dieser Monumente, die der bulgarisch-russischen Freundschaft gewidmet waren, gerieten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Kritik, immer wieder gab es Versuche, sie zurückzubauen. Im Falle der Bratska Mogila gab es auch Ideen, den Raum in einen Konzert- oder Kultursaal umzuwandeln, doch alle Bemühungen verliefen bisher im Sande.

Zurück in der Innenstadt besichtigten wir auch die älteren römischen Ausgrabungen. Der mitten in der Stadt freigelegte Teil des Stadions von Philippopolis liegt direkt unter der Fussgängerzone und ist von dort gut einsehbar. Ursprünglich war es 240 Meter lang und 50 Meter breit und bot Platz für rund 30 000 Personen. Doch obwohl es einst so gross war, wirkt es weniger beeindruckend als das nahegelegene römische Theater. Dieses wurde komplett renoviert, bietet heute Platz für bis zu 7000 Menschen und dient als Freilichtbühne. Während unseres Aufenthalts fanden dort unter anderem ein Musical und ein Konzert von Miro statt, der Bulgarien beim Eurovision 2010 vertreten hatte. Leider waren wir zu spät dran für Tickets, doch ein solches Event wäre sicher ein Spektakel gewesen.

Auffällig war für uns, dass wir mit unseren Bankkarten, die wir extra für die Reise ausstellen liessen und dem zusätzlichen Bankpaket, das wir dafür erwarben, schlechtere Wechselkurse erhielten als mit anderen Karten, obwohl wir bei diesen Fremdwährungsgebühren bezahlen mussten. Also beschlossen wir, dem auf den Grund zu gehen. Da unsere Bank uns nicht weiterhelfen konnte, machten wir die Probe aufs Exempel: Mit jeder Bank- und Kreditkarte kauften wir in einem Laden jeweils eine Flasche Wasser. Ja, das klingt aufwendig und das war es auch, doch anders konnten wir die Kurse nicht vergleichen. So aber hatten wir eine transparente Übersicht über die Aufschläge, ohne grössere Verluste hinnehmen zu müssen. Das Ergebnis werden wir in einem separaten Blogbeitrag behandeln.

Der Gegensatz zu Sofia ist frappant. Natürlich ist Plovdiv kein Ziel abseits des Massentourismus, im Gegenteil. Dennoch können wir einen Besuch der ältesten durchgehend besiedelten Stadt Europas empfehlen. Die Innenstadt mit ihren Cafés, Bars und Restaurants ist einladend und neben den gemütlichen Ecken gibt es auch kulturell unendlich viel zu entdecken.

Weitere Blogposts

Belgrad

Belgrad

Ohne Erwartungen kamen wir in Belgrad an. Weshalb wir keine hatten, konnten wir beide nicht sagen,...

Budapest

Budapest

Ausgeschlafen und mit dem besten Frühstück, das wir je in einem Nachtzug genossen hatten, kamen...

0 Comments

Submit a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert